Das Fernsehen zerstört das Kino – wirklich?

Szene aus dem Film Buddenbrooks. | Bildquelle: ARD-Foto

Zur Sache

Das Fernsehen zerstört das Kino – wirklich?

Eine Entgegnung auf Thomas Frickel von Udo Reiter

Haben die Sender zu großen Einfluss auf das Kino? Missbrauchen sie ihre Macht? Der Dokumentarfilmer Thomas Frickel sieht es so. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eine Entgegnung von Udo Reiter.

Alle Jahre wieder: Das Fernsehen "zerstört das Kino". Es erhält Gebührengeld und anstatt dieses Geld zur freien Verfügung an die Filmproduzenten weiterzureichen, damit diese ihre Kunstwerke schaffen können, gibt es erstens zu wenig weiter und will zweitens bei der Verwendung des Weitergegebenen auch noch mitreden. Diesmal ist es der Dokumentarfilmer Thomas Frickel, der passend zur Berlinale die alte Geschichte ein weiteres Mal vorträgt: "Sie pressen den Film in ihr Format" (FAZ vom 15.2.2011)

Richtiger wird sie dadurch nicht. Niemand hindert Herrn Frickel daran, unabhängig vom Fernsehen einen Kinofilm zu produzieren und zu vermarkten. Das geschieht weltweit jeden Tag. Und wenn uns sein Film für eines unserer Fernsehprogramme geeignet erscheint, werden wir gerne eine Sendelizenz erwerben. Auch das geschieht ständig. Unsere Leute gehen auf Filmmessen, sichten die Angebote und erwerben Kinofilme, an deren Entstehen kein Fernsehsender je beteiligt war.Inzwischen haben sich allerdings auch andere Formen der Zusammenarbeit zwischen Kino- und Fernsehmachern entwickelt. Die Verwandtschaft der beiden Medien ist ja nicht zu übersehen. Warum also nicht schon bei der Produktion kooperieren? Warum nicht von Anfang an ein gemeinsames Produkt anstreben? Warum nicht eine win-win-Situation, was Finanzierung und Reichweite angeht? Die Vorteile liegen auf der Hand. Das Modell hat sich daher längst durchgesetzt. Der „Amphibienfilm“ist Alltag, und er ist erfolgreich. Viele deutsche Kinofilme wären ohne Unterstützung des Fernsehens nicht entstanden, und unsere Fernsehprogramme wären ohne solche Produktionen sehr viel ärmer. Kino und Fernsehen sind heute Geschwister. Sie zanken sich, aber eigentlich gehören sie zusammen.Aus diesem Grund engagiert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland systematisch in der Filmförderung. Wir unterstützen z.B. die Filmförderanstalt des Bundes (FFA) mit beträchtlichen Mitteln. ARD und ZDF bringen pro Jahr 11 Mio Euro in die FFA ein, zusätzlich 3 Mio Medialeistung (also Werbespots für Kinofilme) und 4,6 Mio für Gemeinschaftsproduktionen. Und als die deutsche Filmförderung im vergangenen Jahr knapp vor dem Kollaps stand, weil einige Großkinobetreiber ihre Zahlungen nicht mehr leisten wollten, da haben die Sender den Zusammenbruch der FFA, der ein Fiasko für die Filmproduzenten geworden wäre, verhindert. Auch Herr Frickel, der ja im Verwaltungsrat der FFA sitzt, hat damals, wenn ich das recht gesehen habe, Beifall geklopft. Dazu kommt noch die regionale Filmförderung in den einzelnen Bundesländern. In diese Fördertöpfe überweist die ARD nochmals rund 30 Mio Euro pro Jahr. Das hat dann beispielsweise zur Folge, dass Szenen eines Hollywood-Films wie "Inglourious Basterds" mit Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung in der Sächsischen Schweiz gedreht werden. Das hilft vielleicht nicht den deutschen Produzenten, aber dafür dem einen oder anderen Produktionsdienstleister.Insgesamt ist die Förderstruktur für den deutschen Film im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Von den 189 deutschen Erstaufführungen im vergangenen Jahr sind 111 Filme durch die FFA gefördert worden. Ohne den Beitrag des Fernsehens wäre das nicht annähernd möglich gewesen.Dass wir bei diesem Ausmaßunseres finanziellen Engagements auch einige Wünsche haben und das Geld der Gebührenzahler nicht direkt und ohne Auflagen an die Produktionsfirma von Herrn Frickel weiterleiten, wird man uns im Ernst nicht vorwerfen können. Natürlich spielen inhaltliche, künstlerische und wirtschaftliche Kriterien bei der Förderung eine Rolle. Und eine gewisse öffentliche Wirkung und einen minimalen Publikumszuspruch sollte ein geförderter Film schon erwarten lassen – hier ist dann unter anderem ein Gesichtspunkt, ob das  Fernsehen bereits Interesse an dem Stoff angemeldet hat. In den  Vergabeausschüssen der Förderinstitute sind die Sendervertreter aber klar in der Minderheit. Und mit Verlaub: Bei manchem geförderten Film muss es die reine Liebe zum Kino gewesen sein, die uns Ja sagen ließ. Niemand wollte ihn sehen.Dass diese Zusammenarbeit zu einer Verflachung des Kinofilms führen muss, ist Unsinn. Dagegen sprechen zu viele Beispiele. "Das weiße Band" ebenso wie "Das Leben der Anderen" oder die Filme von Bernd Eichinger, der ein uneingeschränkter Verfechter der Kino-Fernseh-Produktionen war und einmal auf die Frage, was könnte denn besser sein in der Zusammenarbeit mit der ARD, geantwortet hat: "Nichts."Auch auf dem Sektor Dokumentarfilme gibt es solche Beispiele. Die international mehrfach prämierte Produktion "Geheimsache Ghettofilm" über NS- Propagandafilmer im Warschauer Ghetto ist mit Beteiligung von MDR, SWR, ARTE und dem israelischen Fernsehen realisiert worden. "Bewegend und intellektuell provozierend zugleich" war das Urteil der "New York Times".Man muss es freilich können. Man muss die Gesetzmäßigkeiten beider Medien verstehen und berücksichtigen, dann verflacht gar nichts. Dann gibt es möglicherweise zwei Versionen, eine einteilige fürs Kino und eine zweiteilige mit angeschlossener Dokumentation fürs Fernsehen. Das ist zeitgenössisches Filmemachen. Diese Chancen muss man nutzen, und nicht der "alten Filmkunst" nachtrauern.Wenn man statt dessen einen Teil der Rundfunkgebühren als Kinogebühr einfordert, dann lässt man wirklich den Schwanz mit dem Hund wedeln. Ein anderer Kurs erscheint da weit zielführender, nämlich eine Verständigung über die terms of trade für hundertprozentige Auftragsproduktionen zwischen Anstalten und Produzenten, sodass die Produzenten an den Verwertungserlösen – etwa bei DVDs und im Internet - beteiligt sind. Diesen Weg sind ARD und ZDF mit der Produzentenallianz, die sich zum wichtigsten Verhandlungspartner in dieser Branche entwickelt hat, gegangen. Das wurde von den Verhandlungspartnern als "die weitreichendste Verbesserung der Vertrags- und Arbeitskonditionen für deutsche Produktionen seit sehr langer Zeit" gewürdigt. Partnerschaft statt Konfrontation, so müssen sich Geschwister zusammenraufen.Udo Reiter ist Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks und Filmintendant der ARD. Diese vertritt er auch im Verwaltungsrat und im Präsidium der Filmförderungsanstalt.

Dieser Artikel ist am 18.02.2011 auch in der FAZ erschienen.

Stand: Fri Feb 18 09:16:00 CET 2011 Uhr

Darstellung: