Interview: Smartphones in Kinderhand

Thomas Feibel. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Medienjournalist Thomas Feibel

"Unsere Kinder lernen von uns"

Ein Interview von Andreas Jacob

Smartphones sind wahre Multitalente, die Telefon, Internet, Computer, Kamera und MP3-Player in einem Gerät vereinen - für den Nachwuchs ein verlockendes Spielzeug. Wie sinnvoll das Telefon fernab aller Spielereien für Kinder ist, erklärt Thomas Feibel. Der Medienjournalist und Autor beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Kinder und neue Medien. Seine Beobachtungen teilt er auf seiner Homepage "feibel.de".

 

Herr Feibel, heute besitzt ein Viertel der deutschen Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren ein Smartphone. Mit einem Handy haben die Multimediageräte nur noch wenig zu tun. Warum müssen es die teuren Telefone überhaupt sein?

Generell stellt sich für mich die Frage, warum Kinder überhaupt ein Handy haben? In erster Linie, weil die Eltern es wollen. Es geht einerseits um Kontrolle, andererseits auch darum, mit dem Kind in Verbindung zu bleiben. Klar, wenn die Kinder zwischen Smartphone und Handy entscheiden sollten, würden sie immer das Smartphone wählen. Das muss aber meiner Meinung nach nicht sein. Der Grund für ein Handy ist, erreichbar zu sein. Dafür ist kein Smartphone notwendig.

Trotzdem legen einige Eltern die teuren Geräte auf den Geburtstagstisch.

Wie gesagt, die Kinder wünschen sich das. Wenn Sie heute mit 150 Euro in ein Spielzeuggeschäft gehen und für ihren 13-jährigen Sohn etwas kaufen wollen, das nichts mit Elektronik zu tun hat, haben Sie ein Riesenproblem. Sie werden fast nichts finden. Natürlich ist es einfacher, etwas zu verschenken, von dem Sie wissen, dass es tatsächlich gut ankommt. Aber muss dann die Lösung immer gleich Technik sein?

Sie finden Gesellschaftsspiele besser als Smartphones?

Ja. In Fachkreisen gibt es den Begriff "Age Compression". Die Kinder werden heute immer früher erwachsen, haben immer früher mit elektronischen Geräten zu tun und steigen immer früher aus dem Eintauchen in das freie Spiel aus. Meine Erfahrung ist: Wenn wir uns mehr Zeit nehmen mit Lego oder Brettspielen, sind Ersatzspielsachen wie Konsolen oder Smartphones nicht so wichtig. Wenn wir verhindern wollen, dass Medien die Macht über unsere Kinder bekommen, müssen wir definitiv mehr Zeit mit ihnen verbringen. Das ist die einzige Strategie.

Viele Eltern finden es problematisch, dass ihre Kinder mit einem Smartphone permanenten Zugang zum Internet haben.

Das geht ja auch schon beim iPod. Eltern müssen generell und unabhängig vom Gerät erklären, was die Chancen und Gefahren des Internets sind. Kinder kennen oft die wichtigsten Regeln nicht.

…zum Beispiel?

Gib deinen Namen, deine Telefonnummer und deine Adresse nicht preis. Das Wichtigste aber: Eltern müssen immer veranschaulichen, warum Kinder das nicht machen sollen. Zum Beispiel, weil Pädophile im Netz unterwegs sind, die sich zum Sex verabreden wollen. Kinder, die im Internet surfen dürfen, sind alt genug, das zu verstehen. Sie begreifen dann, dass diese Regeln etwas mit Schutz zu tun haben.

Es gibt eine "Eltern-App", mit der Eltern von ihrem Smartphone aus spezielle Seiten für ihre Kinder freischalten, nachdem die jungen Nutzer eine Anfrage an ihre Eltern gesendet haben. Ist das nicht sicherer als ein Gespräch?

Nein. Erziehung kann nicht von einer Maschine übernommen werden. Es gibt auch fürs Leben keinen richtigen Filter.

Die "Eltern-App" setzt voraus, dass die Eltern sich mit den Seiten auseinandersetzen. Das braucht Zeit.

Deswegen kann solch ein Programm auch an der Realität scheitern. Genauso ist das mit den unterschiedlichen Listen im Internet. Das bedeutet ja immer einen immensen Aufwand für die Eltern. Der beste Filter heißt dann doch Vertrauen. Außerdem gibt es auch ein Recht auf Privatsphäre – gerade bei Jugendlichen. Wenn ein Filterprogramm das Wort "Sex" ausschließt, käme der Jugendliche auch nicht auf die Seiten von "profamilia.de".

Schadet ein Smartphone der kindlichen Konzentration?

Ich lese immer wieder, dass durch die Neuen Medien oder durch Multimedia die Aufmerksamkeit der Kinder leidet. Soll ich Ihnen was sagen? Ich bin Journalist und Buchautor - mir geht es genauso. Da klingelt ständig das Telefon, irgendwelche Anfragen kommen per Mail rein, ich lese Onlinenachrichten und schaue dann nochmal schnell bei Facebook nach. Ich merke auch, dass bei mir so die Konzentration schneller nachlässt.

Haben Sie ein Gegenmittel?

Wir Erwachsene müssen lernen, zur Ruhe zu kommen, mal nicht erreichbar zu sein. Das Smartphone steht dem komplett entgegen. Sie kennen das aus Unternehmen: Der Chef schenkt Ihnen plötzlich ein Smartphone. Das macht er nicht, weil er Sie toll findet. Er erwartet, dass sie auch samstags oder sonntags erreichbar sind und Anfragen innerhalb kürzester Zeit beantworten. Dagegen müssen wir Erwachsene Strategien entwickeln, denn unsere Kinder lernen von uns und unserer Haltung. Das Wichtigste für Kinder im Umgang mit Neuen Medien ist, immer wieder zur Ruhe zu kommen. Das müssen wir Eltern gewährleisten.

Würden Sie das Smartphone in der Schule verbieten?

Ich bin eigentlich nicht dafür, Handys generell zu verbieten. Wenn die Schüler aber die ganze Zeit unterm Tisch SMS schreiben oder im Internet surfen, hat es in der Schule nichts verloren.

Gerade in der Schule spielt das Thema Cybermobbing eine große Rolle. Lässt sich die Onlinehetze der Mitschüler verhindern?

Nein, das Problem hat gesellschaftliche Ursachen. Das Smartphone hat nur dafür gesorgt, dass die Kinder heute Internetinhalte selbst schneller herstellen. Zum Beispiel einfache Videos oder Fotos mit der Handykamera, die sie dann gleich online stellen können. Kinder müssen vorher wissen, was erlaubt ist und was nicht – nur so lässt sich Cybermobbing vorbeugen. Wenn ich jemandem einen Zettel an den Rücken klebe, auf dem "Depp" steht, ist das vielleicht nur ein Streich. Fotografiere ich es ab und stelle es ins Internet, ist es nicht mehr zu löschen. Das ist dann ein Streich mit Folgen - und kein Spaß.

Kennen Sie ein Beispiel?

Es gab einen Fall in Hessen, da hatten zwei Mädchen einer korpulenten Lehrerin unter den Rock gefilmt und es online gestellt. Die Lehrerin erlitt einen Nervenzusammenbruch und fiel für drei Monate aus. Es wurde diskutiert, ob die Mädchen von der Schule fliegen sollten. Sie konnten bleiben. Das war auch richtig so, denn sie wussten gar nicht, was sie taten. Kinder haben heute eine hohe Bedienkompetenz, aber sie können ihr Handeln nicht einordnen. Da sind Eltern und Schule gefragt.

Smartphones verleiten dazu, aus der Realität auszusteigen. Die Nutzer hören Musik oder surfen im Netz - ständig, überall. Was müssen Eltern ihren Kindern vermitteln?

Leider wissen wir nur bei unseren Kindern, was sie im Umgang mit Medien können sollen. Dabei fängt die Erziehungsarbeit und verantwortungsvoller Umgang bei uns selbst an. Wenn Sie in Berlin mit der U-Bahn fahren, zählen Sie mal die Erwachsenen, die nicht gerade mit dem Smartphone spielen, SMS lesen, telefonieren oder irgendwelche Mails checken. Die meisten machen das aus purer Langeweile. Eltern telefonieren beim Autofahren oder springen vom Esstisch auf, um ans Handy zu gehen. Vor Kurzem hat man sich noch entschuldigt, wenn das Handy klingelte. Es fängt also bei der eigenen Haltung an. Kinder sind gnadenlose Beobachter.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, um aus dem "gnadenlosen Beobachter" einen stolzen Smartphonebesitzer zu machen?

Einem Grundschüler würde ich kein Smartphone geben. Schon weil Kinder für gewöhnlich schnell mal etwas verlieren. Das ist völlig normal. Auch bei Jugendlichen wäre ich zögerlich, weil es das Internet in der Hosentasche und ständige Erreichbarkeit bedeutet. Ein klar definiertes Alter kann ich nicht nennen. Kinder sind nicht gleich, sie entwickeln sich unterschiedlich schnell.

Also doch auf gut Glück schenken und hoffen?

Ich würde da eher raten zu entspannen und auf Smartphones für Kinder verzichten.

 

Das Interview führte Andreas Jacob.

 

Der Experte: Thomas Feibel schreibt als freier Journalist für "Spiegel Online", "Die Zeit" oder das Computermagazin "c´t". Sein Fachgebiet sind Kinder und neue Medien. Der 50-Jährige hat Kinder-und Jugendbücher sowie zahlreiche Ratgeber über Kindersoftware geschrieben. Praktische Tipps für Kinder und Eltern im Umgang mit dem Computer gibt Thomas Feibel regelmäßig auf seiner Homepage "feibelito.de".

Stand: Fri Apr 20 00:00:00 CEST 2012 Uhr

Zurück zum ARD.de-Spezial Medienkompetenz

Spielregeln der modernen Medienwelt

Darstellung: