Faktencheck | Interview zu Fake News mit Philipp Müller - Teil 2

Wohin Fake News führen können

Pascal Schneiders

Fake News bedrohen die gesamte Gesellschaft. Es gibt Mittel, sie zu verhindern - aber nicht jedes ist das richtige. Doch lässt sich wirklich jeder davon abbringen, Fake News zu glauben? Teil 2 unseres Faktenchecks.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen haben Fake News?

Aktuell wird im Nachgang der US-Wahl darüber diskutiert, ob Fake News Wahlausgänge beeinflussen. Wenn man sie strategisch geschickt nutzt, sind Fake News sicherlich ein Faktor im Wahlkampf, vor allem zur Mobilisierung von Unentschlossenen und Nichtwählern. Fake News allein können einen überzeugten Demokraten nicht zum Republikaner-Wähler machen. Eher verstärken sie die Rezipienten in ihrer Meinung. Insofern muss man ihre Bedeutung in Wahlkämpfen relativieren.

Viel problematischer sind sie aber in anderer Hinsicht: Sie verschärfen insgesamt eine Spaltung der Gesellschaft. Denn sie konstruieren ein alternatives Wahrheitsgebilde, durch das sich diejenigen bestätigt sehen, die sowieso schon ein gewisses Entfremdungsgefühl in sich tragen.


"Es fehlt an einer gemeinsam Gesprächsgrundlage"

Gleichzeitig lässt sich gegen Fake News schlecht argumentieren, da sie eingebettet sind in grundsätzliche Zweifel am Wahrheitsgehalt von Nachrichten etablierter Medien: Wer davon überzeugt ist, dass die Unwahrheit auf Seiten der etablierten Medien zu finden ist, wird nicht glauben, dass die Fake News falsche Tatsachen enthalten.

Wenn sich die Gesellschaft aufteilt in verschiedene Lager, die völlig unterschiedliche Versionen des politischen Geschehens für wahr halten und die jeweils andere Version für gelogen, fehlt es an einer gemeinsamen Gesprächsgrundlage. Ein Diskurs über gesellschaftliche Probleme kann auf diese Weise nicht mehr stattfinden. Und das führt langfristig zu einer Verschärfung der gesellschaftlichen Probleme. Insbesondere dann, wenn die gesellschaftliche Mitte die Position derjenigen, die sich entfremdet und nicht mehr repräsentiert fühlen, tatsächlich nicht mehr ernst nimmt.


"Auch Lügen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt"

Kann ein Verbot von Fake News das Problem lösen?

Strafverschärfungen, wie sie derzeit diskutiert werden, sind wenig hilfreich, um das Problem zu lösen. Ein Verbot von Falschmeldungen würde vielmehr die für die Demokratie essenziell wichtige Meinungsfreiheit in Frage stellen. Auch Lügen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt, solange sie sich nicht gegen Einzelne richten. Dann sind sie als üble Nachrede oder Verleumdung justiziabel.


"Vor Verboten müssen wir mehr Angst haben als vor Fake News"

Mitunter fällt es schwer zu beurteilen, wo eine Falschaussage anfängt. In vielen Fällen gibt es kein Schwarz und Weiß. Deswegen können wir nicht einfach sagen: Man darf ab sofort nur noch die Wahrheit verbreiten und alles andere wird verboten. Denn: Wer legt im Zweifelsfall fest, was die Wahrheit ist? Solche Gesetze wären in den Händen einer totalitären Regierung ein fatales politisches Werkzeug. Davor müssen wir mehr Angst haben als vor Fake News. Zudem: Den Urheber einer Fake News zu verfolgen, ist im Internet auch technisch nicht so einfach. Umso wichtiger ist es, politischen Druck auf die Plattform-Betreiber auszuüben, klar erkennbare Falschmeldungen auch wirklich zu löschen, wenn diese gemeldet werden. Die eigentlich zentrale Maßnahme ist allerdings eine andere.


Maßnahmenkatalog

Was Facebook gegen Fake News tun will

Mit vier Maßnahmen will Facebook künftig gegen absichtliche Falschmeldungen vorgehen. Multimedia-Experte Dennis Horn stellte sie vor. | video, mehr

 

Welche Lösungsstrategien eignen sich besser?

Die noch bessere und gezieltere Vermittlung von Medienkompetenz bereits in der Schule, aber auch in den Medien. Medienkompetenz hilft dabei, glaubwürdige Quellen zu erkennen, Tatsachenbehauptungen zu prüfen und für Folgen bedenkenloser Verbreitung von Fake News zu sensibilisieren. Allerdings: Der harte Kern dogmatischer Rezipienten, die in ihrem Misstrauen gegenüber etablierten Medien festgefahren sind, wird sich davon kaum noch überzeugen lassen.


"Medien müssen Auseinanderdriften der Gesellschaft stärker thematisieren"

Hier müssen wir uns als Gesellschaft fragen, wie es so weit kommen konnte, dass sich viele Menschen entfremdet und abgehängt fühlen und offen sind für Fake News und populistische politische Parteien. Das hat aus meiner Sicht wenig mit beispielsweise Zuwanderung und Flüchtlingen zu tun, sondern mit einem immer stärkeren Auseinanderdriften von Armen und Reichen und von Stadt- und Landbevölkerung. Und an dieser Stelle können die Medien auch wieder ihren Beitrag leisten, indem sie diese gesellschaftlichen Probleme stärker thematisieren. Auf diese Weise kann man diejenigen, die Angst haben abgehängt zu werden, wieder stärker in den Diskurs einbinden und eine gemeinsame Gesprächsgrundlage schaffen.

Stand: 22.12.2016, 00.00 Uhr

Über Philipp Müller

Philipp Müller. | Bildquelle: privat

Dr. Philipp Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik in Mainz. Er forscht vor allem zu Produktion, Rezeption und Wirkung journalistischer Medienangebote sowie zu öffentlicher Kommunikation und gesellschaftlichem Zusammenleben.

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