Ein Computerraum reicht nicht

Kinderhände auf einer Tastatur. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Medienkompetenz an Schulen

Ein Computerraum reicht nicht

Alice Lanzke

Kinder und Jugendliche von heute haben mehr Medien zur Verfügung als jede Generation vor ihnen. Aber haben sie auch das nötige Rüstzeug, um kompetent damit umzugehen? Bei einem Kongress in Berlin lautete die klare Antwort von Medienpädagogen: Nein.

Berlin, 19. März 2011: 20 Jugendliche schlagen einen 17-Jährigen brutal zusammen, weil er mit ihnen über das Cyber-Mobbing seiner Freundin reden wollte. Sie war auf einer Internetseite beschimpft und angepöbelt worden. Dazu passt das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Demzufolge ist schon knapp jeder Dritte zwischen elf und 20 Jahren Opfer von Lästereien im Netz geworden. Hinzu kommen die alltäglichen Meldungen über Belästigungen in Chats und Foren, Datenklau und Abofallen. Die schöne neue Medienwelt – sie scheint vor allem von negativen Schlagzeilen bestimmt zu werden.

Keine andere Generation hatte mehr Medien zur Verfügung wie heutige Kinder und Jugendliche: Computer und Internet haben sich neben den klassischen Medien als feste Größe im Alltag etabliert. Die "Digital Natives", wie diese Generation auch genannt wird, wachsen von klein auf mit Handy, Laptop und Co. auf – der Umgang mit diesen Geräten erscheint fast schon selbstverständlich. Schlagzeilen wie jene über den Überfall in Berlin zeigen jedoch, dass ein selbstverständlicher Umgang nicht reicht.


Das Medienpädagogische Manifest

Im März 2009 veröffentlichte die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" ihr Medienpädagogisches Manifest mit zentralen Forderungen zur Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Zu den Erstunterzeichnern gehörten die Kommission Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die Fachgruppe Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik‐ und Kommunikationswissenschaft, die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), die JFF - Jugend, Film, Fernsehen e.V., das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sowie zahlreiche Medienpädagogen und weitere Personen und Einrichtungen.

Kontinuität statt "Feuerwehr-Aktionen"

Zu dem gleichen Ergebnis kam auch der erste medienpädagogische Kongress, der am 24. und 25. März 2011 in Berlin stattfand. Organisiert wurde er von der Initiative "Keine Bildung ohne Medien", die schon im Frühjahr 2009 mit dem "Medienpädagogischen Manifest" Stellung bezogen hatte. Beim Kongress diskutierten nun 400 Fachleute aus Bildung und Wissenschaft über eine breitere und bessere Verankerung von Medienbildung. Durch die Meldungen über die brutale Schlägerei am Wochenende zuvor gewann das Expertentreffen zusätzlich eine traurige Aktualität. Dennoch plädierte Horst Niesyto, Sprecher der Initiative, dafür, nun keine "Feuerwehr-Aktionen oder schnelle Verbote" aufzulegen. "Wir brauchen für die Bildungsrepublik Deutschland eine andere Förderung von Medienpädagogik", so Niesyto.

Medienkompetenz, so die einhellige Meinung der Kongressteilnehmer, spiele in allen Lebensphasen, Altersstufen und an allen Orten eine Rolle – nur, wer kritisch, selbstbewusst und kreativ mit den Möglichkeiten unserer Medienwelt umgehen könne, sei auch in der Lage, ihre Risiken und Chancen kompetent einzuschätzen. Diese Forderung umschreibt auch gleich die Definition für Medienkompetenz, die mehr ist als das reine Bedienwissen über neue Technik. Medienkompetenz bedeutet das Verstehen medialer Botschaften und ihre Einordnung. Sie beschreibt aber auch eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe – nämlich das eigene Gestalten und Produzieren medialer Inhalte, etwa in Form von Videoclips, Blogs oder anderer Web 2.0-Anwendungen. Dazu kommt schlussendlich die Fähigkeit zur Medienkritik und ein Verständnis über die wirtschaftlichen Hintergründe der Medienproduktion.

Deutschland vergleichbar mit der Slowakei

Prof. Dr. Horst Niesyto beim "Medienpädagogischen Kongress" in Berlin. | Bildquelle: Keine Bildung ohne Medien

Ein wesentlicher Ort, um diese umfassende Medienkompetenz zu vermitteln, ist die Schule. Dies zeigt sich auch in den Forderungen, die als Fazit des Kongresses formuliert wurden. So heißt es "Kein Jugendlicher darf die Schule ohne grundlegende Medienbildung verlassen, keine Lehrkraft darf ihre Ausbildung ohne Kompetenz zur Medienbildung abschließen. Medienbildung ist als fester Bestandteil von Fort- und Weiterbildungen in allen Bildungsbereichen zu verankern".

Schon jetzt gibt es zwar bereits zahlreiche Projekte in den einzelnen Bundesländern, die die Medienkompetenz von Lehrern und Schülern stärken sollen. Dazu kommt eine sich allmählich verbessernde Ausstattung der Schulen mit Computern und Multimedia-Bibliotheken. Dies reiche allerdings nicht aus. Vielmehr sei ein langfristiger Strukturwandel notwendig, der Medienpädagogik als integralen Bestandteil aller Bereiche begreife und entsprechend kontinuierlich fördere. Dementsprechend sprachen sich die meisten Kongressteilnehmer auch gegen ein eigenes Fach "Medienkompetenz" aus. Stattdessen müsse der Umgang mit Medien in allen Fächern gelehrt werden. Aktuell nehme Deutschland beim Einsatz von neuen Medien an Schulen bestenfalls eine Mittelfeld-Position ein, erklärte Rudolf Kammerl, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. "Gemessen mit anderen Ländern ist Deutschland etwa mit der Slowakei vergleichbar."

Nicht nur die Risiken sehen

Teilnehmer beim "Medienpädagogischen Kongress" am 24. und 25. März 2011 in Berlin. | Bildquelle: Keine Bildung ohne Medien

Insgesamt, so Horst Niesyto, sollten an den Schulen Mindeststandards für die Medienbildung für verschiedene Altersstufen eingeführt werden – und das auf Bundesebene. Hier sei die Politik noch stärker gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Außerdem sollte die Forschung zur Medienpädagogik stärker gefördert werden. Daneben sollten sich die Schulen stärker für außerschulische Partner öffnen, wie zum Beispiel Jugendprojekte, die bereits viele Erfahrungen mit der Vermittlung von Medienkompetenz gesammelt haben.

Bei allen Schwierigkeiten, die im Bereich der Medienbildung existieren, und allen negativen Schlagzeilen, die die Risiken der neuen Medienwelt thematisierten, herrschte beim Kongress doch in einem Punkt Einigkeit: Eine stärkere Kontrolle von Kindern und Jugendlichen oder gar eine Sperrung bestimmter Inhalte seien keine Wege zur Vermittlung von mehr Medienkompetenz. Stattdessen ginge es darum, die "Digital Natives" für die neue Lebenswelt fit zu machen – mit dem Bewusstsein über ihre Risiken, aber auch dem Wissen um ihre Chancen und Potenziale.

Stand: 01.04.2011, 09.38 Uhr

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Spielregeln für die neue Medienwelt

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