ARD-Chefredakteur fordert sachliche Debatte

Der Chefredakteur des Ersten Deutschen Fernsehens, Thomas Baumann. | Bildquelle: ARD / Ralf Wilschewski

ARD-Chefredakteur fordert sachliche Debatte über Politik-Talkshows

Thierse wünscht sich weniger Talkshows - SPD-Politiker bemängelt Skandalisierung

Berlin (dapd) - ARD-Chefredakteur Thomas Baumann fordert eine sachlichere Diskussion über die Politik-Talkshows in der ARD. Die Debatte sei "über weite Strecken aus dem Ruder gelaufen", sagte er am Donnerstag bei einer Diskussion mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Der Deutsche Bundestag hatte beide zu einem Streitgespräch zum Thema "Politische Talkshows - Information oder Inszenierung?" eingeladen. Thierse seinerseits übte scharfe Kritik an den Gesprächssendungen und sprach sich dafür aus, ihre Anzahl von derzeit fünf auf drei zu reduzieren.

Den Vorwurf, die Sendungen böten nur inszenierte Scheindebatten, ließ Baumann nicht gelten. "Wir wollen Politik nicht als Unterhaltung darbieten", betonte er. "Selbstverständlich: Wir wollen den Erfolg beim Publikum", fügte er hinzu. "Wir können und wollen nicht das bebilderte "Zeit"-Dossier sein." Die Quote sei aber nicht das ausschlaggebende Kriterium. Der inhaltliche Anspruch sei es, Aufklärung und Informationen anzubieten und Konfliktlinien aufzuzeigen.

Es gehe darum, die begrenzte Aufmerksamkeit der Zuschauer für politische Informationen "so gut wie möglich auszuschöpfen". Die Diskussionsrunden von Jauch, Will, Plasberg und Co. seien dafür ein geeignetes Mittel. Dabei sei eine gewisse Zuspitzung nötig, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu gewinnen.

Thierse kritisiert Skandalisierung und Personalisierung

Thierse ging mit den ARD-Talkshows hart ins Gericht. "Politik wird als Unterhaltung dargeboten", sagte der SPD-Politiker. Er beobachte eine Zuspitzung, Skandalisierung und Personalisierung. Bei der Gästeauswahl sei Schlagfertigkeit wichtiger als sachliche Kompetenz. Die "Ernsthaftigkeit, Langsamkeit und Mühseligkeit" der Politik werde in den Diskussionsrunden beiseite geschoben.

Er wünsche sich, dass die Sendungen "mehr als bisher zum intensiven Zuhören verführen", sagte Thierse. Er schlug vor, die Anzahl der Talkshows zu reduzieren. Übrig bleiben sollte nach Thierses Ansicht eine Talkshow nach dem Vorbild von "Hart aber fair", in der nicht nur Politiker zu Wort kommen und die mit ihren Einspielfilmen "keine reine Gesprächsrunde" sei. Daneben schlug er eine Runde mit vier Personen vor. Derzeit würden oftmals zu viele Gäste eingeladen, die dann nicht immer ausreichend zu Wort kämen. Als drittes Talkshow-Format wünscht sich Thierse eine Sendung mit einem oder zwei Gästen.

Baumann: "Diese Diskussion haben wir permanent intern"

Baumann wollte sich zu einer möglichen Verringerung der Sendungsanzahl nicht konkret äußern. "Diese Diskussion haben wir permanent intern", sagte er. "Mit Sicherheit wird diese Frage im nächsten Jahr relevant."

Die Diskussion über die Talkshows war am Wochenende neu entflammt. Der «Spiegel» hatte berichtet, dass ARD-Programmdirektor Volker Herres den Intendanten eine Reduzierung der Talkshow-Zahl vorgeschlagen habe. «Ich kann diese Meldung definitiv nicht bestätigen. Ich kann sie aber auch nicht ausschließen», sagte Baumann.

Nach Senderangaben wollen die Intendanten der ARD-Sender im ersten Halbjahr 2013 die Erfahrungen mit der Zahl der Talkshows im Ersten auswerten.

Stand: Fri Nov 02 16:19:00 CET 2012 Uhr

Darstellung: