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16.05.2012

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Abenteuer & Reisen

Beginn des Inhaltes

Die Wiege der Hochhäuser

Wenn Wolkenkratzer an Wolken kratzen

Alice Lanzke

In Saudi-Arabien wird der höchste Turm der Welt geplant: Der "Kingdom Tower" soll die 1.000-Meter-Marke knacken - und damit den jetzigen Rekordhalter, Dubais "Burj Chalifa", um gut 170 Meter übertrumpfen. Beim Kampf der Rekorde wird schnell vergessen, dass die Geschichte der Wolkenkratzer in den USA, genauer: in Chicago begann.

Modell des "Kingdom Tower" von Adrian Smith and Gordon Gill, der geplanten Aussichtsplattform im Detail und des Turms im Gesamten Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Kombo: ARD.de

Ein spitzer Pfeil, der durch die Wolken stößt: Mit mindestens 1.001 Meter soll der Kingdom Tower in Saudi-Arabien das höchste Gebäude der Welt werden. Um die 850 Millionen Euro wird der Bau nahe der Hafenstadt Dschidda kosten und soll in etwa fünf Jahren abgeschlossen sein. Der markante Turm soll dann Luxus-Appartements, Büros und ein Hotel beherbergen.

Mit dem Kingdom Tower geht der Wettkampf der Hochhäuser in die nächste Runde. Erst Anfang 2010 war der Burj Chalifa (828 Meter) in Dubai mit großem Pomp eröffnet worden. Doch auch der Kingdom Tower bekommt - obwohl noch nicht einmal das Fundament steht - schon Konkurrenz: So wird in Shanghai über einen noch unglaublicheren Wolkenkratzer nachgedacht: Dieser soll 300 Stockwerke umfassen und fast 1.230 Meter in den Himmel ragen. Insgesamt 100.000 Menschen sollen nach 15 Jahren Bauzeit in dem Hochhaus-Giganten Platz finden. Ob dieser allerdings jemals realisiert wird, steht noch in den Sternen. Klar ist allerdings, dass die Rekordhalter der Zukunft in Asien gebaut werden. Dabei begann die Geschichte der Wolkenkratzer auf einem ganz anderen Kontinent: Ein verheerender Brand im US-amerikanischen Chicago führte dazu, dass die Häuser in den Himmel wuchsen.

Ein zwei Tage wütendes Inferno

Der große Brand von Chicago war eine der schlimmsten Katastrophen des 19. Jahrhunderts. Wie es genau zu dem Feuer kam, ist bis heute umstritten. Fest steht, dass es am 8. Oktober 1871 in einer Scheune ausbrach und von dort in rasender Geschwindigkeit über die hölzernen Gehwege und Häuser das gesamte Stadtzentrum erfasste. Zwei Tage wüteten die Flammen, bis es endlich gelang, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Doch das Ausmaß der Zerstörung ließ die Stadtväter daran zweifeln, ob es gelingen würde, Chicago wieder aufzubauen.

300 Tote hatte der große Brand gefordert und mehr als 17.000 Gebäude vernichtet. Bis zu dem Feuer galt die Stadt im US-Bundesstaat Illinois als aufstrebendes Handelszentrum. Einen Tag nach der Katastrophe fanden sich die Geschäftsleute Chicagos zu einer Konferenz zusammen, um über die Konsequenzen der Zerstörung zu diskutieren: Sollte man einen Neubeginn an gleicher Stelle wagen oder an einem anderen Ort von vorne anfangen? Die Kaufmänner entschieden sich zu bleiben – mit Erfolg: In den kommenden Jahren verdoppelte sich die Zahl der Einwohner, nicht zuletzt aufgrund des Baubooms, auf mehr als eine Million. Mit der Bevölkerungsexplosion kam es auch zu einem dramatischen Anstieg der Grundstückspreise, die maximale Ausnutzung der Grundstücksfläche wurde zum obersten Gebot. Konsequenz: Die Häuser Chicagos wuchsen in die Höhe.

Stahlskelette und Fahrstühle

Home Insurance Building Foto: American Landscape and Architectural Design, 1850-1920, Library of Congress Das Home Insurance Building gilt als erstes Hochhaus der Welt.

Möglich machten dies die Errungenschaften des technischen Fortschritts, wie die Entwicklung feuerfester Baustoffe und die Erfindung des Fahrstuhls durch den US-Amerikaner Elisha Graves Otis. Vor allem aber revolutionierte der nun mögliche Stahlskelettbau die Hochhaus-Architektur, der den hohen Gebäuden die nötige Stabilität verlieh. Bei den ersten Hochhäusern durchzog das Skelett den Bau in waagerechten und senkrechten Balken, die das Gewicht trugen und es ihn ein starkes Fundament im Boden leiteten. Bei früheren Bauten musste die Stabilität vor allem durch die Breite der Sockelmauern gewährleistet werden.

Das änderte der Stahlskelettbau, der in Ansätzen bereits beim 1885 vollendeten Home Insurance Building zum Einsatz kam. Das zehn Stockwerke umfassende und knapp 43 Meter hohe Gebäude gilt als erstes Hochhaus der Welt und wurde von William Le Baron Jenney erbaut. Seine Rückwände waren zwar gemauert, doch die beiden Straßenfassaden stütze eine Stahlkonstruktion. Diese erforderte weniger Mauerwerk und ließ größere Fenster zu – die Geburtsstunde moderner Hochhaus-Architektur. Ihr erstes Beispiel, das Home Insurance Buildung, wurde allerdings 1931 abgerissen.

Anziehungspunkt für Architekten

In den Folgejahren zog der Bauboom zahlreiche Architekten nach Chicago, darunter Größen der damaligen Zeit wie Louis Sullivan, John Wellborn Root und eben Le Baron Jenney, die zusammen die so genannte "Chicagoer Schule" prägten. Vor allem Sullivan gilt als Vordenker dieses Architekturstils. Er postulierte, dass Hochhäuser nicht einfach nur gen Himmel wachsen, sondern einen eigenen Charakter haben sollten. Außerdem teilte er die Gebäude in drei Bereiche: Läden im Erdgeschoss, darauf folgend Büroetagen und ganz oben schließlich die Haustechnik wie etwa die Anlagen für Beleuchtung und Lüftung. Typisch für die Chicagoer Schule sind außerdem große Schaufensterflächen im Erdgeschoss. Noch heute stehen vereinzelte Zeugen dieser Zeit in Chicago, so etwa das Reliance Building von Root.

Skyscraper

Galerie PiktogrammChicagos Wolkenkratzer

Marina City und Trump International Hotel & Tower in Chicago Foto: ARD.de/Foto:Alice Lanzke/Kombo: ARD.de

Auch, wenn die höchsten Häuser der Welt nicht mehr in Chicago stehen, hat die Stadt architektonisch einiges zu bieten: So zeugen ihre Wolkenkratzer von der Geschichte dieser Himmelsstürmer. Ein Spaziergang in Bildern. [galerie]

In den Folgejahren entwickelte sich zwischen Chicago und New York City ein beispielloser Wettkampf um den Titel "Höchstes Gebäude der Welt". 1930 hatte New York mit dem Chrysler Building und ein Jahr später mit dem Empire State Building die Nase vorn. Chicago zog zwar weiterhin berühmte Architekten an, darunter Mies van der Rohe, der mit seiner minimalistischen Gestaltung das Stadtbild prägte. Dennoch galt New York mehr und mehr als Metropole der Wolkenkratzer und festigte diesen Ruf noch einmal 1972 mit der Errichtung der mittlerweile zerstörten Twin Towers. Zwei Jahre später dominierte Chicago wieder: mit der Eröffnung des Sears Towers, der heute Willis Tower heißt. Dieser war für gut zwei Jahrzehnte das höchste Gebäude der Welt. 1997 musste der Wolkenkratzer mit seinen gut 442 Metern den Titel allerdings nach Asien abtreten: Die Petronas Towers in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur ragen gut zehn Meter höher gen Himmel.

US-amerikanische Dominanz gebrochen

Seither ist die US-amerikanische Dominanz bei der Hochhaus-Architektur gebrochen. Selbst neuere Projekte, wie der Chicago Spire, ein spektakulärer spiralförmiger Turm, ist bereits vor seiner Vollendung niedriger als der 828 Meter hohe Burj Chalifa, der im Januar 2010 in Dubai eröffnet wurde. Doch auf eine andere Weise kehrt die Wiege der Wolkenkratzer doch wieder an die Spitze der Hochhausbauer zurück: Das Architekturbüro, das den nun geplanten Kingdom Tower entworfen hat, hat in Chicago seinen Sitz.

Stand: 17.08.2011

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