"Nehmen sie die Menschen wie sie sind, es gibt nämlich keine anderen"

Jürgen im Partytrubel. | Bildquelle: WDR/Georges Pauly

Persönliche Highlights aus der ARD Mediathek

"Nehmen Sie die Menschen wie sie sind, es gibt nämlich keine anderen" - Schräge Charaktere und ihre Weisheiten

Dominik Wölm, Redakteur ARD.de

Dominik Wölm. | Bildquelle: eigene

Was ist Liebe? Was bedeutet Freiheit? Wie definiert man Wahrheit? Ich könnte in einer philosophischen Abhandlung nachschlagen. Aber das verwirrt mich nur noch mehr. Ich verstehe die Dinge besser, wenn sie mir vor Augen geführt werden - durch Menschen, die sie am eigenen Leib erfahren. "Das Leben schreibt die schönsten Geschichten", sagt man. Die folgenden Beiträge erklären mir die Welt, karikierend und mit einem Augenzwinkern. Und Eines haben alle gemeinsam: Sie porträtieren skurrile Charaktere, mit verstörenden Macken, aber authentisch und leidenschaftlich.

Jürgen - Heute wird gelebt

Jürgen (Heinz Strunk, h) und Bernd (Charly Hübner) steuern auf ein Abenteuer in Polen zu.. | Bildquelle: WDR/Georges Pauly Video

Jürgen ist über 40, arbeitet als Pförtner und lebt mit seiner kranken Mutter zusammen. Zahlreiche Versuche der Partnerinnen-Suche hat er schon hinter sich. Nun soll aber endlich Schluss sein mit dem tristen Single-Dasein. Mit seinem besten Freund Bernd, der nach einer Krankheit an den Rollstuhl gefesselt ist, tritt Jürgen eine schaurige Katalog-Reise ("Europ-Love") nach Polen an - ganz nach dem Motto: „Schönheit vergeht, Baugrund besteht."

Die Verkupplungstour endet selbstverständlich in einem Fiasko. So verzweifelt die tragisch-liebenswerten Männer die Liebe auch suchen, sie finden sie einfach nicht. Auf der Reise haben sie aber etwas Wichtiges gelernt: Liebe kann man nicht erzwingen, sie kommt von ganz alleine. Die Komödie gleicht einer emotionalen Berg-und-Talfahrt - erschreckend glaubwürdig gespielt von Heinz Strunk und Charly Hübner.

Eine Hand wäscht die andere

Entscheid um den Antikorruptionsbeauftragten: Bürgermeister Leimer (Waldemar Kobus) und Chlodwig Pullmann (Ulrich Noethen) sind guter Dinge. | Bildquelle: NDR Video

Vergangene Woche wurden die "Paradise Papers" veröffentlicht. Darin: Enthüllungen der Steuertricks von Firmen, Superreichen und Politikern. Mich machen diese Entdeckungen sprachlos. Aber sie sind weit weg und kaum greifbar. Wo beginnt Korruption? Ich verstehe das besser, wenn Ulrich Noethen als überheblich-arroganter Steueroberinspektor Chlodwig Pullmann Unternehmen für eine persönliche Nettigkeit von der Steuer befreit. Es ist eine perfide Doppelmoral: Einerseits beschweren sich alle über die Ungerechtigkeit des Systems, andererseits bereichern sie sich selbst auf skrupellose Art. 

Meine Lieblingsszene: als sich der scheinbar geläuterte Chlodwig mit einem Geständnis und weinend für die Stelle des Anti-Korruptions-Beauftragten bewirbt: "Aus einem Saulus ist ein Paulus geworden." Er ist einer dieser Menschen, die gegen alle Regeln verstoßen und am Ende doch gewinnen. Eigentlich schrecklich - aber in diesem Fall schrecklich komisch. 

Taxi

v.l.n.r. Dietrich (Stipe Ergec), Rüdiger (Robert Stadlober) ,  Udo 377 (Tobias Schenke), Taximörder (Antoine Monot) und Alex (Rosalie Thomass). | Bildquelle: WDR Video

Alex sucht den Sinn in ihrem Leben. Sie bricht eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau ab und entschließt kurzerhand, Taxifahrerin zu werden. Sie geht eine Beziehung mit dem künstlerischen Dietrich ein und schläft gleichzeitig mit dem kleinwüchsigen Marc. Aber nichts davon macht sie wirklich glücklich. Der Film zeigt die Liebeswirren einer jungen Frau, die erschreckende Bindungsprobleme hat und die Einsamkeit des Taxifahrens schätzt. Spürbar wird ihr innerer Konflikt durch den Kontrast zwischen der extrovertierten Umgebung, dem Hamburg der 80er Jahre, und ihrer introvertierten Art.

Ich kenne das Gefühl, immer das zu wollen, was man gerade nicht hat. Vielleicht ist es auch ein Grundproblem meiner Generation, dass wir uns nicht zwischen Freiheit und Gebundenheit entscheiden können. Wie Alex sind wir zwar mit Stadtplan ausgestattet, aber doch irgendwie orientierungslos.

Der Meisterreporter - Sigmar Seelenbrecht wird 81

Olli Dittrich als Sigmar Seelenbrecht . | Bildquelle: WDR Video

"Ich hab immer nach der Wahrheit gesucht, wa?" Die Welt ist sein Zuhause, spektakuläre Enthüllungen haben ihn zur Legende gemacht. In einem großen Exklusivinterview blickt Meisterreporter Sigmar Seelenbrecht zurück auf ein bewegtes Reporterleben. Wie ein lebendes Geschichtslexikon erzählt er - mit Fakten belegt - seine unglaublichen Stories: die Verbindung von Problembär Bruno und Papst Benedikt XVI. ebenso wie die große Lüge des Farbfernsehens. 

Die Geschichten sind aber leider zu schön, um wahr zu sein. Sigmar Seelenbrecht ist eine fiktive Figur von Olli Dittrich. Mit Seelenbrechts Suche nach der Wahrheit nimmt er die Sensationslust von Zuschauern und Journalisten gekonnt auf die Schippe. Was ich daraus lerne: Wahrheit scheint eine Frage der Perspektive zu sein. "Tolle Jeschichte, wa?"

Falsche Siebziger

Hubertus Hochstetter muss einen Ausweg finden, bevor er noch mehr leidet. | Bildquelle: BR/h & v entertainment GmbH/Raymond Roemke Video

Wie schnell kann man eigentlich auf die schiefe Bahn geraten? Als in einem kleinen bayerischen Dorf fast zeitgleich drei Senioren sterben, beschließen die Bewohner, sie offiziell am Leben zu erhalten, um mit der Rente der Verstorbenen ihre finanzielle Notlage zu überwinden. So strickt sich im Dorf ein abstruses System krimineller Verstrickungen – von Rentenbetrug bis Drogenhandel, von unheiligen Liebesbeziehungen bis unrechtmäßigen Vermietungen. 

Als das Kartenhaus kurz vor dem Zusammenbruch steht, geht der aberwitzige Plan doch gut aus - dank eines noch unglaublicheren Zwischenfalls. Der Film lässt mich irgendwie sprachlos zurück. Ich weiß nicht mehr, wo die Grenze zwischen Recht und Unrecht ist. Aber eine Frage stellt sich mir doch: Ist es der bayerische Dialekt, der die kriminellen Handlungen so harmlos erscheinen lässt?

Meine heile Welt

Michael Kessler und Yasmina Djaballah. | Bildquelle: RBB Video

Die Deutschen arbeiten viel und hart - aber der Feierabend gehört ihren Hobbies und Passionen. Für die vierteilige Mockumentary-Serie taucht Michael Kessler in vier reale Freizeit-Welten ein. Die Protagonisten wollen mit ihrem Garten oder dem Königspudel Wettbewerbe gewinnen, ihren Lieblings-Star treffen oder auf dem Chorkonzert groß raus kommen. Einmal im Leben im Rampenlicht stehen - auch wenn sie keine Gewinner-Typen sind. 

Auf liebevoll-skurrile Art kämpfen Kesslers Figuren in ihren heilen Welten leidenschaftlich für ihre Träume. Dabei schafft Kessler es, die Eigenheiten deutscher Hobbies zu karikieren, ohne Menschen an den Pranger zu stellen. Ein Lehrbeispiel für gelungene Unterhaltung: Er erschafft Stereotype, um Vielfalt, Leidenschaft und Verletzlichkeit zu demonstrieren.


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Regelmäßig empfehlen Redakteurinnen und Redakteure der ARD Mediathek Beiträge zu Themen mit großem Gesprächswert oder Filme, Dokus und Reportagen, die sie besonders beeindruckt haben. Nachfolgend eine Übersicht der Empfehlungen aus den vergangenen Monaten. | mehr

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Stand: Fri Nov 10 09:36:49 CET 2017 Uhr

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