Tourismus pervers

Massenhaft Touristen auf der Rialtobrücke. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Tourismus pervers: Urlaub auf Kosten anderer?

Ina Mersch, Redakteurin ARD.de

Ina Mersch, ARD. | Bildquelle: ARD

Wir wollen uns erholen, Exotik und Abenteuer genießen, die Welt sehen. Viele von uns reisen mehrfach im Jahr in Urlaub, die touristischen Hotspots sind deshalb überlaufen vom Massentourismus. Dabei rücken wir Urlauber den Menschen und Tieren vor Ort viel zu dicht auf die Pelle und bedrohen unter Umständen ihre Existenz. Inzwischen regt sich allerorten Widerstand.

Safari in Südafrika - vom Schnappschuss zum Abschuss

Szene aus "Safari in Südafrika – Vom Schnappschuss zum Abschuss". | Bildquelle: WDR Video

Jagdtouristen wollen schnell zu ihrer Trophäe kommen. Darum hat sich um diesen Wunsch ein richtiges Geschäftsmodell gebildet: Erst werden Löwenbabys gezüchtet und früh von ihrer Mutter getrennt. Die Babys werden auf Farmen zum Streicheln für Safari-Touristen bereitgestellt. Sind die Löwen älter, stehen sie als Abschussware für Jagdtouristen zur Verfügung.

Die Foto-Touristen fühlen sich wie in einem großen Zoo (und halten deshalb nicht den richtigen Abstand), die Jagd-Touristen wähnen sich in der Wildnis (und sehen nicht die Inszenierung hinter ihrem Großwildevent). Ich staune über die Naivität und Sentimentalität der Urlauber. Sie glauben, eine authentische Erfahrung zu machen - um diese Begegnung schon bald und gänzlich unsentimental, als erledigt abzuhaken.

"Die Welt im Selfie" - Wie der Tourismus Städte zerstört

Zwei junge Frauen, die sich vor einem touristischen Hintergrund fotogfrafieren. | Bildquelle: colourbox.de Video

Der Tourismus ist die größte Industrie der Welt, so der italienische Autor Marco d’Eramo. Und er hat fatale Folgen: Er verdrängt Einheimische, zerstört Landschaften. Genau darüber hat d'Eramo ein Buch geschrieben: "Die Welt im Selfie".

Das echte Afrika, das wahre Japan, die pure Türkei. Wir wollen die ursprüngliche Begegnung, die individuelle Erfahrung. Doch bekommen wir sie? Mitnichten, denn Touristen sind nicht nur die anderen, sondern auch wir selbst. Was das aus uns macht? In jedem Fall Konsumenten in einem der stabilsten Wirtschaftszweige der Welt. Wem das zu gewöhnlich ist, der höre einfach mit dem Reisen auf - und ist schon etwas Besonderes!

Nordpolarmeer-Tourismus in der Kritik

Norwegen, Spitzbergen: Ein erschossener Eisbär liegt an der Küste.. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Audio Audio

Im Zusammenhang mit einer Kreuzfahrt im Nordpolarmeer wurde kürzlich ein Eisbär erschossen. Der Tierethiker Jens Tuider kritisiert, der Tourismus gefährde die Lebensbedingungen dieser vom Klimawandel bedrohten Art noch zusätzlich - schließlich werden die Touristen mit Schiffen ins Nordpolarmeer gebracht, die eine katastrophale Umweltbilanz haben. Im Netz tobte dazu eine heftige Debatte.

Auch ich war vor Kurzem auf einer kleinen Expedition. Auf Langeoog kann man Schiffsreisen zu den Seehundbänken buchen, dann fahren die Schiffe eine Zeit lang am Ufer entlang und man kann fotografieren  - sofern man eine gute Kamera dabei hat, denn mit dem Handy geht das aus diese Entfernung nicht. Hoffentlich ist das auch ein Indiz dafür, dass die Seehunde nicht gestört werden, denn darüber hatte ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht.

Myanmar: Langhals-Frauen zwischen Tradition und Tourismus

Szenenbild "Myanmar: Langhals-Frauen zwischen Tradition und Tourismus". | Bildquelle: NDR Video

Sie tragen kiloschwere glänzende Messingringe, die ihre Hälse deutlich länger erscheinen lassen. Damit locken die Frauen des Kayan-Volkes in Myanmar sogar Touristen in die Gegend.

Ein Mensch als Touristenattraktion - den Langhalsfrauen sichert das zwar den Lebensunterhalt, trotzdem bleibt bei mir ein mulmiges Gefühl. Immerhin, es war schon mal schlechter: Daw mu Thu erzählt, wie sie - vorm Bürgerkrieg ins nahe Thailand geflohen - in Schaudörfern gehalten wurden - wie Tiere im Zoo. Vom Geld der Touristen bekamen sie nicht viel ab. Heute hat sie zumindest einen eigenen Souvenirladen!

Venedig - Ausverkauf eines Juwels

Szenenbild "Venedig - Ausverkauf eines Juwels?". | Bildquelle: swr Video

Venedig gilt als eine der schönsten und romantischsten Städte der Welt. Aber kaum eine Stadt ist so vom Tourismus bedroht. Bis zu 130.000 Touristen pro Tag tummeln sich zu Spitzenzeiten in der Lagunenstadt. Die Infrastruktur passt sich immer mehr den Bedürfnissen der Besucher an - zu Lasten der Einheimischen.

Immerhin: Künftig dürfen Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 55.000 Tonnen nicht mehr vor dem historischen Zentrum Venedigs entlangfahren. Trotzdem: Für die Venezianer wird das Leben in der Stadt unter diesen Bedingungen unmöglich. Wenn Andenkenläden das Stadtbild prägen, geht die Versorgung der Einheimischen mit den Dingen des täglichen Bedarfs verloren. Dass die Touristen unter der Rialtobrücke Sex haben und gegen die Häuser pinkeln - naja, auch nicht anders als am Ballermann!

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