Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor im "Spiegel"-Gespräch

Der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor. | Bildquelle: NDR / David Paprocki

Interview

Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor im "Spiegel"-Gespräch

"Spiegel": Herr Marmor, wie hoch ist die Zulage, die Sie seit dem 1. Januar als ARD Vorsitzender zusätzlich zu Ihrem Intendantengehalt beziehen?

Marmor: Dafür gibt es keine Zulage.

"Spiegel": Ihre Vorgängerin, die WDR Intendantin Monika Piel, beschreibt den Job als einen, den man eher früher als später los sein will. Warum tun Sie sich das also an?

Marmor: Mich hat gewundert, dass selbst manche in der ARD so tun, als müssten sie mir ihr Beileid bekunden. Ich finde, dass das Amt eine Ehre und Herausforderung ist. Wir sind mit unseren Angeboten eine der wichtigsten publizistischen Kräfte in Deutschland.

"Spiegel": Als ARD-Vorsitzender sind Sie vor allem Zielscheibe der öffentlichen Kritik, etwa wenn es um den neuen Rundfunkbeitrag geht. 60 Prozent der Deutschen lehnen das Projekt ab.

Marmor: Die Frage war nicht, ob die Menschen den Rundfunkbeitrag ablehnen, sondern ob sie es richtig finden, dass er gezahlt werden muss, unabhängig davon, ob ein Fernseher oder Radio vorhanden ist. Das ist ein Unterschied. Aber ich drehe die Zahl mal um. Zum jetzigen Zeitpunkt sind es schon 40 Prozent die den neuen Beitrag gut finden. Bei den anderen haben wir noch eine Kommunikationsaufgabe. Studien gibt es viele: Wir haben auch eine. Da fragten wir, ob der NDR sein Geld wert ist – und kamen auf eine Zustimmung von 70 Prozent.

"Spiegel": Erst nach Protesten wurde entschieden, dass zum Beispiel Demenzkranke in Pflegeheimen vom Rundfunkbeitrag befreit sind.

Marmor: Als ich das hörte, war mir gleich klar: Das geht ja gar nicht. Das wäre unmenschlich und niemandem zu erklären. Den Ärger hätten wir uns sparen können, muss ich selbstkritisch sagen.

"Spiegel": Wie viele Beschwerden über den neuen Rundfunkbeitrag gehen bei Ihnen gerade täglich ein? Einige Unternehmen klagen über Mehrkosten im sechsstelligen Bereich.

Marmor: Natürlich melden sich gerade mehr Menschen als sonst. Viele wollen sich aber nur informieren, ob sich für sie etwas ändert. Bei Firmen mit vielen Filialen kann ich die Beschwerden teilweise nachvollziehen Es gibt aber auch Unternehmen, die weniger zahlen. Und für mehr als 90 Prozent der Leute ändert sich nichts, ihnen geht es ums Programm.

"Spiegel": Können Sie das genauso verteidigen wie die Gebühr?

Marmor: Es gibt Dinge, die funktionieren, und welche die weniger funktionieren. Die "Tagesschau" funktioniert, der "Tatort" auch. Das Erste ist nach wie vor stark in der Information. Wir haben ein Problem am Vorabend. Der Donnerstagabend ist schwierig. Und in der Unterhaltung könnten wir das eine oder andere sicherlich besser machen.

"Spiegel": Warum braucht die ARD Jahre zur Entwicklung eines neuen Satireformats, und dann ist es doch schlecht?

Marmor: Sie meinen "Das Ernste". Das ist ein Experiment. Es wird immer gesagt, wir versuchen nichts. Jetzt versuchen wir was und werden sehen, ob es funktioniert.

"Spiegel": Sie hätten Olli Dittrich haben können, der so ein Format jahrelang konzipierte. Aber der lief im Sender auf eine Sandbank.

Marmor: Es kann ja passieren, dass man sich nicht einig wird. Aber es ist Aufgabe der Redaktion, aus zu wählen. Ich kann mich da als Intendant nicht immer einmischen. Ich kann nur dafür sorgen, dass im Sender das richtige Klima für Kreativität herrscht.

"Spiegel": Haben Sie den Eindruck, dass genug Kreativität bis ins ARD-Programm vordringt?

Marmor: Ich wünsche mir immer mehr. Spielen wir hier Wunschkonzert?

"Spiegel": Warum nicht? Wie würde Ihr Traumprogramm aussehen?

Marmor: Gar nicht so viel anders. "Tagesschau", "Tatort", die politischen Magazine hätte ich weiter, auch den Film-Mittwoch im Ersten. Bei den Komödien am Freitag gibt es Stücke, die ich persönlich für verzichtbar halte. Das kann man in Teilen noch intelligenter machen. Es gibt da auch ein bisschen viel Südfärbung, da würde ich mir mehr Norden wünschen.

"Spiegel": Würden Sie eine Talkshow streichen?

Marmor: Nein, ich würde mit fünf Talkshows weitermachen. Ich gehöre zu denen, die aus Talkshows Erkenntnisse ziehen. Und wenn ich mir die Zuschauerzahlen anschaue, dann bin ich damit nicht allein. Die Kritik hat ja gewirkt. Es sind nicht mehr stets die gleichen Gäste, es sind mehr Frauen in den Sendungen

"Spiegel": Wie viel Quote darf das Erste noch verlieren, um seine Relevanz zu behalten und zugleich die Gebühren zu rechtfertigen?

Marmor: Unter zehn Prozent sollten wir nicht fallen. Aber die Gefahr sehe ich nicht. Fernsehen ist immer noch stark, wenn es live ist oder Ereignischarakter hat, wie jüngst die "Tatort"-Doppelfolge aus Hannover. Dann funktioniert auch der Lagerfeuereffekt. Außerdem dürfen Sie die Dritten nicht vergessen, die ins gesamt noch einmal genauso viele Zuschauer wie das Erste erreichen. Aber unser Ziel muss die Spitze sein, das Erste sollte in drei bis vier Jahren auch wieder das Erste in der Publikumsgunst sein.

"Spiegel": In Ihrem NDR entsteht gerade die erste "Tatort"-Folge mit Til Schweiger. Haben Sie schon mal reingeschaut?

Marmor: Nein, aber die Kollegen sagen mir, dass sie gut wird.

"Spiegel": Der Start mit Schweiger war ja etwas ruckelig. Zuerst fand der Star den "Tatort"-Vorspann zu muffig, dann gefiel ihm sein Ermittlername nicht.

Marmor: Er wollte gern einen "Tatort" machen, das sagt eine Menge über die Strahlkraft des Formats aus. Und die von ihm angestoßenen Debatten sind doch spannend, jeder darf seine Meinung sagen, am Ende stärkt es die Marke.

"Spiegel": Wo bleiben in Ihrem Programm die Serien mit den epischen Erzählsträngen, warum bestellen so viele junge Leute lieber DVD Boxen mit US Serien wie "Breaking Bad" oder "Homeland" statt ARD zu gucken?

Marmor: Diese Serien haben Produktionsbudgets, die in Deutschland nicht zu stemmen sind. Und derartige Projekte werden natürlich auch schwieriger, wenn die finanziellen Spielräume enger werden.

"Spiegel": Das klingt resignativ.

Marmor: Überhaupt nicht. Es gibt ja viele Bereiche, da spielen wir weltweit auf Spitzenniveau, Tierfilme beispielsweise, da sind wir in einer Liga mit der BBC oder dem National Geographie Channel. Das ist bestes Familienfernsehen, bei dem man noch etwas lernt, also der Kern unseres Programmauftrags. Oder denken Sie an den Eurovision Song Contest, unsere Dokumentationen und Sportübertragungen

"Spiegel": Sie sprechen über knappe Kassen, aber jetzt soll es dank des neuen Beitrags doch erst einmal Mehreinnahmen geben. Von bis zu 1,6 Milliarden ist die Rede ...

Marmor: Wo diese Zahl herkommt, ist mir schleierhaft. Niemand weiß zurzeit genau, ob es mehr oder sogar weniger Einnahmen als heute sein werden. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie in etwa stabil bleiben.

"Spiegel": Dass ARD und ZDF so teuer sind, liegt auch an den vielen Spartenprogrammen. Wer braucht das, allein drei Info Kanäle Phoenix ZDFinfo Tagesschau24?

Marmor: Die Diskussion finde ich nicht sehr rational. Tagesschau24 kostet den Gebührenzahler zwei Cent im Monat. Was habe ich erreicht, wenn ich das abschalte? Andererseits nutzen den Kanal jeden Tag 900.000 Menschen. Da wird dann geschrieben, der Kanal sende unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Wenn das stimmt. dann schreiben allerdings auch einige Zeitungen ins Nichts.

"Spiegel": Auf der anderen Seite geben Sie Hunderte Millionen Euro für die Bundesliga und andere Fußballrechte aus.

Marmor: Gemessen daran, was Sky für Fußball bezahlt, finde ich das vertretbar. Es gehört nun mal zum Programmauftrag, über das Wichtige im Land zu berichten. Und der gesellschaftliche Stellenwert von Fußball ist in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Außerdem nutzt es uns. So ein Länderspiel kann bis zu 28 Millionen Zuschauer haben, und dann bleiben in der Halbzeitpause fast alle bei den Tagesthemen hängen, die sonst vielleicht nicht Nachrichten schauen würden.

"Spiegel": Sie kaufen Quote.

Marmor: Das machen alle Sender. Dafür haben die Privaten teure Spielfilme, die uns fehlen. Alles kann man nicht haben.

"Spiegel": Mit den Zeitungsverlegern liegen Sie wegen der Internetangebote der ARD im Streit. Wie wichtig ist für Sie das Netz?

Marmor: Den aktuellen Hype darum halte ich für überzogen. Die Deutschen schauen pro Tag im Schnitt drei Stunden und 45 Minuten lang fern. Das Netz nutzen sie weniger als anderthalb Stunden und zwar für alles Mögliche. Sie erledigen Bankgeschäfte, buchen Reisen. Für Medienangebote spielt das Netz eher eine Nebenrolle. Es ist allerdings ein interessantes Zusatzangebot. Den Film "Nichts als die Wahrheit" über die Toten Hosen neulich im Ersten sahen beispielsweise fast 800.000 Zuschauer, es war ein später Sendeplatz. In der Mediathek riefen ihn in den sieben Tagen danach noch einmal mehr als 470.000 Leute ab.

"Spiegel": Grenzwertig ist, dass jetzt alle Meldeämter ihre Daten an die GEZ schicken sollen, Entschuldigung den Beitragsservice, wie er jetzt heißt. Manche sprechen schon von Rasterfahndung.

Marmor: Davon kann nun wirklich keine Rede sein. Wir brauchen die Daten zur einmaligen Nutzung, danach werden sie vernichtet. So ist es gesetzlich vorgeschrieben. Sonst müssten wir ja wieder Leute durch alle Haushalte schicken. Ich erwarte da kein großes Akzeptanzproblem. Manche werden künftig ja auch weniger zahlen als bisher. Eltern mit Kindern, die ein eigenes Einkommen haben und noch zu Hause wohnen, beispielsweise. Oder Wohngemeinschaften

"Spiegel": Was passiert mit den ungeliebten Gebührenjägern der GEZ?

Marmor: Deren schlechtes Image war ja auch ein Grund dafür, das System zu ändern Wir haben alles versucht, die oft ungerechte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu drehen, ohne Erfolg. Sie waren ja Unternehmer auf Provisionsbasis, insofern gibt es da jetzt in der Tat viele die ausscheiden müssen. Unser neuer Beitrag ist jedenfalls gerechter, einfacher zu ermitteln. Und die Besuche an der Wohnungstür sind endlich Geschichte.

"Spiegel": Herr Marmor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die "Spiegel"-Redakteure Markus Brauck und Marcel Rosenbach.

© SPIEGEL 2/2013

Stand: Mon Jan 07 00:00:00 CET 2013 Uhr

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