Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

16.05.2012

Wir sind eins. ARD
Das Logo von ARD.de

http://www.ard.de/-/id=2170892/d0dyu6/index.html

Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Moderne Milchwirtschaft

Nebenprodukt Kalbfleisch

Nicole Jagusch

Ob als Käse, Joghurt oder pur – Milch gehört selbstverständlich zur Ernährung dazu. Dafür sorgen in Deutschland 4,1 Millionen Milchkühe. Damit eine Kuh täglich gemolken werden kann, muss sie einmal im Jahr kalben. Doch was macht der Bauer mit so vielen Kälbchen und wie wird eine Kuh überhaupt trächtig?

Der warme Duft von Stroh und ein leicht stechender Kuhdung-Geruch erfüllen die Luft im Stall. Dazu gesellt sich das schabende Geräusch von Klauen auf Holzbalken. Die schwarz und braun gefleckten Kühe fläzen im Stroh, stehen auf dem Spaltenboden oder drücken sich zu einer ihrer Kolleginnen durch. Hin und wieder macht sich eine der zweihundert Kühen lauthals in dem von Licht durchfluteten Stall, in dem sich die Tiere frei bewegen können, bemerkbar. Milchkuh Hella ist eine von Ihnen. Das schwarz gefleckte Holstein-Rind soll heute künstlich besamt werden.

Während der rechte Arm von Tierarzt Henrik Wagner fast in der Kuh verschwindet, hält Landwirt Thorsten Klug den Kuhschwanz seitlich fest. Seinen linken Arm stemmt er in die Hüfte und hört dem Tierarzt zu. "Also die würde ich besamen, die hat rechts einen schönen großen Follikel", sagt der Veterinär. Ausgerüstet mit einem Plastik-Handschuh zur Rektalisierung konnte er durch den Kuhdarm Hellas Eierstöcke abtasten.

Kuh Hella ist eine von 4,1 Millionen Milchkühen in Deutschland. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung produzierten sie im Jahr 2010 etwa 29,6 Millionen Tonnen Milch. Das ist in etwa die Menge, die in 11.600 Standardolympiabecken (50m*25m*2m) passen würde. Pro Kuh ergibt das eine Milchleistung von über 7.000 Litern pro Jahr.

Pro Kuh sind 6.500 bis 8.500 Liter Milch im Jahr normal

Tierwirtin vor einem Melkkarrussell Foto: picture-alliance/dpa In einem Karrussel werden die Kühe gemolken.

Generell gibt es bei Kühen fleisch- und milchbetonte Rassen. Ein häufiger Vertreter der Milchrassen ist die schwarz-bunte Holsteinkuh. "Sie setzt wenig Fleisch an, weil sie fast die ganze Energie in die Milch gibt", erklärt Thorsten Sehm, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter. Daneben existieren aber auch die sogenannten Zweinutzungsrassen, die sich sowohl für die Milchproduktion als auch für die Fleischproduktion eignen. Laut Sehm seien diese Fleckviehkühe gesundheitlich stabiler als reine Milchkühe, deshalb bevorzugten einige Bauern Zweinutzungsrassen.


Beginn Texteinschub
Laktation
Die Milchabgabe einer Kuh gliedert sich in vier Phasen. Kurz nach der Geburt ihres Kälbchens gibt sie sehr viel Milch. Danach pendelt sie sich auf den Durchschnittswert von etwa zwanzig bis dreißig Litern pro Tag ein. In der dritten Phase nimmt ihre Milchleistung ab und fällt auf etwa zehn Liter täglich. Etwa sechs bis acht Wochen vor Geburt ihres nächsten Kälbchens wird die Kuh trocken gestellt. Das bedeutet, dass sich in dieser letzten Phase das Euter und sie selbst erholen. Mit der Geburt des neuen Kälbchens beginnen die vier Phasen der Laktation von vorne.
Ende Texteinschub

Wann eine Kuh zur Hochleistungskuh erklärt wird, ist rassenbedingt. "Bei einer Fleckviehkuh könnte das schon bei 12.000 Litern sein", sagt Sehm, wohingegen eine reine Milchrasse 13.000 Liter im Jahr geben müsse. Als normal gelten 6.500 bis 8.500 Liter. Allgemein lasse sich das aber schwer festlegen, denn die Leistung müsse immer in Relation zur Leistung des Gesamtbestandes gesehen werden.

Zwölf Jahre, zehn Kälber und dreißig Liter Milch pro Tag

Cora ist eine 100.000 Liter Kuh Foto: Nicole Jagusch Cora ist eine 100.000 Liter Kuh.

Knackt ein Rind in seiner Karriere als Milchkuh die 100.000 Liter-Grenze, dann gilt es als Porsche unter den Milchkühen. Wie viele von solchen Kühen auf deutschen Höfen stehen, sei unklar, aber "hat ein Hof eine solche 100.000-Liter-Kuh, dann kann er stolz sein, denn sie spricht für gute Haltungsbedingungen", erzählt Sehm. Dies sei aber eher selten, denn nach Sehm gilt die Regel: "Je höher die Milchleistung, desto geringer die Lebenserwartung". Somit erleben manche Kühe diese magische Grenze gar nicht.

Die Lebensleistung von 100.000 Litern Milch schafft eine Kuh nur, wenn sie mindestens zwölf Jahre alt wird, insgesamt zehn Kälber geworfen hat und im Durchschnitt 31 Liter Milch pro Tag gibt. Die Durchschnittskuh gibt in etwa 20 Liter und ihre Karriere verläuft von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen in etwa gleich. Die "Quarks&Co."-Redaktion erzählt aus ihrem Leben.

Leben einer Milchkuh

Video PiktogrammUnd jedes Jahr ein Kälbchen

Kälbchen bekommt nicht durchgängig Muttermilch Foto: wdr

Vom Kalb bis zum Hochleistungstier folgt das Leben einer Milchkuh einem ewig gleichem Muster: Vom Tag der Geburt an steht ihr Lebenslauf fest. Die "Quarks & Co."-Redaktion hat das in einem Trickfilm skizziert. [wdr]

Der Film zeigt den Lebensweg einer Milchkuh ganz pragmatisch: Geboren werden, zwei Jahre warten, dann beginnt das "Berufsleben". Es besteht aus Kälbchen kriegen, Milch geben, Kälbchen kriegen, Milch geben ... so lange, bis die Kuh ihr Lebensende beim Schlachter findet. Ihre männlichen Kälber sind dort meistens schon vorher angekommen, denn für Bullenkälber hat ein reiner Milchbauer keine Verwendung. Trotzdem: Die Kälber sind unvermeidlich, denn "ohne Kalb keine Milch, das konnte noch nicht weggezüchtet werden", scherzt Sehm. Wünschenswert wäre etwa ein Kalb pro Jahr. "Die Kuh hat die gleiche Schwangerschaftsdauer wie der Mensch", so Sehm. Sechs bis acht Wochen nach der Kalbung versuche der Bauer die nächste Befruchtung - wie Bauer Klug bei Kuh Hella.

Ohne Kälbchen keine Milch

Im grünen VW-Bus des Tierarztes lagert ein weiß lackierter Aluminiumbehälter mit Klebeetiketten. "Fidelity RB 25,-E", steht auf einem roten, "Bertin Lim 7,-€", auf einem gelben und "Norder Sbt 4,50 €" auf einem blauen. "Wir nehmen den Bertin", sagt der 33 Jahre alte Landwirt. Tierarzt Wagner öffnet den Behälter, weißer Nebel steigt auf. Das Sperma der verschiedenen Zuchtbullen lagert bei etwa minus 200 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff. Mit einer Pinzette entnimmt er ein Röhrchen mit Sperma, taut es in einem Heizzylinder auf und füllt es in die Besamungspistole, zwei ineinander geschobene dünne Metallkanäle. "Lim heißt Limousin. Das ist eine Fleischrasse", erklärt Wagner. "Landwirte können nicht jedes Kälbchen behalten, deshalb wählen sie gezielt den Samen eines fleischigen Bullen." Die geborenen Kälbchen hätten ein besseres Wachstum und gingen dann in die Mast, denn beim Metzger zähle jedes Kilogramm.

Früher der Dorfbullen, heute die künstliche Besamung

Bevor die künstliche Besamung in der Rinderwirtschaft zum Standard wurde, beurteilten die Landwirte die Eigenschaften des Vaters mit den Augen. Sehm erzählt: "Zu dieser Zeit gab es noch den Dorfbullen. Den hat sich das Dorf gemeinschaftlich angeschafft, weil sich ein Hof allein keinen Bullen leisten konnte." Zum passenden Zeitpunkt sei eine Kuh zum Bullen geführt worden. Doch mit immer größer werdenden Betrieben kamen auch die Besamungsstationen. "Heute macht man aus einer Portion Bullensperma 2.500 Besamungsröhrchen", führt Sehm aus.

Kuh Hella trägt ein schwarzes Halsband mit den gelben Ziffern 8,3,3, kauend steht sie im Stroh. Der Tierarzt überprüft mit seinem rechten Arm rektal die Position der Besamungspistole, die er mit seinem linken Arm in den Gebärmutterhals einführt. Als er den 50 Zentimeter langen Metallkanal in die richtige Position gebracht hat, drückt er ab. Hella schwenkt ihren Kopf nach rechts. Ihre großen dunklen Augen versuchen nach hinten zu blicken. Da ist der Tierarzt auch schon fertig und klopft Hella zum Abschied aufs Becken. Im Brunstkalender an der Wand im Büro notiert der Bauer "833 – Bertin Lim".

Künstliche Besamung ist Arbeitsalltag

Ein erst wenige Tage altes Kälbchen Foto: picture-alliance/dpa Das Geschlecht eines Kälbchens entscheidet über sein Schicksal.

Das künstliche Besamen gehört zum Alltag des Milchbauern genauso dazu, wie "das Frühstück beim Menschen", vergleicht Sehm. Wie viele der Kälbchen heute noch durch den so genannten Natursprung entstehen, weiß er nicht. Er kennt aber Herden, in denen Bullen mitlaufen. "Dadurch steigen aber die Unfallzahlen, wenn einer mitläuft und jeder Kuh 'Guten Morgen' sagt", so Sehm. Käme es zu einer Verletzung, dann müsse der Bulle wohl gehen. 

Streng genommen ist Kalbfleisch das Nebenprodukt der Milchproduktion. "Ein männliches Kälbchen hat zwei Möglichkeiten: Entweder es kommt in die Kälbermast oder in die Bullenmast" sagt Richard Bröcker, Geschäftsführer des Bundesverbands für Kälbermäster, und gibt zu: "Das hört sich hart an. Jährlich werden etwa 300.000 Kälbchen in deutschen Ställen zu sogenannten Schlachtkälbern gemästet."


Beginn Texteinschub
FruchtbarkeitFruchtbarkeit, Brunst, ist auch bei Kühen ein komplexes Geschehen - vor allem, wenn der Bauer die Zyklen seiner Herde mit zweihundert Kühen im Auge behalten muss. Der Zyklus einer Kuh dauert 21 Tage, das heißt, dass die Kuh alle drei Wochen brünstig sein könnte. Der Tierarzt überprüft das während einer so genannten Fruchtbarkeitsuntersuchung. Fällt diese positiv aus, kann die Kuh künstlich besamt werden. Wenn nicht, dann muss drei Wochen gewartet werden. Wurde die Kuh künstlich besamt, kann der Tierarzt 30 - 35 Tage nach der Besamung eine Trächtigkeitsuntersuchung durchführen. Ist die Kuh tragend, dann dauert es etwa 285 Tage von der Besamung bis zur Geburt des Kälbchens.
Ende Texteinschub

Auch bei Bio-Milch ist das nicht anders, denn auch Milchkühe von ökologisch bewirtschafteten Höfen werden künstlich besamt und bekommen Kälbchen. Die Unterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft liegen nur in den Haltungsbedingungen. Beispielsweise erhält bei Bioland-Höfen "jede Kuh Weidegang und /oder einen ganzjährig zugänglichen Außenbereich", so der Verband. Dieses Glück hat nicht jede Kuh, "denn Weide ist Luxus für die moderne Kuh, da der Bauer den Kostendruck im Nacken hat", so Thorsten Sehm.

Eine Kuh, die nicht kalbt, kostet Geld

Ein Mädchen hält eine Kuh mit Drillingen fest Foto: picture-alliance/dpa Mit Almidylle hat die moderne Milchwirtschaft nicht viel zu tun.

Ist es vielleicht nur der große Milchdurst, der eine solch hohe Milchleistung von den Kühen verlangt? Doch selbst wenn die Deutschen weniger Durst auf Milch hätten, käme die Milchproduktion nicht um die Sache mit den Kälbern herum. Demnach ist die Fruchtbarkeit einer Kuh ihr größtes Kapital. Und hinter der Brunst, ihren fruchtbaren Tagen, steckt ein richtiges Management mit Drehscheiben, Wandkalendern und Listen. Und was wenn eine Kuh nicht trächtig wird? Laut Sehm habe das Tier nur zwei Chancen: "Eine Kuh, die nicht fruchtbar wird, kostet den Bauer Geld." Sicherlich würde man einer Kuh, die viel Milch gibt noch eine dritte Chance geben, aber dann gehe sie den Weg zum Schlachter.

Zwei Tage später ist Tierarzt Henrik Wagner wieder auf dem Hof von Landwirt Thorsten Klug. Er kam zwar nicht extra wegen Kuh Hella, aber da er schon mal da ist, kontrolliert er auch ihre Gebärmutter mitsamt den Eierstöcken. Wieder verschwindet sein rechter Arm in der Kuh. Seine Augen blicken konzentriert nach innen und sein Arm dreht sich suchend nach links und nach rechts. "Es war eine Zyste und kein Follikel", stellt der Tierarzt schließlich fest und schaut zu Landwirt Thorsten Klug: "Ein Follikel wäre aufgeplatzt und in den Eileiter gewandert. Die Zyste ist aber noch da." Die Besamung war somit erfolglos. "Jetzt wieder drei Wochen warten bis sie bullig ist", sagt der Landwirt und fügt seufzend hinzu: "Wenn sie es dann nicht annimmt, dann ist sie fällig."

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Wie sehen Sie die Entwicklungen in der modernen Landwirtschaft?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Rudi | 20.10.2011 | 17.17 Uhr
Zu REALIST: Wird diese Technik auch biologisch hergestellt?
Na klar wird sie! Das Stahlgehäuse war mal Eisenerz, was mit Koks und Erdöl zu Eisen und dann zu Stahl verarbeitet wurde, die Innereien sind aus Kupfer, Gold, Silber und seltenen Erden (Metallen) Alles hat seinen biologischen Ursprung, Es kommt darauf an, was wir damit machen, wenn wir die Finger davon lassen, wird alles wieder biologisch in einigen tausend Jahren, wenn nicht, dann kann daraus auch eine Atombombe oder eine giftige Chemikalie werden. Wir sind also die "Bösen Buben"
Realist | 20.10.2011 | 12.22 Uhr
Alle prangern hier den "Raubbau" der Landwirte an und nutzen dennoch einen PC/Internet und höchstwahrscheinlich auch noch andere industriell hergestellte Güter. Wird diese Technik auch biologisch hergestellt?
Realist | 20.10.2011 | 12.20 Uhr
Alle prangern hier den "Raubbau" der Landwirte an und nutzen dennoch einen PC/Internet und höchstwahrscheinlich auch noch andere industriell hergestellte Güter. Wird diese Technik auch biologisch hergestellt?

Stand: 17.10.2011

Die ARD ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
 Standort:
© SWR 2012

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW