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16.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Kirchengeschichte

Der Zölibat: Seit dem Mittelalter ein "heißes Eisen"

Gwendolyn Mayer

Mehr als tausend Jahre lang hat die Kirche verheiratete Männer zu Priestern geweiht, selbst einige Päpste hatten Frau und Kinder. Erst im Mittelalter wurden Priesterehen für ungültig erklärt. Ein altes Ideal des Mönchtums, sagen die einen, ein finanzieller Vorteil für die Kirche, meinen andere. Wie es zum Pflichtzölibat kam und wie die Kirche der Gegenwart damit umgeht.

Priesteranwärter im Bistum Freiburg Foto: picture-alliance/dpa

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Zölibat stammt vom lateinischen "caelebs" (ehelos) und bedeutet die aus religiösen Motiven gewählte Verpflichtung zu sexueller Enthaltsamkeit. In der römisch-katholischen Kirche besteht für alle geweihten Kleriker der (oder das) Pflichtzölibat. Während die evangelische Kirche den Zölibat ablehnt, besteht er in der Ostkirche nur für Bischöfe. Orthodoxe Diakone und Priester dürfen ihre bestehenden Ehen fortsetzen, nach der Weihe dürfen auch sie nicht mehr heiraten.
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"Wer seine Braut heiratet, handelt gut; aber wer sie nicht heiratet, handelt noch besser", lobte Apostel Paulus diejenigen, die sich zur Ehelosigkeit entschlossen (1 Kor 7,32). Dies sei aber kein Befehl, lediglich ein Rat, fügte er wenige Zeilen später hinzu. Wie konnte es dazu kommen, dass die römisch-katholische Kirche aus einem Ideal eine Vorschrift gemacht hat? Biblisch lässt sich dies kaum begründen. Sollte doch laut Paulus ein guter Bischof stets auch ein guter Familienvater sein. Selbst Petrus, Kirchenbegründer und erster Papst, hatte "eine gläubige Frau" (1 Kor 9,5).

Der Klerus der Frühkirche: Askese als Beruf

In der jungen Kirche der ersten Jahrhunderte war niemand zu sexueller Enthaltsamkeit verpflichtet. Erste Gruppen von Mönchen folgten freiwillig ihren eigenen Idealen von Askese, die später als die drei "evangelischen Räte" (Armut, Gehorsam, Keuschheit) bezeichnet wurden. Als die christliche Religion unter Kaiser Konstantin zunehmend zur Massenbewegung wurde, entwickelte sich der Klerus (Diakone, Priester und Bischöfe) zu einer Berufsgruppe, für die eigene Zugangsvoraussetzungen definiert wurden. Diejenigen, die mit Brot und Wein während der Feier des Abendmahls in Berührung kamen, sollten kultisch rein sein, also nicht durch die Berührung von Samenflüssigkeit oder Blut befleckt werden. Frauen galten aufgrund von Menstruations- und Geburtsblut daher seit der Frühkirche als Quelle der Unreinheit und waren vom Altardienst ausgeschlossen. Diese vom Priester geforderte "Leistungsaskese" diente der Abgrenzung nach außen und ging mit der Entstehung von Hierarchie nach innen einher, so Dr. Hubertus Lutterbach, Professor für Christentums- und Kulturgeschichte an der Universität Duisburg-Essen.

Der lange Weg zum Pflichtzölibat


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Ehe versus Zölibat: Innerkirchliche Debatten regten über viele Jahrhunderte hinweg die Frage an, ob der Ehestand als Sakrament höher zu werten sei als der Zölibat oder umgekehrt. Ein Sakrament ist nach dem Kirchenvater Augustinus ein sichtbares Zeichen, das auf die unsichtbare Wirklichkeit Gottes verweist. Dabei ist die Ehe eines von sieben Sakramenten. Auf dem Konzil von Trient 1563 wurde der sakramentale Charakter der Ehe besonders betont, der Zölibat aber höhergestellt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) stellte Ehe und Priesterzölibat wieder auf eine Stufe.
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In einem Punkt waren sich Vertreter der frühen Kirche einig: Nach seiner Weihe war es einem Priester verboten zu heiraten. Dennoch gab es bereits verheiratete Männer, die geweiht wurden. Von ihnen wurde auf einer Synode (von griechisch synodos: "Zusammenkunft") im spanischen Elvira (um 306) erstmals gefordert, in ihrer Ehe enthaltsam zu bleiben. Dass Ideal und Wirklichkeit schon damals weit auseinanderklafften, belegen zahlreiche Mahnungen und Strafen. Erst das zweite Konzil, das im römischen Lateranpalast im Jahr 1139 abgehalten wurde, erklärte die von Priestern geschlossenen Ehen für ungültig. Kirchenpfründe (Ämter mit Land- und Geldvermögen) konnten von diesem Zeitpunkt an nicht mehr an die Söhne der Priester vererbt werden. Wenn aber noch zweihundert Jahre später Strafmaßnahmen für Priester in Olmütz ausgearbeitet wurden, die an der Hochzeitsfeier ihrer eigenen Kinder teilnahmen, wird deutlich, dass die römischen Dekrete nicht sehr folgsam umgesetzt wurden. Seitdem wurde der Pflichtzölibat auf zahlreichen Konzilien bekräftigt, Verstöße immer strenger geahndet. Die letzte offizielle Bestätigung erfolgte 1967 in der päpstlichen Enzyklika "Sacerdotalis Caelibatus" von Papst Paul IV. – auf der Vollversammlung der Bischofssynode im gleichen Jahr durfte das Thema nicht diskutiert oder in Frage gestellt werden.

Kirchliche Praxis in der Gegenwart

Priesterweihe im Bistum Freiburg Foto: picture-alliance/dpa Priesteramtskandidaten geben bei ihrer Weihe das Zölibatsversprechen.

Laut Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF e.V.) sind zwischen 1964 und 2007 etwa 20 % aller katholischen Priester weltweit von ihrem Dienst suspendiert worden, die meisten, weil sie sich zu einer geschlechtlichen Beziehung bekannten. Wie viele Priester darüber hinaus heimlich eine Partnerin und vielleicht auch Kinder haben, wird wohl immer eine Dunkelziffer bleiben. Bekennt sich ein Priester zu seiner Partnerin, verliert er sein Kirchenamt und wird in den Laienstand zurückversetzt. In Ausnahmefällen gewährt die Kirche einen Dispens vom Zölibat, beispielsweise wenn ein evangelischer oder anglikanischer Pfarrer zum katholischen Glauben konvertiert und zum Priester geweiht werden will.

Moderne Kritik am Zölibat


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Unter einem Dogma versteht die katholische Kirche eine Wahrheit, die von Gott mittels der Bibel oder durch die Überlieferung offenbart wurde. Derartige Lehrsätze gelten unwiderruflich. Der Pflichtzölibat für Priester zählt nicht zu den Dogmen, vielmehr handelt es sich um eine revidierbare kirchenrechtliche Vorschrift.
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"Der zölibatäre Klerus ist zum Aussterben verurteilt“, kritisierte erst kürzlich der Tübinger Theologe Hans Küng im Interview mit der "Zeit". Dieser Prognose folgen angesichts der Glaubwürdigkeitskrise der katholischen Kirche viele gläubige Katholiken. Erst im Januar 2011 formulierten deutsche CDU-Politiker eine Bitte an die Kirche, angesichts des Priestermangels den Zölibat zu lockern. Kurz darauf veröffentlichten am 4. Februar 144 deutsche Theologieprofessoren ein Memorandum, in dem grundlegende Reformvorschläge für die katholische Kirche ausgearbeitet wurden. Darunter befinden sich viele schon oft geäußerte Forderungen, wie eine Reform der Rechtskultur, mehr Beteiligung für Laien sowie Frauen im kirchlichen Amt und verheiratete Priester. Dieser Vorschlag ist nicht neu: Schon Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., unterschrieb als einer von neun Theologen 1970 ein kaum beachtetes "Memorandum zur Zölibatsdiskussion", in dem die deutschen Bischöfe zu einer "Neuüberprüfung der Zölibatsfrage" aufgefordert werden. Darin wird eher zurückhaltend die Möglichkeit der Weihe älterer verheirateter Männer ("viri probati") in Betracht gezogen. Die Deutsche Bischofskonferenz versprach in einer Presseerklärung vom 22. Januar 2011, dieses Anliegen in den kommenden Jahren "neu zu bedenken". Anlässlich des Besuches des Heiligen Vaters in Deutschland sei das Thema aber nicht vorgesehen.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zu: "Der Zölibat: Seit dem Mittelalter ein "heißes Eisen"" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Frank Hammelmann | 23.09.2011 | 11.35 Uhr
Ich stimme Herrn Carsten Langenscheid zu: Es geht dabei um mehr, als um eine interne kirchliche Regelung. Bei "normalen" Arbeitgebern wären diese "Eingriffe" in das Privatleben undenkbar. Den Kirchen sollten hier keine Ausnahmen mehr gestattet werden. Wenn man ihr auch durchaus positive Einflüsse auf unsere Kultur zuschreiben muss. Es gibt aber durchaus viele negative Seiten. Die jüngsten Missbrauchfälle gehören zwar dazu, aber diese alleine durch das Zölibat zu begründen, wäre wohl zu einfach.
bruno ritz | 23.09.2011 | 10.30 Uhr
die kath. kirche hat ohne jeden zweifel sehr viel zur gründung und weiterentwicklung der kultur beigetragen. die kirchenmänner waren ja über viele jahrhunderte weg die fast einzigen schriftkundigen. trotzdem sehe ich keinen weg für die kirche den zölibat abzuschaffen, da er ja sowieso ein künstliches- machtpolitische gebilde darstellt. die kirche muss sich der modernen zeit anpassen oder für die fehler zahlen, wie sie es momentan als damoklesschwert über ihren häuptern schweben hat. pfarrer sind intelligente menschen - männer und frauen - daher können sie auch entsprechenden nachwuchs zeugen.
Frank Hammelmann | 23.09.2011 | 09.51 Uhr
Ich habe mir einiges durchgelesen und muss meine Aussagen korrigieren, bzw. erweitern. Mir ist es eigentlich egal wie die Kirche (kath.) das macht, solange sie sich an die Gesetze hällt. Und ich wüßte nicht, wo Arbeitnehmer mehr beschränkt werden. Es wäre eigentlich ein Fall für das Verfassungsgericht. Aber da hat die Kirche wahrscheinlich immer noch ein Sonderrecht in unserer Verfassung. Das dürfte es für die Kirche nicht geben. Genausowenig wie weitere staatliche Einflüsse (Krankenhäuser, Kindergärten, usw). Gehört alles abgeschafft. Ich könnte es höchstens tollerieren, wenn die Kirche sich komplett reformiert und ändert. Ansonsten können die für sich leben wie sie wollen.

Stand: 21.09.2011

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