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Titanenwurz im Botanischen Garten Berlin
Der große Stinker blüht
Alice Lanzke
Das Warten hat ein Ende: Die Titanenwurz im Botanischen Garten Berlin blüht. Sie zählt zu den außergewöhnlichsten Phänomenen im Pflanzenreich: Nur alle paar Jahre öffnet die größte Blume der Welt ihre Blüte – und verbreitet dann einen bestialischen Gestank.
Schon im Foyer des Tropenhauses im Botanischen Garten Berlin kriecht einem der Geruch in die Nase: eine Mischung aus faulen Eiern und verwesendem Fleisch. Im warmen Gewächshaus selbst wirken die Schwaden, die von der mannshohen, merkwürdig geformten Blume ausgehen, wie eine undurchdringliche Wand. Man kann es nicht anders sagen: Die blühende Titanenwurz stinkt erbärmlich.
Hitze im Kolben
Trotz der Strapazen für die Geruchsnerven ist die Blüte des merkwürdigen Riesen ein Ereignis, über das sich Botaniker auf der ganzen Welt regelmäßig freuen. Denn die "Amorphophallus titanum" (zu Deutsch etwa "unförmiger Riesenpenis") blüht äußerst selten und dann auch nur sehr kurz. Maximal drei Tage dauert das im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Spektakel. Auch im Botanischen Garten Berlin hat das auffällige große Hochblatt bereits begonnen, sich wieder zu schließen und zu welken.
Mit einer Webcam wurde die Ausbildung der Blütenstandsknospe überwacht, nun messen Wissenschaftler Duftentwicklung und Temperatur im Kolben. "Im Tropenhaus herrschen bereits 30 Grad, aber im Kolben der Titanenwurz ist es sogar 45 Grad heiß", erklärt Gesche Holhlstein vom Botanischen Garten. Durch die Hitze verbreite sich der Geruch der Blume, die auf Indonesien beheimatet ist, noch besser. Insgesamt sei er in einem Radius von fünf Kilometer wahrnehmbar.
Gestank als Lockduft
Der große Stinker verströmt nicht nur einen rekordverdächtigen Duft. Die Pflanze ist auch die größte Blume der Welt. Titelverteidiger ist der Titanenwurz in der Wilhelma Stuttgart, der es mit seinen 2,94 Meter sogar ins Guinness Buch der Rekorde schaffte. Das Gewächs in Berlin bringt es dagegen auf "nur" 199 Zentimeter Höhe und einen Umfang von 126 Zentimeter.
Im Vergleich zum stattlichen Gesamtmaß fallen die Blüten des Titanwurz eher klein aus. Hunderte von ihnen, sowohl männliche als auch weibliche, sind in einem großen kolbenförmigen Blütenstand angeordnet. Dieser Blütenstand wird insgesamt als Blume bezeichnet. Er wird bereits am ersten Tag der Blüte sichtbar, umgeben von einem großen Hochblatt, das ihn wie ein hochfliegender Rock umgibt. Am zweiten Blühtag schließt sich das Hochblatt bereits wieder, am dritten Tag beginnt der Blütenstand zu welken und knickt schließlich um. Der markante Aasgeruch ist dabei besonders am ersten Tag wahrnehmbar. Mit ihm werden in der Natur Fliegen angelockt, die auf der Suche nach Tierkadavern für ihre Eiablage die Blüten bestäuben.
In der Natur gefährdet
Wenn die Blütezeit des Titanenwurz vorbei ist, entwickelt die Pflanze nur ein einziges großes Laubblatt, das mehrere Meter Höhe erreichen kann. Nach bis zu zwei Jahren wird das Blatt eingezogen und die Pflanzenknolle legt eine Pause ein. Erst nach dieser Pause wird ein neues Blatt ausgetrieben oder gar ein neuer Blütenstand.
"Amorphophallus titanum" gehört zur Familie der Aronstabgewächse und ist mehrjährig. Wie viele Jahre der Titanenwurz aber tatsächlich lebt, konnten Experten bislang noch nicht klären. Die unterirdische Knolle der Pflanze kann über 100 Kilogramm Gewicht erreichen. 1878 wurde sie auf dem indonesischen Sumatra von dem italienischen Botaniker Odoardo Beccari entdeckt. Mittlerweile ist sie stark gefährdet, wegen der hohen Temperaturansprüche gestaltet sich die künstliche Aufzucht eher schwierig. In Berlin blühte die Titanenwurz davor zuletzt 2009 - kein Wunder also, dass man sich hier über den stinkenden Riesen nun besonders freut.
Stand: 16.05.2011
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