Faktencheck | Interview zu Fake News mit Philipp Müller

Hölzerne Pinocchio-Figuren. | Bildquelle: colourbox.de

Faktencheck mit Wissenschaftler Philipp Müller

"Gegen Fake News ist niemand immun"

Pascal Schneiders

Bewusste Falschnachrichten, sogenannte Fake News, sind zurzeit selbst in den Schlagzeilen. Warum sind sie so populär und welche Folgen haben sie für unsere Gesellschaft? Darüber haben wir mit Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller gesprochen.

Zusammenfassung:

  • Fake News sind so erfolgreich, weil sie vermeintlich das bestätigen, was ihre Leser sowieso glauben
  • Auch Menschen, die Fake News unglaubwürdig finden, können nach einiger Zeit durch sie getäuscht werden, weil sie die Quelle der Botschaft vergessen haben
  • Im Wahlkampf verstärken Fake News Meinungen, aber stimmen keine Wähler um
  • Fake News entziehen eine gemeinsame Gesprächsgrundlage und können damit eine Spaltung der Gesellschaft verschärfen

ARD.de: Sind Fake News ein neues Phänomen?

Philipp Müller: Fake News sind kein neues Phänomen und gleichzeitig doch neu. Massenmedien wurden schon seit jeher für die Verbreitung von Falschmeldungen und Propaganda missbraucht – nicht nur in totalitären politischen Systemen. In modernen Wahlkämpfen gelingt es sogenannten Spin Doctors, politischen Kommunikationsberatern, schon seit Jahrzehnten immer wieder, Falschmeldungen zu lancieren und die politische Berichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen. 

Neu ist, dass Fake News demokratisiert wurden. Der Weg von Falschmeldungen an die Öffentlichkeit führt nun nicht mehr zwangsläufig über Journalisten. Es ist prinzipiell jedem möglich, Fake News zu veröffentlichen und ein entsprechendes Publikum zu finden.


"Fake News bedienen eine Skepsis gegenüber Eliten"

Wie hängt die Verbreitung von Fake News mit geringem Vertrauen in die Medien zusammen?

Medienprodukte sind Vertrauensgüter. Ihre Nutzer müssen sich darauf verlassen, dass sie in den Medien richtige Informationen erhalten. Daher geht Vertrauen immer mit Unsicherheit einher. Eine Skepsis gegenüber Eliten, darunter auch gegenüber traditionellen Medienhäusern und professionellen Journalisten, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Etwa jeder fünfte Deutsche hat sehr geringes Vertrauen in die professionellen Medienanbieter.

Allerding ist es wichtig zu betonen, dass dieser Bevölkerungsanteil in den vergangenen Jahrzehnten relativ konstant geblieben ist. Aus der Skepsis gegenüber etablierten Medien ergibt sich eine gewisse Offenheit gegenüber alternativen Informationsquellen, die eben jene Elitenskepsis bedienen.


ZAPP

Medien in der Vertrauenskrise: Was zu tun ist

Alles gelogen? Etablierte Medien genießen wenig Vertrauen. Wie können Journalisten ihr Publikum zurückgewinnen? | ndr


"Teilen von Fake News ist ein Statement"

Welches Bedürfnis steckt hinter der Nutzung alternativer Informationsquellen?

Dahinter steckt das Bedürfnis von Menschen, die eigenen Überzeugungen und Einstellungen zu bestätigen und in Einklang mit dem Verhalten zu bringen. Sind sie das nicht, führt das zu inneren Spannungen, sogenannte kognitive Dissonanzen. Rezipienten können diese reduzieren, indem sie Informationen selektiv auswählen und interpretieren, sodass sie die eigenen Ansichten stützen. Fake News mit ihrer häufigen Kritik an politischen und gesellschaftlichen Eliten kommen den Skeptikern also entgegen und vermitteln ihnen, dass sie im Recht sind, oder zumindest mit ihrer Meinung nicht allein.

Das Teilen von Fake News ist gleichzeitig auch ein Statement: Es zeugt öffentlich von Zweifel an den Eliten. Durch diese Abgrenzung von den Eliten bilden Fake-News-Leser eine Gemeinschaft, die über das Alternativangebot der Fake News eine eigene Deutung der Welt erfährt. Die etablierten Massenmedien werden demgegenüber als feindselig und einseitig wahrgenommen, auch wenn das im Einzelfall gar nicht stimmt – ein Phänomen, das auch als Hostile Media Effect bekannt ist.


"Fake News setzen gezielt auf Überraschung, Skandalisierung und Empörung"

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei der Popularität von Fake News?

Mit Aufkommen des Internets und sozialer Netzwerke gibt es eine größere Vielfalt an publizierten Meinungen und Publika, aber auch mehr Falschmeldungen. Denn oft teilen Community-Mitglieder Fake News, ohne vorher beispielsweise die Seriosität der Quelle zu prüfen – Standards, die zum journalistischen Repertoire gehören. Fake News setzen dabei gezielt auf Überraschung, Skandalisierung und Empörung – Mittel zur Generierung von Aufmerksamkeit, die aus dem Boulevard-Journalismus bekannt sind.

Die öffentliche Deutungshoheit obliegt damit nicht mehr nur den Journalisten. Facebook und Co. bieten auch dogmatischen Medienskeptikern eine Plattform, die es vorher in dieser Form noch nicht gab. Sie sehen, dass es da draußen noch vermeintlich viele andere Menschen gibt, die ihrer Meinung sind.


"Menschen vergessen die Quelle einer Botschaft"

Wer schenkt Fake News Glauben?

In erster Linie Menschen, die sich von der Gesellschaft entfremdet fühlen und die sich in den Massenmedien nicht ausreichend repräsentiert sehen. Doch auch andere Gruppen sind vor Fake News nicht ganz gefeit. Schon in den 1950ern beschrieben Sozialpsychologen den Sleeper-Effekt, wonach Menschen sich nach gewisser Zeit an den Inhalt einer Botschaft erinnern, die Quelle jedoch vergessen. Das bedeutet: Auch wenn Rezipienten eine Falschmeldung als solche identifizieren und sie daher zunächst als unglaubwürdig einstufen, kann es passieren, dass sie sich nach einigen Wochen noch an diese Falschmeldung erinnern, aber vergessen haben, dass sie diese ursprünglich für unwahr gehalten haben. Denn sie können die Information keiner Quelle mehr zuordnen.

Aktuelle Studien zeigen, dass Rezipienten Falschnachrichten als wahrhafter und plausibler empfinden, wenn sie ihnen mehrfach ausgesetzt waren – in der Wissenschaft bekannt als Wahrheitseffekt. Die Falschinformation schrieben die Probanden nach zeitlicher Verzögerung fälschlicherweise einer glaubwürdigen Quelle zu. Diese Forschungsergebnisse zeigen: Gegen Fake News ist niemand immun.

Wem kann man im Netz noch glauben?

Screenshot eines Twitter Bot-Auftritts. | Bildquelle: SWR Video

Stand: Fri Dec 23 09:27:00 CET 2016 Uhr

Über Philipp Müller

Philipp Müller. | Bildquelle: privat

Dr. Philipp Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik in Mainz. Er forscht vor allem zu Produktion, Rezeption und Wirkung journalistischer Medienangebote sowie zu öffentlicher Kommunikation und gesellschaftlichem Zusammenleben.

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