Licht ins Dunkel - besondere Recherchen

Persönliche Empfehlungen aus der ARD Mediathek

Licht ins Dunkel - besondere Recherchen

ARD.de-Redakteur Thomas Dressel

Geschwindigkeit ist heute ein wesentlicher Faktor des Nachrichtengeschäfts, zumal in Zeiten moderner Informationssysteme und sozialer Medien. Die Begleiterscheinungen: Fehlinformationen, "Alternative Fakten" und bewusst lancierte Fake News. Umso wertvoller sind Reportagen und Berichte, die weit über die eigentliche Nachricht hinausgehen. Filme, die reflexhafte Antworten vermeiden, die aufdecken und denen eine gründliche und gewissenhafte Recherche vorausging. Eine Auswahl aus der ARD Mediathek.

Asma al-Assad - das schöne Gesicht der Diktatur

Asma al-Assad wuchs in Großbritannien auf und lernte dort in den 1990er-Jahren ihren späteren Ehemann Baschar kennen. Vom Westen wurde sie über Jahre als Ideal einer arabischen Herrscherin verklärt: schön, gebildet, modern. Doch dieses Bild hat tiefe Kratzer bekommen.

Der Film zeigt, wie aus einem durchaus sympathischen Akademiker-Paar im Laufe der Jahre restriktive Despoten wurden. Speziell der Werdegang Baschar al-Assads vom zurückhaltenden Mediziner zum Herrscher, der Krieg gegen das eigene Volk führt, ist bemerkenswert. Der Umgang westlicher Staaten mit dem Regime sollte nachdenklich stimmen. Ein Muss für alle, die sich für den Syrien-Konflikt interessieren.

Strahlendes Erbe, teuer bezahlt: Wie Atomkonzerne den Staat schröpfen

Seit den 1950er-Jahren hat die Atomindustrie in Deutschland einen dreistelligen Milliardenbetrag an Subventionen, Forschungsvorteilen und Steuererleichterungen erhalten. Es galt, günstig Energie für die wachsende Industrie zur Verfügung zu stellen. Kosten und Risiken werden zu weiten Teilen in die Hände des Staates gelegt.  

Die Dokumentation fasst mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher Energiepolitik zusammen - und deren pikante Details: Lobbyisten, die im Wechsel sowohl mehrfach für die Industrie als auch für Bundesministerien tätig waren. Atomgesetze, die von der Regierung selbst nachträglich aufgeweicht werden. Zwischenlager, in denen Atomfässer vor sich hinrosten. Fazit: Mich hat beeindruckt, in welcher Detailtiefe dieser Film die großen Zusammenhänge der Energiepolitik erklärt. Wer wissen will, weshalb Atomkonzerne trotz Energiewende weiterhin Profite einstreichen, findet hier Antworten. 

Verschwunden in Deutschland - auf der Suche nach vermissten Flüchlingsjungen

Mit der Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre kamen auch zahlreiche Minderjährige nach Deutschland. Viele sind in Familien untergekommen, Tausende gelten jedoch schlicht als "verschwunden". Wie ist das möglich? Die Recherchen führen in eine abgründige Halbwelt aus Kriminalität, Drogenmissbrauch und Prostitution.

Bei ihrer Suche nach dem 16-jährigen Mubarak tauchen die Filmemacherinnen Natalie Amiri und Anna Tillack tief ein in das Milieu der Geflohenen. Sie zeigen verstörende Bilder jugendlicher Flüchtlinge, die sich mitten in Berlin prostituieren und harte Drogen nehmen, jenseits jedes Behördeneinflusses. Und sie zeigen Hojat, der Glück hatte. Dessen Vormund eine 30-jährige Berlinerin auf private Initiative übernommen hat. Der Film handelt von Träumen junger Menschen und der Realität, von politischem Anspruchsdenken und Behördenchaos. Und er handelt vom Menschsein, ohne zu moralisieren. Absolut sehenswert!

PanamaPapers - Im Schattenreich der Offshore-Firmen

Die Geldverstecke der Reichen und Mächtigen: Kriminelle nutzten über Jahre die Dienste der Anwaltskanzlei "Mossack Fonseca" in Panama, um Konten und Wertgegenstände zu verstecken. Die Reportage mit Christoph Lütgert beleuchtet ein Geflecht von Briefkastenfirmen, über die die zwielichtigen Geschäfte in der ganzen Welt abgewickelt werden. Beteiligte sind unter anderem südamerikanische Drogenbosse, die italienische Mafia sowie Staatsmänner in aller Welt. 

Bemerkenswert ist die Dimension der weltweiten, diskreten Geschäfte der Anwälte von "Mossack Fonseca" - ihr Zynismus ist streckenweise verstörend. Beides wird detailliert im Film beleuchtet. Rund 400 internationale Journalisten beteiligten sich an der Auswertung der brisanten "PanamaPapers". Ein hochinteressantes Lehrstück über internationale Schwarzgeld-Ströme. 

Im Nazidorf: Allein unter Rechten

Eine Holzhütte, mitten auf einer Dorfwiese in Jamel: für vier Wochen das Zuhause von Reporter Michel Abdollahi, Deutscher mit iranischen Wurzeln. Der Ort gilt als "Nazidorf", ist als solches bundesweit bekannt - und seine Bewohner wegen Waffenfunden und Bränden bei politisch Andersdenkenden berüchtigt.

Michel Abdollahis Ansatz ist ebenso charmant wie mutig: Er geht ins "Nazidorf" Jamel, um einfach mal zu sehen, was passiert. Anfangs erstaunlich wenig. Dorfchef Sven Krüger tritt betont reflektiert und ruhig auf. Dem Film gelingt es dennoch, völkisch-rassistische Abgründe hinter der harmlosen Familien-Fassade der Rechten aufzuzeigen. Meine Lieblingsstelle: Als der Reporter mit Dorfchef Krüger über dessen strammes Gesellschaftsbild spricht: "Weißt Du, wo Du super gut aufgehoben wärst, Sven? Im Iran. Das wäre das perfekte Land."

Stand: Fri Apr 21 13:45:54 CEST 2017 Uhr

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