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16.05.2012

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Abenteuer & Reisen

Beginn des Inhaltes

Interview über "unkontaktierten" Amazonas-Indianerstamm

"Der Kontakt muss ihre Entscheidung bleiben"

Vor knapp drei Jahren sorgten Fotos von Angehörigen eines "unkontaktierten" Indianerstammes im Amazonas für Schlagzeilen. Nun sind neue Bilder aufgetaucht, die einen kleinen Einblick in diese isolierte Welt geben. ARD.de hat Fiona Watson von der Menschenrechtsorganisation Survival International dazu befragt.

Die Bilder zeigen eine aktive indigene Gemeinde mit Körben voll frisch geerntetem Maniok und Papaya Foto: Gleison Miranda/FUNAI/Survival (www.uncontactedtribes.org/fotosbrasilien)

ARD.de: Frau Watson, knapp drei Jahre nach den ersten Bildern des "unkontaktierten" Amazonas-Stammes, der in Brasilien nahe der peruanischen Grenze lebt, veröffentlicht Survival International neue Fotos. Was ist ihre Bedeutung?

Fiona Watson: Die Fotos sind wichtig, weil sie zeigen, dass der Stamm immer noch am Leben ist. Man sieht, dass die Menschen gesund wirken, auf manchen Aufnahmen sind gut gedeihende Gärten zu erkennen. Die Bilder sind aber auch deshalb von großer Bedeutung, weil sie auf die Bedrohung der indigenen Völker durch illegale Holzfäller im benachbarten peruanischen Amazonasgebiet hinweisen. Schon lange drängen wir die peruanische Regierung, den Lebensraum dieser Völker zu schützen – doch es ist so gut wie nichts passiert. Manche Menschen argumentieren sogar, dass es die "unkontaktierten" Stämme gar nicht gebe. Auch daher sind die neuen Bilder wichtig: Weil sie noch einmal beweisen, dass diese Völker existieren.

Aber woher haben Sie diese Bilder?


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Fiona Watson ist "Research and field director" für die Menschenrechtsorganisation Survival International, die weltweit für die Rechte indigener Völker kämpft. Diese will zum einen den Lebensraum der "unkontaktierten" Völker schützen und ihnen eine Stimme geben. Zum anderen soll eine Plattform für die politisch aktiven indigenen Völker und ihren Vertretungen geboten werden. Die Nichtregierungsorganisation wurde 1969 in London gegründet und bekam 1989 den Alternativen Nobelpreis.
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Sie wurden von der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (FUNAI) aufgenommen und uns für unsere Arbeit zur Verfügung gestellt. Ein FUNAI-Mitarbeiter war mit einem Team der BBC mitgeflogen, das eine Dokumentation über den Regenwald filmte und dabei auch über den Indianerstamm berichtete.

Nun ist immer von dem "unkontaktierten" Stamm die Rede – ein Begriff, der ja nicht unumstritten ist ...

... "Unkontaktiert" heißt ja nicht unentdeckt. Natürlich wissen wir schon seit 20 und mehr Jahren von diesen Völkern, die wie auf kleinen isolierten Inseln leben. Mit "unkontaktiert" ist gemeint, dass sie keinen Kontakt zu den nationalstaatlichen Strukturen haben. Sie scheinen sich bewusst zurückgezogen zu haben. Wir vermuten, dass sie Nachfahren von Überlebenden von Massakern sind, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Farmern verübt wurden. Ihre bewusste Entscheidung sollte in unseren Augen respektiert werden.

Indigene Völker

Galerie PiktogrammDer Kampf der "Ureinwohner"

Mehr als 1.500 Indianer in traditionellen Kostümen demonstrierten am 17. April 2007 in Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens, für ihre Rechte Foto: picture-alliance/dpa

Weltweit gelten bis zu 350 Millionen Menschen als "Ureinwohner". Armut und Unterdrückung gehören für viele von ihnen zum Alltag. Der Westen sieht sie oft als wehr- und machtlos. Doch immer häufiger schließen sich indigene Völker zusammen und kämpfen für ihre Rechte. [galerie]

Survival International setzt sich für die Rechte indigener Völker ein. In den vergangenen Jahren haben Sie immer wieder auf das Schicksal der "unkontaktierten" Völker aufmerksam gemacht. Worum geht es genau?

Es geht um moralische und ethische Fragen genauso wie um Landrechte, die geschützt werden müssen. In Brasilien ist dies der Fall, hier wurden vier geschützte Territorien eingerichtet. Ganz anders sieht die Situation in Peru aus. Dort wird so gut wie nichts gegen den illegalen Holzabbau getan, so dass der Lebensraum für die Menschen immer kleiner wird.

Gerade vor diesem Hintergrund: Wie realistisch aber ist es denn, dass in unserer heutigen Zeit Völker wie dieser Amazonas-Stamm wirklich ohne Kontakt bleiben?

Natürlich können sie in 30 oder 40 Jahren oder irgendwann in der Zukunft entscheiden, dass sie Kontakt haben möchten. Das sollte aber ihre freie Wahl bleiben.

Auf den Fotos sieht man, dass die abgelichteten Menschen zum Flugzeug heraufblicken – ist dieses Fotografieren nicht schon eine Form der Kontaktaufnahme?

Meiner Meinung nach nicht wirklich. Es gibt zahlreiche kleine Flugzeuge, die über das Amazonas-Gebiet fliegen, das ist also nichts Neues für die Menschen, die dort leben. Zumal sie ein sehr gutes Gehör haben und die Flieger schon von weitem zu hören sind – sie könnten sich also verbergen, wenn sie das wollten. Also nein, da gibt es schlimmere Kontakte - wenn es etwa persönliche Begegnungen geben würde. Vor allem für die Indigenen wäre das fatal, denn ihr Immunsystem kann mit unseren Krankheiten nicht umgehen.

Auf den Bildern sieht man, dass die Menschen sich rot oder schwarz anmalen. Weiß man, wie und warum sie das tun?

Die rote Farbe wird aus den Annatto-Samen des Orleansstrauches gewonnen, sie wird nicht nur als Körperfarbe genutzt, sondern auch zum Einfärben von Hängematten oder Körben. Die schwarze Farbe stammt vom Jenipapo-Baum oder wird aus Kohle gemacht. Generell werden die Körperbemalungen wohl als Schmuck verwendet oder für Rituale. Manche Forscher vermuten auch, dass sie als Sonnenschutz dienen.

Erkenntnisse wie diese sind sicher ein Grund, dass die "unkontaktierten" Völker so spannend für die Menschen sind. Warum aber ist der Kampf für ihre Rechte so wichtig?

Er ist fundamental, denn sie haben das gleiche Existenzrecht wie jeder Mensch und jedes andere Lebewesen auch. Wie man auf den Bildern sieht, sind sie gesund und sehen gut aus, wenn man sie allein lässt – das ist eine Frage von Rechten und eine Frage der freien Wahl. Sicherlich haben sie eine andere Lebensweise als wir, aber das heißt ja nicht, dass sie deswegen weniger Rechte hätten.

Was ist Ihre Sorge?

Wenn diese Völker verschwinden, dann verlieren wir eine ganz eigene Perspektive auf die Welt, eine ganz eigene Lebensweise innerhalb der Vielfalt auf unserer Erde und wir verpassen die Chance, von ihnen zu lernen – nämlich darüber, wie man im Regenwald und ihm Einklang mit ihm lebt. Das wäre ein Verlust, den wir noch gar nicht abschätzen können.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Stand: 31.01.2011

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