Faktencheck | Interview zum Thema Integration mit Wolfgang Kaschuba

Flüchtlinge laufen am 09.06.2016 nach einem Aufbaukurs Mathematik über den Campus der Freien Universität in Berlin. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Faktencheck mit Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba

Wie Integration gelingt

Pascal Schneiders

Wie gelingt Integration wirklich, und wie können Ängste vieler Deutscher vor Flüchtlingen überwunden werden? Darüber haben wir mit Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba gesprochen und seine Antworten in einem Faktencheck zusammengefasst.

ARD.de: Wie viele Flüchtlinge kann Deutschland noch aufnehmen?

Wolfgang Kaschuba: Prognosen darüber, wie viele Flüchtlinge Deutschland noch aufnehmen kann, sind spekulativ. Grundsätzlich funktioniert die Verteilung der Flüchtlinge in Deutschland weiterhin.

Wie kann man die Zuwanderung von Flüchtlingen begrenzen?

Menschen, die ihre Heimat verlassen, tun dies kaum, weil Bundeskanzlerin Merkel im September sagte, dass das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte keine Obergrenze kenne. Es sind vielmehr die Flüchtlings-Narrative über die Situation im Heimatland, auf der Flucht und bei der Ankunft, die dazu beitragen, ob sich andere Menschen ebenfalls zur Flucht entscheiden. Deshalb müssen Europa, die UNO und die UNESCO sich mehr um die Flüchtlingsaufnahmelager in der Türkei und in Nachbarländern kümmern, und die Lebensverhältnisse dort erträglich gestalten. In den Krisenregionen sind Investitionen in Hilfsmaßnahmen oft besser angelegt, als die Flüchtlinge am Ende der Flucht unter schlechten Umständen weit ab ihrer Heimat unterbringen und versorgen zu müssen.

Fazit: Den Flüchtlingen ist am besten geholfen, indem man die Situation vor Ort verbessert.

Kann Deutschland ein Einwanderungsland werden?

Deutschland ist de facto schon seit langem ein Einwanderungsland und auch schon sehr lange ein Auswanderungsland. Das haben die Deutschen in der Vergangenheit kaum akzeptiert. Denn die Realität stimmte nicht mit ihrem Selbstbild überein. Deutschland sollte immer ein geschlossenes, homogenes "Wir" verkörpern. Das hängt mit der komplizierten Nationalgeschichte Deutschlands zusammen. Während andere größere europäische Mächte ihre nationale Identität entwickelten, blieb Deutschland lange zerrissen. Das Deutsche Kaiserreich entstand erst sehr spät, im Jahr 1871. Als der Erste und der Zweite Weltkrieg die deutsche Gesellschaft traumatisierten, war sie schlecht ausgerüstet für den Weg in die offeneren Gesellschaften der Nachkriegszeit. Diesen deutschen Sonderweg in der Geschichte arbeiteten die Deutschen nur sehr langsam auf.

Fazit: Deutschland ist schon längst ein Einwanderungsland. Das wird von Teilen der Bevölkerung verdrängt.

Woher kommen die Ängste vieler Bürger, wenn es um Flüchtlinge geht?

Bei den Ängsten in der Bevölkerung geht es auf der einen Seite um konkrete Erfahrungen. So waren Teile der Bevölkerung schon vor Aufkommen der 'Flüchtlingskrise' mit knappem Wohnraum und Engpässen im Bildungsangebot konfrontiert. Jetzt befürchten sie, dass die Zustände sich zuspitzen. Dass Wohnraum und Arbeitsplätze knapp werden und das Zusammenleben nicht funktionieren werde, sind jedoch sich wiederholende Befürchtungen. Sie kamen beispielsweise schon auf, als die 'Heimatvertriebenen' nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland flohen, und stellten sich nicht als begründet heraus. Auf der anderen Seite handelt es sich bei den Ängsten um Gefühle, die mit Vorurteilen verknüpft sind. Ein Beispiel ist die Angst vor sexuellen Übergriffen durch männliche Flüchtlinge, die nicht auf reale Erfahrungen beruht. Gegen diese Ängste kommt man schwer an. Sie entstehen auch, weil die Flüchtlinge in den Medien oft als anonyme, bedrohliche Masse gezeigt werden. Rechtspopulistische Strömungen bedienen sich dieser Ängste und stützen sich dabei auf eine alte, bewährte Vorurteilsstruktur: Eine homogene, gewachsene Wertegemeinschaft steht den fremden, angeblich integrationsunwilligen 'Eindringlingen' gegenüber. Dahinter steht keine Lösung, sondern lediglich der Appell an Vorurteile, die in eine Angstform überführt werden. Diese Angst um Wohnraum, Kinder, Frauen und Ressourcen soll "Gegenwehr" von Rechts rechtfertigen. Sonderbarerweise scheint die Angst dort am größten zu sein, wo die "Fremden" am weitesten weg sind.

Fazit: Viele Ängste entbehren einer Erfahrungsgrundlage und werden von Rechtspopulisten geschürt.

Sind Flüchtlinge gewaltbereiter?

Die Extremsituationen, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind – traumatisierende Umstände in den Herkunftsländern, keine Privatsphäre und keine Beschäftigung bei ihrer Ankunft in Deutschland – fördern vereinzelt Auseinandersetzungen in den Erstaufnahmestätten. Rechtsradikale Gruppen instrumentalisieren diese und streuen gezielt Gerüchte, um Flüchtlinge in ihrer Gesamtheit zu diffamieren. Im Verhältnis zu den Problemen, die in den Aufnahmelagern durch Versorgungsengpässe entstehen, ist die Zahl der Vorfälle jedoch sehr gering.

Fazit: Flüchtlinge sind nicht gewaltbereiter als 'Einheimische'.

Lagebild des Bundeskriminalamtes

Kaum ansteigende Kriminalität durch Flüchtlinge

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt, doch Einfluss auf die Zahl der Straftaten hat das kaum. Stark angestiegen sind dagegen die Straftaten gegen Asylbewerberunterkünfte. | mehr

Was müssen die Politik, was Migranten, was Einheimische leisten oder aufgeben, um Vorurteile gegenüber Flüchtlingen abzubauen?

Die Politik muss Fremdenfeindlichkeit, Ängsten und Hassbildern entschiedener entgegentreten. Sie sollte die Zivilgesellschaft stärker in den Integrationsprozess einbeziehen und fördern. Zudem sollte die Politik der Zuwanderung nicht erst im Flüchtlingslager in Deutschland beginnen, sondern mit Beratung und Information in den Krisengebieten, damit die Flüchtlinge realistische Vorstellungen davon haben, was sie in Deutschland erwartet.

Die Flüchtlinge sind in der Regel zu großen Anstrengungen bereit, um neu anfangen zu können. Vor allem beim Erlernen der deutschen Sprache als Schlüssel zur Integration sollten sie Engagement zeigen. Hier dürfen sie auch gefordert werden – ebenso bei Unwissen über die deutsche Gesellschaft. Das Problem scheint jedoch zu sein, ihre Bereitschaft zu fördern.

Die Bevölkerung muss sich öffnen für mehr Vielfalt in der Gesellschaft und lernen, mit etwas mehr Enge in unserer Nachbarschaft umzugehen. Das ist aber nicht nur den Flüchtlingen zuzusprechen, sondern Folge der Globalisierung. Denn Globalisierung ist nie nur eine Einbahnstraße. Deutsche wünschen sich Mobilität nach außen. Jetzt müssen sie sich darauf einstellen, dass es auch Gegenverkehr gibt.

Fazit: Alle Seiten sollten sich mit mehr Vielfalt arrangieren und lernen, miteinander umzugehen.

Sollten Kopftücher jetzt verboten werden?

Das Tragen religiöser Symbole wie dem Kopftuch zählt zu den Grundfreiheiten. Die Geschichte zeigt, dass das Respektieren von Grundfreiheiten zu Entspannung in der Gesellschaft führt. Muslime tragen Kopftücher oder andere religiöse Symbole oft aus Trotz oder Solidarität, weil diese diskriminiert oder in Frage gestellt werden. In welchen Räumen Kopftücher getragen werden können und wo nicht, werden gesellschaftliche Gruppen im Einzelnen aushandeln. Je nachdem, wie sehr sie ihren Alltag mit anderen teilen und welchen Zugang zu Bildung sie haben, sind Menschen bereit, über religiöse Überzeugungen zu verhandeln.

Fazit: Ein Kopftuchverbot würde Muslime vor den Kopf stoßen und eine Annäherung bremsen.

Wie kann eine kulturelle Annäherung gelingen?

Sie kann gelingen, wenn jeder Einzelne sich bewusst macht, dass alle Menschen über Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten verfügen. Viele Flüchtlinge bringen Verbindungselemente, die auch in unserem Lebensstil schon vorhanden sind mit. Die jüngere Generation der Flüchtlinge ist durch das Internet so weitläufig wie hier auch und hat eine ähnliche Esskultur wie junge Menschen hierzuland. Um diese Gemeinsamkeiten zu entdecken, müssen sich beide Seiten begegnen.

Fazit: Kulturelle Annäherung gelingt, wenn man nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten betont.

Stand: Wed Jul 20 20:50:00 CEST 2016 Uhr

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