Twitter und Journalismus - wer profitiert?

Twitter-Logo auf einem Smartphone. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Twitter und Journalismus - wer profitiert?

Ein Interview von Thomas Laufersweiler

Twitter wird von Politikern und Journalisten intensiv genutzt. Dr. Mathias König und Dr. Wolfgang König von der Universität Koblenz-Landau haben sich intensiv mit Twitter beschäftigt. ARD.de hat mit den beiden Experten über das Verhältnis zwischen Twitter und Journalismus, über Ego Brands, Image-Transfers und die Bedeutung von Twitter beim Studierendenstreik in Landau gesprochen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Twitter und dem Journalismus?

Wolfgang König: Viele Journalisten konzentrieren sich bei der Bewertung von Twitter auf die messbare Zahl der Follower und die potenzielle Reichweite. Bislang wurde aber anscheinend von Journalisten nicht reflektiert, dass auch Twitter - wie Facebook - eine Plattform ist, die Filterprozesse bewusst einsetzt. Twitter profitiert davon, dass zum Beispiel öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen auf Twitter verweisen. Für Twitter ist das ein Qualitätssiegel. Einblendungen von Hashtags während einer TV-Sendung suggerieren, dass die entsprechende Twitterdiskussion "irgendwie wichtig" sein könnte.

Mathias König: Aber auf Twitter ist auch eine Nachrichtensendung wie z.B. die Tagesschau nur ein Nutzer. Eine Redaktion begibt sich mit ihrer journalistischen Verantwortung in einen anderen Raum, in eine symbolische Öffentlichkeit. Hier sind die Spielregeln nicht vollständig transparent und die Regeln können von Twitter jederzeit geändert werden.

Wer profitiert denn aus Ihrer Sicht mehr: die Sender oder Twitter?

Wolfgang König: Öffentlich-rechtliche Sender profitieren, weil sie über Twitter eine bestimme Zielgruppe erreichen, vielleicht auch schneller erreichen. Medienmacher wollen sich über Twitter als modern und zuschauernah präsentieren. Und Redaktionen erhalten Informationen, Stimmungsbilder, ihnen werden Bilder und Videos von Nutzern übermittelt.

Twitter hingegen profitiert von der Präsenz der großen Medienmarken. Kommunikationsagenturen werben offensiv: Nutzen Sie Twitter, weil die öffentlich-rechtlichen Sender es nutzen. ARD und ZDF übertragen ihr seriöses Image auf Twitter.

Darüber hinaus wird Twitter häufig als persönlicher "Ego-Brand", als "Ich-Marke", benutzt, auch von Journalisten, um viele Follower zu gewinnen und die eigene Bekanntheit zu steigern. Die Follower hängen dann persönlich an den jeweiligen Journalisten, nicht an den Sendern oder Redaktionen.

Ist Twitter relevant genug als Forum für eine gesellschaftliche Debatte?

Mathias König: Die Vernetzung ist ein großer Faktor für die Nutzer. Vor allem aber ist Twitter die perfekte Möglichkeit, vom Balkon in die Welt zu sprechen. Denken Sie an #Pegida oder an #Flüchtlinge. Zusammengefasst ist Twitter ein Dienst für alle, die ein Forum, die eine  Öffentlichkeit brauchen, die Diskurse und Veränderungen – positive wie negative – anstoßen wollen. Das gilt zum Beispiel für den Arabischen Frühling - und in gewisser Weise auch für "Gegen-das-System-Kräfte", wie z.B. Pegida oder Terrororganisation wie z.B. den "Islamischen Staat". Das kann natürlich auch problematisch sein, wenn Dienste wie Twitter als Plattform für rassistische oder hassaufrufende Äußerungen verwendet werden. Relevant wurde Twitter auf jeden Fall durch die häufige Nennung von Hashtags in TV-Sendungen, sei es in der Wahlkampfberichterstattung, für den Tatort oder den Eurovision Song Contest.

Aber die Filterung macht Twitter problematisch als Forum für gesellschaftliche Debatten: Wir haben zum Beispiel auf einem Landesparteitag der SPD in Rheinland-Pfalz ein Monitoring durchgeführt gemeinsam mit einem Redakteur der Rheinpfalz am Sonntag. Dabei wurde klar, dass nicht alle Tweets des Journalisten unter dem Hashtag des Parteitags auffindbar waren. Und das bei gerade einmal ca. 240 aktiven Nutzern. Fehlende Tweets behindern natürlich eine Debatte über Twitter. Zusammengefasst zeigt die oftmals geringe Nutzerzahl auf Twitter, dass dort die demokratische Agora derzeit noch nicht zu finden ist.

Welche Rolle spielte Twitter beim Studierendenstreik in Landau im November 2015?

Wolfgang König: Die Studenten in Landau twitterten früh morgens das Streikmotto #landaulandunter. Mit ein paar hundert Tweets gelang es ihnen so am Tag des Generalstreiks in den Top-10 der deutschen Trends zu erscheinen, die Twitter seinen Nutzern offensiv anzeigt. Weil gerade Kommunikationsprofis Twitter nutzen, war dies eine Möglichkeit, kostengünstig maximale Aufmerksamkeit bei twitteraffinen Politikern und Journalisten zu erreichen.

Beispielsweise berichteten die Sat1-17.30-Nachrichten über den Streik mit dem Kommunikationserfolg in Twitter als Aufmacher. Das Streikmotto #landaulandunter wurde zu Beginn des TV-Beitrages offensiv eingeblendet.

Welche Empfehlung würden Sie Journalisten geben für den Umgang mit Twitter?

Mathias König: Die erste Empfehlung: Redaktionen und Journalisten sollten Dienste wie Twitter und ihre Nennung in Sendungen kritisch hinterfragen. Es gibt auch alternative Open Source-Dienste. Wenn man Twitter zum Beispiel im Rahmen der Wahlberichterstattung nutzt, sollte das Problem der Filterung auch ein Thema sein.

Die Sender sollten auch auf eigene Diskussionsplattformen und eigene Webseiten setzen, deren Datenschutz und Sichtbarkeitsregeln die Sender selbst unter Kontrolle haben. Dann fahren sie zweigleisig: Sie sind einerseits auf Twitter aktiv, andererseits nehmen sie ihre Verantwortung als öffentlich-rechtlicher Sender wahr, indem sie dem Publikum die Inhalte auf eigenen Plattformen anbieten.

Die zweite Empfehlung ist, Twitter als eine hervorragende Big-Data-Möglichkeit für Hintergrundrecherchen zu nutzen, zum Beispiel um Themen und Personen des öffentlichen Lebens zu beobachten und zu analysieren.

Sie empfehlen die Etablierung einer eigenen Social Media-Plattform?

Wolfgang König: Twitter ist in Deutschland – wie die geringen Nutzerzahlen zeigen – ein weitgehend massenmediales Phänomen. Das heißt nur durch den permanenten Imagetransfer seriöser Medien hat Twitter in Deutschland eine symbolische, positive Bedeutung erhalten. Mittlerweile kippt aber etwas die Stimmung. So gerät Twitter zunehmend unter Druck, gerade in Bezug auf die Verbreitung von Hassbotschaften.

Es ist durchaus vorstellbar, dass man einen Dienst nach deutschem Recht etabliert, damit die Inhalte und Metadaten nicht in die Vereinigten Staaten wandern und dann US-amerikanischem Recht unterliegen. Die ARD zum Beispiel könnte einen solchen Dienst nicht nur für die Informationselite sondern auch für das breite Publikum anbieten. Das Vertrauen, das die Sender auf Twitter übertragen, könnten sie auch auf eigene Dienste übertragen.

Das müsste die ARD auch nicht alleine machen, sondern gemeinsam mit wichtigen deutschen Leitmedien. Damit würde der deutsche Journalismus auch seiner demokratischen Verantwortung im Web 2.0 gerecht. Das dahinterstehende demokratietheoretische Argument ist, dass eine freie Öffentlichkeit zentrales Kriterium der Demokratie ist. Wer die digitale Öffentlichkeit lediglich intransparenten Dienstleistern kritikfrei überlässt, handelt womöglich fahrlässig.

Vielen Dank!

 

Das Interview führte Thomas Laufersweiler.

 

Die Experten: Dr. Mathias König und Dr. Wolfgang König sind Zwillingsbrüder und Politikwissenschaftler im Bereich "Politische Kommunikation" an der Universität Koblenz-Landau. Beide forschen (oft gemeinsam) zu den Themen Bürgerbeteiligung, Mediennutzung und soziale Netzwerke.

Stand: Wed Jan 13 13:30:00 CET 2016 Uhr

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