"Digitale Medien sind Teil der Alltagskultur der Kinder"

Prof. Dr. Stefan Aufenanger Uni Mainz Medienpädagogik Smartphone Tablet Kinder Soziales Netzwerk Wissenschaft Forschung. | Bildquelle: ARD.de

Medienpädagoge Stefan Aufenanger

"Digitale Medien sind Teil der Alltagskultur von Kindern"

Smartphones sind Teil des täglichen Lebens - auch bei Kindern. Schon ein Fünftel der 6- bis 7-Jährigen besitzt laut BITKOM-Studie ein Smartphone. Prof. Dr. Stefan Aufenanger vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Medienpädagogik. Er kennt sowohl Risiken als auch Möglichkeiten beim Umgang von Kindern mit sozialen Medien.

ARD.de: Bereits in der Grundschule sind Smartphones ein großes Thema, Diskussionen werden über WhatsApp, Facebook und andere soziale Netzwerke geführt. In welchem Alter sollten Ihrer Meinung nach Kinder erstmals mit sozialen Medien in Kontakt kommen?

Stefan Aufenanger: Jede Familie sollte das selbst entscheiden. Das kann durchaus auch sehr spät sein. Ich denke, es ist dann sinnvoll, wenn es in der gleichaltrigen Gruppe ein Thema für die Kinder wird. Ich würde schätzen, dass das momentan in der 3. oder 4. Klasse beginnt. Häufig geht das auch von den Eltern aus, die ihren Kindern ein Smartphone schenken, damit sie sie kontrollieren und anrufen können. Man muss aber gleichzeitig darauf achten, dass man deutlich macht, wo die Grenzen und Problembereiche sind. 

Ist das einer der positiven Aspekte von Smartphones - die Möglichkeit, die Kinder immer erreichen zu können?

Das muss nicht immer positiv sein. Ich finde, Eltern kontrollieren darüber zu sehr ihre Kinder. Die Kinder befinden sich heute sozusagen in einem digitalen Laufstall. Eltern kontrollieren immer, wo sie sind und es gibt kaum noch Zonen, wo sie unkontrolliert sind. Da muss man auch den Eltern mal sagen: Kinder brauchen auch Freiräume!

Wie erkenne ich denn, dass mein Kind bereit ist, ein eigenes Smartphone zu bekommen?

Das ist ein Problem, das Eltern immer schon hatten. Früher waren es möglicherweise Sammelkarten oder eine Fernsehsendung, die das Kind sehen wollte. Dann waren die Eltern dagegen, alle haben darüber gesprochen und das Kind war ausgeschlossen. Da muss man entscheiden: Sieht mein Kind das Smartphone als Notwendigkeit an, um dabei zu sein und ist es stark genug, mit den Problemen umzugehen? Kann es umgekehrt auch stark sein, zu sagen: Nein, ich brauche das eigentlich gar nicht? Das ist eine Abwägung, die man treffen muss. 

Mädchen und Junge sitzen auf dem Boden mit Smartphone. Eltern sitzen im Hintergrund auf Couch mit Smartphone. | Bildquelle: colourbox.de

Wichtig ist vor allem, dass man als Eltern mit dem Kind darüber redet. 

Also ist Reden das Wichtigste?

Genau. Die Eltern müssen versuchen herauszufinden, warum es wichtig ist, dass ein Kind ein Smartphone hat. Man sollte sich darüber informieren, was die Kinder mit dem Smartphone machen, warum die Freunde so etwas haben? Es ist wichtig, dass die Eltern sich selbst eine gewisse Medienkompetenz aneignen, wenn sie es nicht wissen. Dann kann man sich langsam herantasten, kleine "Verträge" machen, Absprachen treffen und festlegen, wo die Grenzen zu setzen sind.

Wenn die Entscheidung gefallen ist, dass mein Kind ein Smartphone bekommt. Was müssen Eltern vor allem am Anfang beachten?

Am Anfang ist es wichtig, dass ich mit dem Kind über die Sicherheit spreche. Also klären: Welche Apps lade ich runter? Wo sind die Gefahren von Apps? Man nennt das "digitale Bildung". Wir leben in einer digitalen Gesellschaft. Du zahlst nichts dafür, dass du beispielsweise Facebook nutzt. Wie überlebt also diese Firma? Sie nutzt deine Daten! Ich denke, das können Kinder um die zehn Jahre schon verstehen und dementsprechend aufpassen. 

Das zweite ist das, was wir die "Netiquette" nennen - das Kind muss wissen, dass es diese Medien nicht nutzen sollte, um jemanden zu dissen, weil es das selbst auch nicht gerne hätte. Da kann man auch mal ein kleines Rollenspiel mit dem Kind machen. Man muss klar machen: Pass auf, was du tust und akzeptiere auch die anderen.

"Man sollte seinen Kindern einfach vertrauen"

Das Verhalten des Kindes zu kontrollieren ist aber doch sehr schwierig, oder?

Kontrollieren heißt ja auch, man guckt immer mal wieder nach. Das ist falsch. Man sollte seinen Kindern einfach vertrauen. Es ist schwierig, heimlich auf dem Smartphone nachzugucken, was das Kind bei WhatsApp schreibt oder bei Facebook postet. Man sollte dem Kind klar machen: Ich vertraue dir, ich kontrolliere dich nicht und wenn etwas ist, dann kannst du immer zu mir kommen!

Cybermobbing und Sexting sind Probleme, die leider auch bei Kindern immer häufiger auftreten. Wenn ich mitkriege, dass im Umkreis meines Kindes etwas Derartiges vorgefallen ist, wie gehe ich dann damit um?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Man kann mit seinem eigenen Kind darüber reden, wenn man etwas mitbekommen hat und mal fragen: Machst du das auch? Dann sollte man aber nicht direkt anfangen und Verbote aussprechen. Früher haben wir Zettelchen geschrieben. Sexting ist einfach eine neue Form davon. Sexualität ist ein Thema, das immer früher bei den Kindern ankommt. Ja, es ist ein Problem. Aber es ist auch ein Teil von Kinder- und Jugendkultur - einfach sich gegenseitig ein bisschen zu ärgern - ohne das Bewusstsein zu haben, was das eigentlich bedeutet. Man sollte das offen ansprechen und gemeinsam in der Schulklasse mit Kindern Regeln suchen.

Cybermobbing: ein Mädchen im Vordergrund schaut traurig auf das Smartphone. Im Hintergrund zwei Mädchen mit Smartphone. | Bildquelle: colourbox.de

Ein Schweizer Kollege hat einen Versuch mit zwei Schulklassen gemacht: Die eine hatte ein Verbot von Facebook usw. Bei der anderen war alles offen, jeder konnte Facebook und WhatsApp nutzen. In der Klasse, in der es verboten war, gab es Cybermobbing. In der Klasse, der alles offen stand gab es fast gar keine Vorfälle. Es wird leider oft vergessen, dass es auch die Möglichkeit gibt, gemeinsam mit Kindern Regeln zu suchen.

Aber lässt es sich denn komplett verhindern?

Überhaupt nicht. Wir kennen das von Handyverboten in Schulen, dann bringen die Kinder ihr Zweithandy mit. Die Kinder kennen die Tricks sehr gut, um das zu umgehen. Das haben wir früher genauso gemacht. Ich will das nicht herabmindern als Problem. Früher war Mobbing auf einen Personenkreis begrenzt, heute ist es durch die digitalen Medien anonymisiert und auch öffentlich. Das hat eine andere Dimension, aber vom Prinzip her ist das meiner Meinung nach das gleiche. Das vergeht und wir reagieren häufig zu dramatisierend.

Verbote machen keinen Sinn, verhindern können wir Cybermobbing und andere Probleme auch nicht. Was ist ihr Rat, Kinder besser an digitale Medien heranzuführen?

Das Problem ist, dass wir die digitalen Medien nicht als Teil der Alltagskultur von Kindern und Jugendlichen sehen. Wir denken immer nur an den pädagogischen Aspekt, und wenn sie für die Schule pädagogisch wertvoll werden, dann werden sie auch integriert. Die digitalen Medien sind so weit verbreitet, das müssen wir in der Schule aufgreifen. In der Grundschule sollten wir schon digitale Medien ermöglichen. Wenn die Kinder ohnehin schon ein Smartphone haben, warum sollten sie dann nicht damit auch nach Begriffen recherchieren können? Wenn man es so integriert, hat man auch gleichzeitig eine Basis, das Thema anzusprechen. Die Dialogbereitschaft von Eltern und Lehrern ist ganz wichtig. Man kann anderer Meinung sein, sollte es aber akzeptieren und Lösungen finden. Wenn Grenzen überschritten werden, muss man natürlich einschreiten und klar machen, dass es auch Sanktionen gibt.

Facebook ist eigentlich erst ab 13 Jahren erlaubt, WhatsApp sogar erst ab 16. Ist es dann dann klug, den Kindern den Umgang damit auch erst ab diesem Alter zu erlauben?

Diese Altersgrenzen sind ja keine Jugendmedienschutzgrenzen. Das sind allgemeine Geschäftsbedingungen. Damit sichern sich die Firmen ab. Ich bekomme mit, dass viele Eltern mit ihren Kindern WhatsApp-Gruppen bilden, um kommunizieren zu können. Problematischer sehe ich ohnehin "Snapchat". Da wird nach zehn Sekunden das versendete Bild wieder gelöscht. Deshalb wird das oft zu Sexting genutzt. Die Kinder und Jugendlichen finden immer wieder neue Netzwerke, sobald eines problematisch wird. Sie finden einfach Tricks, sich auszutauschen. Das ist dann einfach der Spagat, den die Eltern machen müssen: den Kindern die Möglichkeit zur Selbstbestimmung geben, gleichzeitig aber auch, Verantwortung zu übernehmen. 

Kind steht im Spielzimmer und spielt mit Smartphone. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wenn die Kinder diese gegebenen Freiräume nicht sinnvoll nutzen, dann muss man einschreiten und mit ihnen darüber reden. Dann muss man auch mal Verbote aussprechen. Da ist es aber wichtig, diese Verbote gut zu begründen. Das hängt aber auch alles von den Kindern ab. Nicht jedes Kind kann mit den selben Regeln umgehen.

Es gibt Möglichkeiten, ein Smartphone kindersicher zu machen. Ist es denn ihrer Meinung nach ratsam, so eine Kindersicherung überhaupt einzustellen?

Man hat ja viele Möglichkeiten, genau festzulegen, was wie genutzt werden kann. Das wissen viele Eltern gar nicht. Wenn mein Kind sehr naiv ist, würde ich schon damit anfangen. Ich würde dem Kind dann sagen: Ich stell dir das jetzt mal ein und in ein paar Monaten gucken wir mal, wie du damit umgehen kannst. Es ist wichtig, dass man das dynamisch mit der Entwicklung des Kindes anpasst. Ein 16-Jähriger braucht keine Kindersicherung mehr.

Aber das mache ich mit meinem Kind gemeinsam?

Ja, gemeinsam - ohne natürlich die Passwörter zu zeigen. Man sollte dem Kind dann auch sagen, dass man das auch macht, um es zu schützen. Der Dialog mit dem Kind ist wichtig.

Wo sehen Sie denn Chancen, wenn Kinder so früh mit sozialen Medien in Kontakt kommen?

In der digitalen Kommunikation traut man sich auch manchmal, etwas zu sagen, was man sich sonst nicht getraut hätte - nicht nur unter dem negativen Aspekt. Ich merke das in Schulklassen, die digitale Möglichkeiten zur Meinungsäußerung geben. Kinder, die sich vor der Klasse nicht trauen würden, etwas zu sagen, haben kein Problem sich zu äußern, wenn der Lehrer sagt: Schreib es auf und wir posten es dann. Außerdem kann man sich online austauschen, recherchieren. Die ganze Informationswelt steht den Kindern offen. Das sehe ich schon als Vorteil. 

Für die Eltern ist es natürlich auch positiv, dass die Kommunikation innerhalb der Familie viel einfacher ist, wenn die Kinder beispielsweise unterwegs sind.

Wir versuchen uns mal an einem Fazit. Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg für Eltern und Lehrer, die Kinder an Smartphones und soziale Netzwerke heranzuführen?

Man sollte die Kinder dann an Smartphones und soziale Netzwerke heranführen, wenn es in der sozialen Gruppe wichtig wird und nicht, wenn man das Kind kontrollieren möchte. Dann sollte man auch überlegen, ob das Kind damit umgehen kann. Wenn die Kinder beginnen, Facebook und WhatsApp zu nutzen, müssen sich Eltern selbst auch darüber informieren und dann das Gespräch suchen.

Es gibt da viele positive Möglichkeiten. Lernt das Kind im Auslandsurlaub jemanden kennen, kann es mit dem neuen Freund über Facebook Kontakt halten. Gleichzeitig muss ich auch die andere Seite der Medaille thematisieren und über die Problembereiche wie Mobbing und Sexting sprechen. Dabei sollte man das Kind fragen, ob es das selbst auch toll finden würde. Gleichzeitig sollte man ihm das Angebot machen, dass es immer mit den Eltern über Probleme sprechen kann, Offenheit signalisieren.

Das Interview führte Daniel Isengard.

Stand: Wed Sep 30 13:30:00 CEST 2015 Uhr

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