Gewalt in den Medien: Was ist Gewalt überhaupt?

Zwei streitende und schreiende Frauen. | Bildquelle: colourbox.de

Bildquelle: colourbox.de

Gewalt in den Medien

Was ist Gewalt überhaupt?

Stefan Frerichs

Der Begriff "Gewalt" wird meist mit absichtlicher körperlicher Gewalt gleichgesetzt - dies ist sogar in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Gewaltwirkungsforschung der Fall. Dabei könnte eine differenziertere Betrachtung dazu beitragen, die Ursachen von Gewalt und die Wirkungen von Gewaltdarstellungen in den Medien besser zu verstehen. Bei genauerer Betrachtung lassen sich unterschiedliche Formen von Gewalt in verschiedene Abstufungen einteilen.

Strukturelle Gewalt

Zunächst kann man zwischen struktureller Gewalt und persönlicher Gewalt unterscheiden. Unter struktureller Gewalt versteht man Gewalt, die durch den Aufbau und die Regeln eines Gesellschaftssystems entsteht. Sie ist im Gegensatz zur persönlicher Gewalt nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, sondern kann nur durch den Verstand erschlossen werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich strukturelle Gewalt häufig aus gesellschaftlichen Normen und sozialen Traditionen entwickelt, die rational nicht fassbar sind. Beispiele sind die Ausgrenzung von Migranten oder die Benachteiligung von Frauen. Strukturelle Gewalt wird in der Gewaltwirkungsforschung bislang kaum berücksichtigt. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sie kaum beobachtbar ist und ihre Auswirkungen somit auch nicht direkt zähl- oder messbar sind.

Seelische Gewalt

Dabei könnte strukturelle Gewalt möglicherweise eine Erklärung für persönliche Gewalt sein. Sie entsteht nicht in erster Linie aus gesellschaftlichen Ursachen, sondern geht von einzelnen Personen oder Gruppen aus. Persönliche Gewalt lässt sich wiederum in seelische Gewalt und körperliche Gewalt aufteilen. Beispiele für seelische Gewalt sind Anschreien, Beleidigung, Erpressung bis hin zur Androhung körperlicher Gewalt. Neben solchen beobachtbaren Beispielen gibt es auch Formen seelischer Gewalt, die für Außenstehende nicht ohne weiteres wahrnehmbar sind. Dies sind verborgene zwischenmenschliche Verhaltensweisen wie Ausgrenzung, Liebesentzug oder Verleumdung. Hänseleien in der Schule oder Mobbing am Arbeitsplatz sind genauso seelische Gewalt, wie Verleumdungen in sozialen Netzwerken. Auch seelische Gewalt ist kaum zähl- oder messbar und wird in der Gewaltwirkungsforschung ebenfalls vernachlässigt.

Körperliche Gewalt

Verglichen mit struktureller oder seelischer Gewalt ist körperliche Gewalt eine offensichtliche Form. Beispiele sind natürlich Schläge, Tritte oder der Einsatz von Waffen gegen Personen, aber auch körperliche Gewalt gegen Sachen. Von zentraler Bedeutung für die Beurteilung von körperlicher Gewalt ist der von ihr verursachte Schaden, wie Sachbeschädigungen, Verletzungen und Tötungen. Doch auch Handlungen, die keinen materiellen oder körperlichen Schaden anrichten, können zu körperlicher Gewalt zählen. Beispiele hierfür sind Freiheitsberaubung, Nötigung oder Mordversuch. Ein Heckenschütze, der sein Ziel verfehlt, ist genauso gewalttätig, wie ein Drängler auf der Autobahn.

Motive für Gewalt

Gewalt geschieht nicht zwangsläufig absichtlich. Auch Körperverletzung oder Tötung aus Fahrlässigkeit oder Unwissenheit beispielsweise bei einem Unfall ist ein Ausdruck von Gewalt. Eine Unterscheidung von ungewollten und beabsichtigten Handlungen lässt sich nicht durch den Begriff "Gewalt" erreichen, sondern über den Begriff "Aggression". Aggression ist eine Gewaltbereitschaft mit der Absicht zu schaden, wogegen einer unbeabsichtigt gewalttätigen Handlung keine Aggression zugrunde liegt. Die Suche nach den Motiven von Gewalttätern ist für die Gewaltwirkungsforschung von großer Bedeutung, jedoch werden die Ursachen von Aggressionen ebenfalls häufig nicht untersucht.

Stand: Wed Feb 29 00:00:00 CET 2012 Uhr

Darstellung: