Gewalt in den Medien: Theorien in der Praxis

Zwei maskierte Männer richten Gewehr und Pistole auf den Betrachter. | Bildquelle: colourbox.de

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Gewalt in den Medien

Theorien in der Praxis

Stefan Frerichs

Ist Gewalt in den Medien für die Nutzer eher ein Ventil zum Abbau von Aggressionen oder lädt sie die Nutzer eher aggressiv auf? Die Gewaltwirkungsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten diese beiden sich widersprechenden Hauptrichtungen verfolgt und zahlreiche Theorien entwickelt. Und auch innerhalb dieser beiden Erklärungsrichtungen gibt es widersprüchlich Ansätze. Doch haben sich diese Theorien, mit denen mögliche Wirkungen von Gewaltdarstellungen auf die Mediennutzer erklärt werden sollen, in der Praxis bewährt?

Wirkt Gewalt in den Medien hemmend?

Eine Hauptrichtung der Gewaltwirkungsforschung hat diskutiert, ob Gewalt in den Medien auf die Zuschauer oder Computernutzer einen positiven Einfluss haben kann. Laut der Triebtheorie von Sigmund Freud entsteht im Menschen permanent aggressive Energie, die abreagiert werden muss. In diesem Zusammenhang soll Gewalt in den Medien beim Nutzer dazu führen, dass sein Drang zu eigenen gewalttätigen Handlungen abgebaut wird. Die Medien schaffen dem Rezipienten demnach durch stellvertretende Gewalterlebnisse ein Ventil, das eine psychische Reinigungsfunktion hat (Katharsis).

Auf Freuds Triebtheorie bezieht sich auch ein weiterer Ansatz, wonach durch die Beobachtung von Gewaltdarstellungen nicht Aggression abgebaut, sondern Angst ausgelöst wird. Durch diese Angst soll die eigene Aggressionsbereitschaft des Nutzers gehemmt werden (Inhibition). Sowohl die Kartharsistheorie als auch die Inhibitionstheorie konnten durch wissenschaftliche Untersuchungen nicht bestätigt werden. Heute herrscht in der Gewaltwirkungsforschung die Meinung vor, dass niemand durch den Konsum von Gewalt in den Medien friedfertiger wird.

Wirkt Gewalt in den Medien stimulierend?

Eine andere Hauptrichtung der Gewaltwirkungsforschung geht davon aus, dass Mediengewalt auf die Nutzer einen negativen Einfluss hat. Demnach haben Gewaltdarstellungen keine Ventilfunktion, sondern steigern im Gegenteil die Aggressivität der Zuschauer oder Computernutzer und erhöhen dadurch deren Gewaltbereitschaft (Stimulation). Diese Stimulationstheorie konnte in wissenschaftlichen Untersuchungen zumindest teilweise bestätigt werden.

So ist inzwischen weitgehend unstrittig, dass Gewalt in den Medien in der Lage ist, die Nutzer gefühlsmäßig zu erregen. Außerdem wurde nach dem Konsum von Gewalt in den Medien ein aggressiveres Verhalten und eine höhere Gewaltbereitschaft festgestellt. Strittig ist aber, ob dies allein eine Folge der Gewaltdarstellungen ist oder die Folge einer allgemeinen Erregung. Es wurde nämlich auch beobachtet, dass nicht-gewalttätige Medieninhalte wie Erotikfilme oder Sportübertragungen Aggressionen auslösen können.

Wirkt Gewalt in den Medien abstumpfend?

Eine weitere Theorie zum negativen Einfluss von Mediengewalt vermutet, dass man sich bei ständiger Konfrontation mit Gewalt im Fernsehen oder in Computerspielen allmählich daran gewöhnt (Habitualisierung). Ein längerfristiger Konsum von medialer Gewalt führe auch zu einer Abstumpfung gegenüber realer Gewalt. Dies könne sogar dazu führen, dass sich Persönlichkeitsstruktur und Moralauffassungen der Nutzer verändern, weil sie Gewalt als alltäglich wahrnehmen und als Mittel zur Konfliktlösung ansehen.

Die vorliegenden Untersuchungen lassen noch keine abschließende Bewertung dieser Habitualisierungstheorie zu. Es kann tatsächlich beobachtet werden, dass sich Nutzer an Gewalt in den Medien gewöhnen, daraus kann man aber nicht auf eine Abstumpfung gegenüber realer Gewalt schließen. Auch eine negative Veränderung der Persönlichkeit von Mediennutzern und eine grundsätzliche Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt wurde nicht beobachtet.

Wirkt Gewalt in den Medien als Vorbild?

In einer anderen Theorie zum negativen Einfluss von Gewalt in den Medien wird davon ausgegangen, dass Gewaltdarstellungen vor allem für Kinder Handlungsmuster bieten, die sie in vergleichbaren Situationen selbst zu Gewalttaten anregen (Lernen am Modell). Es wird zwar keine direkte Nachahmung der Mediengewalt erwartet, aber vermutet, dass beobachtetes Gewaltverhalten als Vorbild dient und dann auch in Wirklichkeit angewandt wird. Daneben wird angenommen, dass dafür besonders empfängliche Mediennutzer durch gewalttätige Medieninhalte zu einem ähnlichen, aggressiven Verhalten beeinflusst werden können (Suggestion).

Wissenschaftlichen Untersuchungen zur Theorie vom Lernen am Modell und zur Suggestionstheorie konnten diese teilweise bestätigen. So werden durch die Medien vermittelte aggressive Verhaltensmuster dann umso eher übernommen, wenn der Nutzer ohnehin zur Anwendung von Gewalt neigt und wenn seine wirkliche Lebenssituation dem medialen Vorbild ähnelt (beispielsweise bei Rassenkonflikten). Außerdem gilt inzwischen als sicher, dass vor allem labile Menschen durch Medienereignisse seelisch beeinflusst werden können. So wurde beispielsweise beobachtet, dass nach Medienberichten über Selbstmorde die allgemeine Selbstmordrate steigt (der sogenannte "Werther-Effekt").

Stand: 29.02.2012, 00.00 Uhr

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