Social Radio ARD

Sujetbild Social-Radio-Reportage. | Bildquelle: colourbox.com/ARD.de Audio Audio

Audio: Ein Champions-League-Abend im Social Radio

Ein Champions-League-Abend mit Social Radio

Fanfreundschaften,"Vokuhilas" und verschreckte Katzen

Ingo Fischer

Das neue Maskottchen des BVB - eine Katze? Bei Champions-League-Reportagen im Radio können sich Hörer über ihre von plötzlichen Torschreien traumatisierten Haustiere, über Fußballer mit Oberlippenbärten aber auch über ernsthaftere Themen austauschen - und den Reportern in den Stadien Fragen stellen. Social Radio macht's möglich.

Wie es Haustieren von Hörern während einer Fußball-Livereportage im Radio so ergeht, wusste bisher niemand - und wollte wohl auch kaum jemand wissen. Seit "Social Radio" ist das anders. Als der Kommentator des Spiels Ajax Amsterdam gegen Borussia Dortmund, Stephan Kaußen, am vorvergangenen Mittwochabend um 21:22 Uhr plötzlich seinem Reporterkollegen ins Wort fällt, indem er impulsiv "Toooooor für Dortmund!" in sein Mikrofon schreit, schreibt Nutzer "Jens Müller" im Chat der ARD Mediathek: "Hab mich erschrocken, der Torschrei hat sogar meine Katze aufgeweckt."

Nach diesem Kommentar steigt die "BVB-Katze" schlagartig zum Star der ersten Halbzeit auf. Reporter Kaußen, dem der Eintrag nicht entgangen war, entschuldigt sich on air sogar scherzhaft bei dem verschreckten Tier - um direkt im Anschluss daran erneut lautstark in Torjubel auszubrechen, weil Lewandowski das 3:0 erzielt hat. Sofort reagiert das Social Radio erneut: "So, nun ist auch meine Katze wach - toll!", schreibt Nutzer "holzbein". Und nach dem Kommentar des Nutzers "BVB": "Das neue Maskottchen des BVB - ne Katze", gibt "Rumpelstilzchen" mit Blick auf die Vereinsfarben zu bedenken: "Hauptsache sie ist schwarz-gelb."

Nicht mehr zum passiven Zuhören "verdammt"

Scribble-Live-Chat (Ausschnitt). | Bildquelle: ARD.de

Barnettas Schnauzbart wird Zielscheibe des Spotts.

Dass auch solche auf den ersten Blick banale Themen aufgegriffen und in der ARD Mediathek ausführlich diskutiert werden, ist nicht untypisch für die Kommunikation im Social Radio. In der zweiten Halbzeit ist es der Oberlippenbart des eingewechselten Schalkers Tranquillo Barnetta, der viele Nutzer zu spöttischen Kommentaren inspiriert. "Geile Rotzbremse beim Barnetta", postet "holzbein". "Der Bart - der sieht so kacke aus", meint "So".

"Madame Pampelmusa" fragt irritiert: "Oberlippenbart? Sind die nich out?", und "BVB" sieht in Barnetta gar ein Double des US-Schauspielers Tom Selleck in seiner bekanntesten Rolle: "Spielt da Magnum auch mit?", und später: "Jetzt fehlt nur noch voku und hila - und wir sind wieder in den 80ern." (Anmerkung: "Vokuhila" steht für "vorne kurz, hinten lang", eine unter modebewussten Fußballspielern in den 1980er-Jahren sehr beliebte Frisur, die in Dänemark übrigens heute noch "Bundesliga" heißt.)

Mehr Arbeit für Reporter im Stadion

Tranquillo Barnetta;. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Tranquillo Barnetta vor seiner Einwechslung.

Trotz solcher flapsiger Kommentare ist Social Radio mehr als reiner Klamauk für einsame Fußballfans, die nicht mit ihrem Radiogerät alleine sein wollen. Wer nämlich die Fußball-Radioreportagen als Livestream im Internet mitverfolgt, ist nicht mehr zum reinen Zuhören "verdammt", sondern kann sich in einem moderierten Chat selbst einbringen - nicht nur mit Anmerkungen zu Spielern und Spielszenen, sondern auch mit eigenen Einschätzungen und Prognosen, er kann mitteilen, für welches Team sein Fußballherz schlägt, darf aber auch Lob und Kritik äußern oder sich mit seinen Fragen direkt an die Reporter im Stadion wenden.

Im Interview einige Tage nach den Champions-League-Spielen erklären Stephan Kaußen und Marc Eschweiler unisono, dass Social Radio ihre Arbeit zwar erschwert, aber gleichzeitig sehr bereichert habe. Warum erschwert? "Nun, es ist einfach noch eine weitere Quelle hinzugekommen, die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und auf die wir uns während der Reportage zusätzlich konzentrieren müssen", erklärt Kaußen. So bestand bislang die Aufgabe der Radioreporter darin, das Geschehen auf dem Spielfeld sowie auf den Zuschauerrängen zu beobachten und für die Hörer möglichst bildlich und packend zu schildern. Außerdem müssen die Reporter bei Konferenzschalten, wenn mehrere Spiele gleichzeitig laufen, auch auf das Geschehen und ihre Kollegen in den anderen Stadien achten. Zudem zeichnen sie sich dafür verantwortlich, dass die Technik funktioniert - und jetzt lesen sie also zusätzlich noch vorausgewählte Kommentare von Nutzern und wollen einige von ihnen auch in der Live-Reportage vorlesen und beantworten.

"Es war wieder Extra-Klasse"

Radioreporter Stephan Kaußen (l.) und Marc Eschweiler. | Bildquelle: WDR

Radioreporter Stephan Kaußen (l.) und Marc Eschweiler

Und wo bereichert Social Radio die Arbeit? "Bislang haben wir während der Reportagen gar keine und auch später nur sehr wenige Rückmeldungen von Hörern bekommen", so Eschweiler, der in seiner Schalke-Piräus-Reportage das erste Mal überhaupt mit Social Radio gearbeitet hatte. Die Rückmeldungen waren für ihn und seinen Kollegen durch die Bank positiv - hätte es Kritik gegeben, so würde die ARD diese nicht verschweigen. Nutzerin "Eva" schrieb: "Ganz klasse Radioreportage :) Danke! Bitte lieber die vom Radio ins Fernsehen lassen." Oder auch "dsz78": Danke für die geile Berichterstattung. Auch ohne Bild neben der Arbeit ein Genuss." Für "Fohlenfunky" war die Radiokonferenz gar das "Non-Plus-Ultra" und ein "super Service für unsere GEZ-Gebühren", und auch "ruhri" resümierte: Mein 3. Mal bei Euch - es war wieder Extra-Klasse."

Kaußen sieht in der neuen Form des aktiven Radio-Hörens sogar ein deeskalierendes Potenzial: "Der Gedankenaustausch, den Social Radio ermöglicht, kann zu einer neuen Gemeinschaft unter Fußballfans führen." Die Kombination aus Livereportage und Chat bringe nicht nur jene zusammen, deren Herz ohnehin für den gleichen Verein schlägt, sondern sogar bislang verfeindete Anhängerschaften rivalisierender Vereine. "Ich habe schon selbst beobachtet, wie ein bekennender Fan von Rot-Weiß Essen im Social-Radio-Chat Sympathie für den BVB bekundet hat - so etwas habe ich sonst noch nirgendwo erlebt", so Kaußen.

Das wichtigste Argument für Social Radio sei für ihn jedoch, dass es die Jugend wieder stärker an das Medium Radio binden könne. "Wir holen die jungen Leute wieder ins Boot, wenn sie merken, dass sie uns ihre Wünsche und Fragen mitteilen können - und wir Reporter anschließend auch auf sie eingehen."

Stand: Tue Dec 04 00:00:00 CET 2012 Uhr

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