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Beginn des Inhaltes

Nominiert für den ARD Online Award

Die Chronik der Gefühle

Ein Bild aus der Anfangszeit des Kinos: Ein Elefant, der auf Coney Island drei Wärter getötet hat, soll öffentlich hingerichtet werden. Das riesige Tier lässt sich vertrauensvoll zu seiner Hinrichtung führen.

"Skizzen zu Zeiträumen, die länger dauern als ein Lebenslauf: die Sterne, Äonen, Generationen. Wir, die wir übrig sind aus den Vorzeiten, tragen etwas in uns, ohne das wir nicht überlebt hätten: DAS URVERTRAUEN. Jedes Lebewesen erhält davon seinen Anteil bei der Geburt: 'Wer immer hofft, stirbt singend.' " (Alexander Kluge)

Elefant Foto: colourbox.com

Aus der Anfangszeit des Kinos existiert eine Aufnahme von der öffentlichen elektrischen Hinrichtung eines Elefanten, der auf Coney Island drei Wärter getötet hatte. Dieses Material taucht bei Alexander Kluge immer wieder auf, als Erzählung, als Bild, als Film. Der für Kluge wichtigste Moment ist dabei der vertrauensvolle Blick des riesigen Tiers, das sich ruhig zu seiner Hinrichtung führen lässt.

"Marx nennt Ideologie das notwendige falsche Bewusstsein. Dazu gehört, dass wir Menschen als Säuglinge mit gläubigem Blick in die Wirklichkeit schauen und weil die Mutter zurückblickt, glauben wir, dass die Welt es gut mit uns meint. Das ist ein grundlegender Irrtum, von dem wir leben bis wir sterben. Unsere Welt meint es mit den Menschen nicht gut. Wir können diesen Irrtum aber nicht aufgeben. Freud nennt das das Urvertrauen." (Alexander Kluge)

Das Hörspiel "Der lange Marsch des Urvertrauens" ist Bestandteil der insgesamt 12-stündigen Produktion "Chronik der Gefühle".

Alexander Kluges zweibändige "Chronik der Gefühle" erschien im Jahr 2000 bei Suhrkamp: Über 2000 Seiten, sämtliche veröffentlichte Erzählungen seit 1962. In Kluges Erzählungen verweben sich Zeitgeschichte und die Erlebnisse Einzelner, Dokumentarisches und Fiktion gehen als Faction in eine neue Kategorie über. Die Hörspieladaption folgt der Struktur der Chronik. Jedem Teil steht ein Minutensong voran, in dem ein Kluge-Zitat zu Techno, Electro oder Pop verarbeitet wurde. Im Kontrast dazu ziehen sich Klangeinheiten aus Wagners "Götterdämmerung" durch das Hörspiel. Alexander Kluge wirkt als Sprecher mit und reflektiert seine Geschichten.



HÖRBAR: "Chronik der Gefühle"

Hörprobe

Jemand hat es ausgerechnet, das Gesamtgewicht aller Lebewesen auf der Erde. Der Mensch macht nur einen Bruchteil aus. Und: auch das Böse hat Gewicht!

Telegramm aus Berlin, Kriegserklärung an Frankreich. Friedensliebende Telegrafisten wandeln die codierte Nachricht ab, es kommt nur Kauderwelsch an.

Der ehemalige DDR-Forscher erklärt dem todkranken Dichter Heiner Müller den Plan: Uraltes und wertvolles Wasser aus der Sahara fördern und verkaufen.



Die Mitwirkenden

Alexander Kluge
Wolfgang Hinze
Ilja Richter
Hanns Zischler
Johannes Herrschmann
Peter Fricke
Christian Friedel
Monika Manz
Elfriede Jelinek
Romuald Karmakar
Christoph Englert

Musik: Woog Riots
Sowie die Solisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks:
Petra Schiessel, Werner Mittelbach, Rainer Seidel, Thomas Ruh, Christiane Hörr, Helmut Veihelmann, Teja Andresen und Frank Reinecke

Ton: Hans Scheck
Regie: Karl Bruckmaier
Assistenz: Stefanie Ramb
Technik: Susanne Herzig

Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2009

Dauer: 55'35''


Hinweis: Dieses Hörspiel war zum Nachhören und Herunterladen freigegeben - aus rechtlichen Gründen befristet bis zum 9. November.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zu: "Die Chronik der Gefühle" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Hansl | 09.11.2009 | 13.51 Uhr
@druschba
Hörspielbearbeitung einer Sammlung von Erzählungen, an der der Autor selbst massiv mitgewirkt hat. Insofern durchaus ein Autorenhörspiel. Der entneutralisierte aber nicht plump Human-Touch-lastige Blick Kluges auf Nachrichten aller Art vermittelt erst ein tieferes Verständnis dessen, was da passiert ist. Mir scheint dies der letzte Teil des 14-teiligen Hörspiels zu sein, das aktuell auf BR2 Radio läuft. Heute Abend kommt Teil 8 :-)
Markus Eins | 08.11.2009 | 19.05 Uhr
Der Einstieg in die Geschichte (Elefantenhinrichtung) sehr gut. Dann folgt jedoch eine Art Kulturprogramm-Zapping mit wirrem Themenmix aus langatmigen Monologen, Features und (Pseudo-?)Dokus. Fast wie eine Stunde ZDF-Infokanal gucken. 1 Punkt von 10.
druschba | 07.11.2009 | 15.35 Uhr
Eine Romanbearbeitung, kein Hörspiel.

Stand: 21.10.2009

Der Autor
Alexander Kluge Foto: Markus Kirchgessner / DCTP


Alexander Kluge, geboren 1932, wird Anfang der 1960er Jahre gleichzeitig als Schriftsteller und Filmemacher bekannt: 1962 liest er bei der Gruppe 47 aus dem Band "Lebensläufe" und veröffentlicht zusammen mit 25 jungen Filmern das "Oberhausener Manifest". Seit 1988 sorgt Kluge in so genannten Kulturfenstern im Privatfernsehen für Überraschungen: In 20 Jahren entstehen ca. 1500 Stunden Sendezeit mit Gesprächen und neuen TV-Formaten wie "Facts & Fakes". Im Jahr 2000 erscheinen Kluges sämtliche Erzählungen unter dem Titel "Chronik der Gefühle". Er wurde mit dem Bremer Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis und dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.