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Deutschlands Kinder haben im Vergleich zu denen anderer Industrieländer schlechtere Entwicklungschancen. Ganz hinten an im innerdeutschen Ländervergleich stehen Jungen und Mädchen aus Bremen. Das ergab eine Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef.
Bremerhaven hat innerhalb Bremens die höchste Kinderarmutsrate. 38,4 Prozent der Minderjährigen gelten hier als arm. Bei den unter 15-Jährigen sind es sogar 40,3 Prozent, die in "Bedarfsgemeinschaften" nach dem Sozialgesetzbuch II, auch Hartz-IV-Familien genannt, leben. Hinter diesen Prozentzahlen verbirgt sich die einfache Information: Vier von zehn Kindern, also beinahe jedes zweite Kind, in Bremerhaven leben unter der Armutsgrenze.
Bremerhaven kennt das Problem nicht erst seit der Unicef-Studie. Die eigenen Zahlen waren bekannt, die Bereitschaft zu handeln groß, aber die finanziellen Mittel klein.
Seit den 1970er Jahren sinkt in Bremerhaven die Wirtschaftskraft und die Arbeitslosenquote steigt. Anfang der 70er Jahre war Bremerhaven noch der größte Fischereihafen Europas. Doch die Fischerei ging zurück, der zunehmende Luftverkehr dünnte die Aktivitäten im Fischereihafen weiter aus. In den 1980ern und 1990ern traf die Werftenkrise die Nordseestadt und auch die Umstellung der Hafenbewirtschaftung kostete viele Träger und Hafenarbeiter die Arbeitsplätze. Viele Schifffahrtsberufe verlieren zudem durch das Abwandern großer Reedereien ihre Perspektive.
Mit Kreativität versuchen die Bremerhavener nun das Problem der Kinderarmut anzugehen. Im Frühjahr 2005 rief der Magistrat eine dezernatsübergreifende Arbeitsgruppe ins Leben. Hier geben Vertreter von Initiativen, Arbeitsgemeinschaften, Institutionen und Ämtern "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Strategien gegen die Armut im Kindesalter" oder kurz gesagt, sie überlegen, wie man den Kindern und damit auch der Stadt helfen kann.
Ein erster Schritt war die Einrichtung von Ganztagsschulen. Fördermittel vom Bund und Pisa-Mittel des Landes Bremen halfen dabei. Für 2008/09 hat die finanziell schwach ausgestattete Stadt angedacht, das Essensgeld und die Schulmilch in den Kindertagesstätten und Ganztagsschulen aus der Stadtschatulle zu begleichen, um so die Familien finanziell zu erlasten und die Ernährung der Kinder zu verbessern. So etwas gab es deutschlandweit schon einmal: In den Nachkriegsjahren.
Aber nicht nur Bildung und Ernährung sind Thema in der Arbeitsgruppe "Strategien gegen Armut im Kindesalter", sondern auch Gesundheit und soziale Teilhabe. Im Februar 2007 beschloss die Stadtverordnetenversammlung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche die Beiträge für Sportvereine zu übernehmen, um so die Benachteiligung vieler Jugendlicher zu kompensieren. 10.000 Euro pro Jahr stehen zur Verfügung damit nicht der Geldbeutel der Eltern entscheidet, welches Kind Sport macht und welches nicht.
Die vielen kleinen Bausteine in Bremerhaven helfen die Folgen von Kinderarmut abzuschwächen. Sie lösen aber leider das Problem nicht.
Kinderarmut verschwindet nicht, solange die Eltern arm sind. Jeder zweite Erwachsene in Bremerhaven-Lehe ist arbeitslos. Arbeitsplätze für alle Eltern zaubern, könne sein Ressort nicht, so Bremerhavens Sozialdezernent Wilfried Töpfer. Aber auch die Eltern erfahren Hilfe. In der "Schule für Eltern" werden Elternkompetenzen gestärkt. Hebammen und Elterncafés in Kindertagesstätten dienen als Anlaufpunkt. Auch die "Mama lernt Deutsch"-Kurse sind wichtiger Baustein in der Familienförderung. 2007 kann Bremerhaven unverhofft zehn zusätzliche solcher Kurse anbieten. Das Geld hierfür stammt aus 180.000 Euro, die eigentlich für eine verglaste Straßenbahn vorgesehen waren.
Die Prioritäten sind in Bremerhaven neu gesetzt. Man will nicht mit der hohen Kinderarmut "die Zukunft der Stadt verspielen". Die Frage die bleibt ist, wie die bestehende Problemlage nachhaltig und strukturell bewältig werden kann.
Autorin: Ulla Niemann
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