"Viele halten Fotos und Videos für die Wirklichkeit"

Medienpädagoge Horst Niesyto

"Viele halten Fotos und Videos für die Wirklichkeit"

Ein Interview von Alice Lanzke

Web 2.0, Informationsexplosion, Social Networks: Die neuen Medien haben unser Leben nachhaltig verändert - und erfordern ein neues Nachdenken über die viel zitierte Medienkompetenz. Doch was ist damit gemeint? Ein Gespräch mit dem Experten Horst Niesyto über Anforderungen, die die neue Medienwelt an uns stellt.

 

ARD.de: Herr Prof. Dr. Niesyto, leben wir heute in einer Mediengesellschaft?

Horst Niesyto: Grundsätzlich bin ich mit dem Aufkleben solcher Labels vorsichtig, da so immer die Gefahr besteht, dass andere Aspekte in den Hintergrund treten. Allerdings ist das Schlagwort von der Mediengesellschaft sicherlich insofern richtig, dass heutzutage so gut wie alle Fragen in der Gesellschaft medial kommuniziert werden.

Prof. Dr. Horst Niesyto. | Bildquelle: privat

Umso wichtiger wird der richtige Umgang mit dieser medialen Kommunikation, das Stichwort "Medienkompetenz" fällt in diesem Zusammenhang immer öfter. Was ist damit gemeint?

Es gab zu dem Begriff immer wieder Definitionsvorschläge - das Verständnis hat sich mit den Jahren verändert. So dominierte früher die Auffassung von der Medienkompetenz als "Bedienwissen": Wie gut kann ich mit Technik umgehen? Das ist natürlich wichtig, allerdings hat sich gezeigt, dass diese Verknappung der falsche Weg ist. In der Medienpädagogik ordnen wir dieses Verständnis eher dem Wissen ÜBER Technik zu. Stattdessen verstehen wir Medienkompetenz heute vor allem als Teil kommunikativer und auch sozialer Kompetenz.

Was bedeutet das genau?

Unser heutiges Verständnis von Medienkompetenz umfasst mehrere Bereiche: Es geht zum einen um das Verstehen medialer Botschaften mit all ihren ästhetischen und symbolischen Aspekten. Zum anderen um das eigene Gestalten und Produzieren medialer Inhalte, was eine Form gesellschaftlicher Teilhabe ist und nicht zuletzt um die Fähigkeit zur Medienkritik, die wichtig für das Verstehen und die Nutzung von Medien ist, ebenso wie für das Gestalten und Produzieren.


Zur Person

Prof. Dr. Horst Niesyto arbeitet am Institut für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er gehört zu den Gründern der Initiative "Keine Bildung ohne Medien", die im Frühjahr 2009 das Medienpädagogische Manifest (s. Seite 2) veröffentlichte. Außerdem ist er Sprecher der Kommission Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und war Mitglied einer Expertenkommission des Bundesbildungsministeriums zur Medienbildung.

Warum sind die von Ihnen aufgeführten Fähigkeiten nun aber ausgerechnet in unserer heutigen Zeit so wichtig?

Gerade mit Blick auf das Internet erleben wir eine explosionsartige Zunahme von Informationen. Daher ist die Nutzung unterschiedlicher Informationsquellen so wichtig geworden - und im Zuge dessen eben auch ihre Bewertung und Auswahl. Das Problem der Auswahl von Informationsquellen hat es auch schon früher gegeben, allerdings ist es nun viel größer geworden. Man denke nur an Fragen nach der Glaubwürdigkeit, dem Wahrheitsgehalt oder der Urheberschaft von Quellen. Dazu bekommen wir immer mehr Informationen über Situationen, bei denen wir nicht physisch präsent sind ...

... warum erfordert dies Medienkompetenz?

Weil es eine Ungewissheit gibt, wie wir mit solchen Situationen umgehen sollen. Kollegen sprechen in diesem Zusammenhang von der "Risikokompetenz". Wir müssen uns bewusst machen, dass solche Situationsbeschreibungen Konstruktionen sind. Viele halten ja Fotos und Videos für die Wirklichkeit, ich aber meine, dass man sich die subjektive Seite des Objektivs bewusst machen muss: Die Kameralinse als solche ist objektiv, nicht aber das, was sie inhaltlich ablichtet. Da gibt es viele Möglichkeiten, Inhalte medial darzustellen und zu beeinflussen. Sich dessen bewusst zu werden, halte ich für eine zentrale Aufgabe.

Sie haben gesagt, dass zur Medienkompetenz auch der Bereich des Gestaltens und Produzierens gehört. Denken Sie dabei an die so genannten Social Networks wie Facebook, Youtube oder Flickr?

Junge Frau sitzt vor Computer, auf dem das soziale Netzwetk "facebook" aufgerufen wurde. | Bildquelle: colourbox.de

Bildquelle: colourbox.de

Genau. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass es hier Probleme im Umgang mit persönlichen Daten gibt. Viele Nutzer sind sich nicht bewusst, dass das, was man einmal eingestellt hat, dem persönlichen Zugriff dann entzogen wird. Man kann eben nicht kontrollieren, was zum Beispiel mit den Fotos passiert, die man gepostet hat. Es geht also darum, sich bewusst zu machen, dass es einen Unterschied zwischen meinem privaten und meinem öffentlichen Bereich gibt.


Enquete-Kommission des Bundestages

Am 4. März 2010 hat der Deutsche Bundestag die Einsetzung der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" beschlossen. Sie soll politische Handlungsempfehlungen erarbeiten, die der weiteren Verbesserung der Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft in Deutschland dienen. In der Kommission sitzen 17 Parlamentarier aller Bundestagsfraktionen und 17 von den Parteien benannte Experten.

In diesem Zusammenhang fällt ja immer wieder das Schlagwort vom Verschwinden der Privatheit ...

... die Grenzen haben sich sicherlich verschoben. Aber dennoch bleibt die Aufgabe, über diese Grenzen nachzudenken. Man muss sich allerdings nicht wundern, wenn junge Menschen etwas unbedacht mit dem Thema umgehen: Bislang wurde es schließlich nicht hinreichend in Politik und Öffentlichkeit diskutiert. Ein wenig ändert sich das ja derzeit, man denke nur an die entsprechende Enquete-Kommission des Bundestags.

Stand: 28.05.2010, 09.59 Uhr

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