"Viele halten Fotos und Videos für die Wirklichkeit" - Teil 2

Medienpädagoge Horst Niesyto

"Von Verboten halte ich nichts"

Ein Interview von Alice Lanzke

ARD.de: Was tut Deutschland, um Medienkompetenz zu fördern?

Horst Niesyto: Es gibt seit geraumer Zeit Anstrengungen auf unterschiedlichsten Ebenen, dazu gehören auch so genannte Leuchtturm-Projekte, auch im Bildungsbereich. Doch die föderalen Strukturen in Deutschland erschweren mitunter eine Auseinandersetzung mit dem Thema in der Breite. In einzelnen Lehrplänen ist die Medienkompetenz schon verankert, in anderen ist sie nur schwach vertreten. Grundsätzlich hakt es auch bei der Frage, ob die Lehrkräfte hinreichend ausgebildet sind. Da gibt es fast überall Defizite, Medienpädagogik ist meist nur ein optionaler Bestandteil der Lehrer-Ausbildung.

Zu welchem Ergebnis führt dieses Defizit?

Informatikunterricht in einem Computerraum. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Es führt dazu, dass sich viele Lehrkräfte noch nicht mit Medienfragen beschäftigt haben. Selbst, wenn sie Wissen über das Thema besitzen, sind sie oft nicht in der Lage, dieses auch in der Schule anzuwenden. Da beobachte ich eine große Kluft zwischen dem, was viele Schüler wissen und können, und dem, was Lehrer einbringen.

Aber sind gerade junge Lehrer nicht selbst mit dem so genannten Web 2.0, dem Mitmach-Netz, oder zumindest mit dem Siegeszug des Internets aufgewachsen?

Ja, sie gehören zwar vermehrt zu den so genannten "digital natives" (Menschen, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, Anm. d. Red.). Das schlägt sich aber nicht im Unterricht nieder. Woran das liegt, müsste stärker erforscht werden. Doch die Schule ist ja nicht der einzige Bereich, in dem Medienkompetenz vermittelt werden sollte. Hier denke ich an den boomenden Bereich der frühkindlichen Bildung. Dabei geht es um die Frage, wie Erzieherinnen und Erzieher das durchaus vorhandene Medieninteresse von Kindern, etwa im Alter von vier bis sechs Jahren, aufgreifen können. Auch hier gibt es in den verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedliche Bildungspläne. Sicherlich existieren auch in diesem Bereich ganz tolle Projekte - schaut man aber in die Breite, dann ist das noch viel zu wenig.

Wo kann Medienkompetenz außerhalb von Kindergarten und Schule noch vermittelt werden?

Im außerschulischen Bereich, in dem das Prinzip der Freiwilligkeit herrscht. Hier beobachte ich, dass in Zusammenhang mit der Mittelverknappung in Städten und Kommunen immer mehr Projekte gekürzt werden. Wir haben zu wenig strukturelle Förderung und eine starke Konzentration auf zeitlich begrenzte Projekte. Diese Problematik verschärft sich im Zuge der Haushaltslage noch. Ich denke, dass das Nebeneinander verschiedenster Institutionen vor diesem Hintergrund überwunden werden sollte. So könnten sich zum Beispiel soziale und kulturelle Einrichtungen stärker vernetzen und mehr kooperieren.

Sie gehören zu den Gründern der Initiative "Keine Bildung ohne Medien", die im Frühjahr 2009 das Medienpädagogische Manifest veröffentlicht hat. Was besagt dieses Manifest?

Die grundsätzliche Forderung ist, dass alle Kinder und Jugendlichen die Chance erhalten, ihre Medienkompetenz zu erweitern. Dafür muss es Qualitätsstandards geben, die auch evaluiert werden. Dann sollte eine medienpädagogische Grundbildung verbindlicher Bestandteil der pädagogischen Ausbildung werden. Wir brauchen dafür allerdings mehr Professuren und Mitarbeiter an den Hochschulen - auch, um im Bereich der Medienpädagogik intensiver zu forschen.

Das Medienpädagogische Manifest hat bereits über 800 Unterzeichner. Doch für wen soll es gelten? Was ist zum Beispiel mit Kindern und Jugendlichen aus den so genannten "bildungsfernen" Schichten?


Das Medienpädagogische Manifest

Im März 2009 veröffentlichte die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" ihr Medienpädagogisches Manifest mit zentralen Forderungen zur Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Zu den Erstunterzeichnern gehörten die Kommission Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die Fachgruppe Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik‐ und Kommunikationswissenschaft, die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), die JFF - Jugend, Film, Fernsehen e.V., das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sowie zahlreiche Medienpädagogen und weitere Personen und Einrichtungen.

Die Forderungen des Manifests gelten für alle Gruppen. Doch gerade beim Schlagwort "Bildungsferne" warne ich immer vor Generalisierungen. Denn Bildungsbenachteiligung ist keine persönliche Eigenschaft, sondern eine Strukturfrage. Es wird zwar generell beobachtet, dass bildungsnähere Schichten differenzierter mit Medienangeboten umgehen - über den Einzelnen sagt das allerdings noch nichts aus. Zwei Beispiele: Es ist bekannt, dass viele Kinder und Jugendliche aus den so genannten bildungsfernen Schichten sich zum Beispiel sehr gut mit bestimmten Film- oder Musikstars auskennen. Das ist eben eine andere Art der Informationen, als wir sie in manchen Tageszeitungen finden. Es muss also darum gehen, dieses vorhandene Potential zu stärken und für andere Inhalte zu öffnen - ohne den Zeigefinger zu erheben.

Wie soll das konkret funktionieren?

Ich habe zum Beispiel mit Jugendlichen Videos produziert und ihnen anhand der Clip-Ästhetik die sie mögen, auch Einblicke in die Geschichte des Films gegeben. Ein anderer Teenager aus Ludwigsburg erzählte mir, dass er in einem Online-Spiel einen Jugendlichen aus Russland kennen gelernt hatte. Um sich besser verständigen zu können, kaufte er ein Russisch-Wörterbuch - so etwas finde ich fantastisch!

Außerhalb der Schule und der von Ihnen angesprochenen Projekte sind viele Eltern aber bereits zu Hause mit dem Medienkonsum ihrer Kinder überfordert. Was raten Sie diesen?

Zwei Kinder betrachten einen Computer. | Bildquelle: DAK

Eltern sollten das Internet nicht nur als Wissensquelle begreifen, sondern auch als Raum für die Entwicklung ihrer Kinder - in dem sich diese abgrenzen können. Dennoch bleiben Eltern in der Verantwortung. Ein großer Teil weiß gar nicht, was ihre Kinder im Netz machen. Von Verboten halte ich allerdings nichts, stattdessen sollte man sich einfach mal zeigen lassen, was die Kinder und Jugendlichen im Internet machen. Das gilt übrigens auch für Lehrer.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Haben viele Eltern einfach kein Interesse an den neuen Medien?

Viele sind überfordert, ihren Kindern Aufmerksamkeit und Nähe zu bieten. Das hängt nicht nur mit den Medien, sondern ganz grundsätzlich mit den heutigen Anforderungen der Arbeitswelt zusammen. Geld spielt eine viel zu große Rolle, Zeit, um sich seinen Kindern zu widmen, fehlt da schlicht in vielen Familien - völlig unabhängig von dem Bildungsstand. Die Beschleunigungsprozesse haben in allen Bereichen zugenommen, alles wird kurzfristiger, gleichzeitig steigen Zeit- und Handlungsdruck. Gerade Zeit brauchen wir aber für Erziehungs- und Bildungsprozesse. In diesen Bereich gehört dann wieder die Medienkompetenz - sie ist eben Teil des kommunikativen und sozialen Handelns in der Gesellschaft.

 

Das Interview führte Alice Lanzke.

Stand: 27.05.2010, 17.15 Uhr

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