Leitgedanken für den ARD-Vorsitz des MDR

Prof. Dr. Karola Wille. | Bildquelle: MDR/Daniela Höhn

Leitgedanken für den ARD-Vorsitz des MDR 2016

ARD-Vorsitzende Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR

Der ARD-Vorsitz des MDR fällt zusammen mit einer Zeit enormer Herausforderungen für die Gesellschaft, die Politik, die Medien und damit auch besonders für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Global, bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, der Finanzkrise oder mit Blick auf erstarkende rechtspopulistische Parteien bei uns und auch bei unseren Nachbarn. National, bei den Herausforderungen durch viele tausende Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen. Die Welt wird immer komplexer und die Herausforderungen ermöglichen keine einfachen Antworten.

Gleichzeitig haben wir es mit einer stärkeren Polarisierung von Interessen zu tun, einer teilweisen Erosion von Wertegrundlagen und leider auch zunehmender Gewaltbereitschaft. Zum ersten Mal sind von solcher Gewalt auch Journalisten in Deutschland betroffen, gegen die sich Hass und massive verbale und sogar auch körperliche Attacken richten. Dies erleben wir in einer Vehemenz, die ich persönlich nie für möglich gehalten hätte.

Gleichzeitig gibt es gerade wegen der aktuellen komplexen und teils unübersichtlichen Weltlage einen immensen Bedarf an hochwertigem, wirtschaftlich und politisch unabhängigem Qualitätsjournalismus. Das Bedürfnis nach glaubwürdiger, einordnender und nicht an Einzelinteressen ausgerichteter Berichterstattung ist so groß wie selten zuvor. Und hier sind vor allem wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk gefragt – und gefordert.

Allerdings ist die Medienwelt selbst von einem tiefen und rasanten Umbruch betroffen, der auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor neue Herausforderungen stellt. Diese neue Medienwelt verändert, wie wir miteinander kommunizieren, wer miteinander kommuniziert. Sie verändert Zugangs- und Verbreitungswege von Inhalten und vor allem auch, wie Menschen heute Medien nutzen.

Unser gesellschaftlicher Auftrag ist und bleibt auch in dieser digitalen Welt unverändert. Die ARD muss in diesen Zeiten erklären, was ist, Werte vermitteln, Meinungen widerspiegeln und einem offenen und freien Meinungs- und Willensbildungsprozess dienen. Dies ist unsere besondere gesellschaftspolitische Verantwortung, um noch stärker zum sozialen Zusammenhalt und zur Stabilität in einer verunsicherten Gesellschaft beizutragen. Und deshalb nimmt die Rolle der ARD für das Funktionieren der Demokratie in unserem Land und die Vermittlung der Grundwerte, die für das Zusammenleben unerlässlich sind, in ihrer Bedeutung nicht ab, sondern zu.

Allerdings wird diese Legitimation in Teilen der Gesellschaft angezweifelt und ist nicht mehr selbstverständlich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich dieser Tatsache stellen, sich damit weiter auseinandersetzen, gegensteuern und aufklären.

Angesichts dieser immensen Herausforderungen sind für uns in der Zeit des ARD-Vorsitzes folgende inhaltliche Leitgedanken maßgeblich:

  • Glaubwürdigkeit und Dialog
  • Integration und Kooperation
  • Innovation und Kreativität

Glaubwürdigkeit und Dialog

Glaubwürdigkeit ist eine grundlegende Basis für das Funktionieren einer Gesellschaft. Für uns, und für die Medien generell, ist Glaubwürdigkeit das unverzichtbare Grundkapital, das sich auf nachhaltiges Vertrauen stützt.

Die Glaubwürdigkeit der ARD hängt somit ganz wesentlich vom Vertrauen in unsere Leistungen ab, mit der wir der Gesellschaft dienen. Der Gesellschaft dienen ist am Ende der essentielle Kern unseres Auftrages.

Diese Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in ein gemeinwohlorientiertes, politisch und wirtschaftlich unabhängiges und solidarisch finanziertes Mediensystem kann aber verspielt werden, wenn diese Erwartungen der Menschen dauerhaft nicht erfüllt werden.

Wir müssen deshalb unsere Glaubwürdigkeit immer wieder untermauern und festigen. Dazu gehören viele Aspekte. So sind dafür besonders maßgeblich:

  • Der Anspruch, Qualitätsanbieter und als solcher verlässlich zu sein. Dazu gehören auch eine umfassende Transparenz im wirtschaftlichen und journalistischen Handeln und eine Fehlerkultur, die von Offenheit und Kritikfähigkeit gegenüber den Beitragszahlern bestimmt ist.
  • Aufklärender Journalismus, der dazu auch die neuen digitalen Möglichkeiten nutzt und nutzen darf!
  • Eine größtmögliche Vielfalt bei der Auswahl und Darstellung von Themen, Sachverhalten, Akteuren und Meinungen in allen Bereichen: In Information, Kultur und Unterhaltung.
  • Die Abbildung der Lebenswirklichkeit der Menschen. Dazu gehört, eine differenzierte und differenzierende Perspektive einzunehmen und sich ausdrücklich auch außerhalb von "Mainstreamkorridoren" und der gängigen politischen Agenda zu bewegen. Maßstab dafür ist stets Relevanz.
  • Gerade für den MDR gehört dazu übrigens auch eine wirklichkeitsgetreue Darstellung Ost- und Mitteldeutschlands, um den Prozess der inneren Einheit Deutschlands weiter zu befördern.
  • Ständig Impulse für die Diskussion in der Gesellschaft zu setzen und mit der Gesellschaft zu diskutieren. Dazu gehört Respekt gegenüber den Beitragszahlern, dem Publikum und das Nachdenken, in welchen Formen Partizipation und Dialog in einer digitalen Medienwelt geführt werden sollten. Es ist wichtig, den Dialog nachhaltig, kontinuierlich und wahrhaftig zu führen, d. h. auch Zuhören, sich zurücknehmen und sich angesichts unserer privilegierten finanziellen Lage in Bescheidenheit zu üben. Dazu gehört aber ebenso, Grenzen gegenüber Hass zu setzen.

Und wir sind im Übrigen auch immer stärker gefordert, den Bürgern inhaltliche und technische Medienkompetenz zu vermitteln. Dies gehört klar zu unserem gesellschaftlichen Auftrag.

Integration und Kooperation

Noch nie waren die Chancen, die Vielfalt in einer Gesellschaft abzubilden und mit ihr zu kommunizieren so groß wie heute in dieser digitalen Welt der Medien. Und in dieser konvergenten Medienwelt muss sich auch die ARD weiter verändern. Veränderung ist dabei kein nice-to-have, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit, denn wir können Angebote für alle in der Gesellschaft anbieten und zwar dort, wo das Publikum ist: zur zeitsouveränen Nutzung, mobil oder zu Hause.

Diese in der digitalen Welt vorhandenen Potentiale müssen wir weiter erschließen, um alle zu erreichen und die Lebenswirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen. Und dies gilt für den journalistischen Bereich genauso wie für den fiktionalen Bereich. Wir sind mit unserem Gesamtangebot mit Radio, Fernsehen und Online und den uns zur Verfügung stehenden Wegen und Plattformen für alle in der Gesellschaft in der Lage, die Gesamtöffentlichkeit zu schaffen, die für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar ist.

Genau deshalb ist die Weiterentwicklung der ARD als integrierter föderaler Medienverbund unverzichtbar und wird uns zukunftsfest machen. Durch eine noch stärkere Koordination sowie cross- und trimediale Vernetzung der linearen und nonlinearen Angebote, kann die ARD mit ihren Angeboten die gesellschaftlich geforderten Integrationsleistungen auch weiterhin wirksam erfüllen. Dementsprechend werden wir die ARD-Angebotsfamilie hinsichtlich der Zielgruppen und dem inhaltlichem Profil weiter entwickeln und diese damit für die Nutzer klar erkennbar machen.

Wir wollen als besondere Herausforderung in diesem Jahr unter anderem das ARD-/ZDF-Jugendangebot als integralen Bestandteil unseres Angebots starten und die Chance, dem Generationenabriss entgegenzuwirken, konsequent nutzen. Das wird nicht leicht, ist aber unabdingbar. Wir sollten auch darüber nachdenken, wie die Lücke zwischen dem ARD-/ZDF-Jugendangebot sowie dem erfolgreichen KiKA so gering wie möglich gehalten werden kann.

Weil die Zugangswege zu unseren Medieninhalten immer vielfältiger werden, ist es immer wichtiger, in Inhalten zu denken und wo immer möglich, cross- bzw. trimediales Arbeiten in der ARD zu fördern. Die Auslandsstudios sind dabei auf einem guten Weg, der konsequent weitergeführt werden sollte. Unser weltweit einmaliges Auslandskorrespondentennetz kann noch viel mehr originäres Material im Netz zur Verfügung stellen, das hilft, die drängenden Fragen der globalen Entwicklungen zu beantworten.

Für unsere Mediathekenwelt der ARD ist eine benutzerfreundliche Weiterentwicklung wichtig, um die Akzeptanz weiter zu erhöhen und sie als publizistisch starke Plattform für unsere Angebote zu positionieren. Dazu gehört z. B. auch die Einführung solcher Funktionen, wie die Personalisierung bei gleichzeitiger Datentransparenz von Angeboten. Die zeitsouveräne Abrufmöglichkeit von Inhalten wird von den Nutzern immer mehr erwartet. Auch die Zukunft des Radios als Mediengattung müssen wir in der digitalen Welt sicherstellen. Wir werden konsequent die Hybridstrategie umsetzen, d. h. neben der Verbreitung von Inhalten über das Internet setzen wir auf DAB+ als eigenständigen Rundfunkübertragungsweg.

Integration heißt auch, die weitere Stärkung von Kooperationen innerhalb der ARD. Dazu sind z. B. strategisch wichtige Felder wie der IT-Bereich neu zu erschließen, um damit auch Synergien und Wirtschaftspotentiale zu heben.

Die Kooperationen mit dem ZDF und DLR sind auch künftig eine wichtige Grundlage für ein publizistisch starkes öffentlich-rechtliches Gesamtsystem und sollten deshalb weiter gestärkt werden. Dies betrifft z. B. die Kooperation mit dem ZDF bei den verschiedenen Partnerprogrammen oder auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei den Digitalradioangeboten mit DLR. Natürlich gilt das auch weiterhin für die technologische Weiterentwicklung und die ressourcenschonende Zusammenarbeit im produktionstechnischen Bereich.

Sowohl der private und öffentlich-rechtliche Rundfunk als auch die Verlage stehen vor der Herausforderung, dass ihre Zielgruppen immer disparater und kleinteiliger werden. Parallel bieten globale, kapitalstarke Medienkonzerne datensammelnde Suchmaschinen und Plattformdienste an, deren Bedeutung als Reichweitengenerator immer mehr wächst. Dabei übersehen wir nicht Risiken der Abhängigkeit von diesen Plattformen. Einerseits wird die Wichtigkeit des Angebots eigener, komplett selbst kontrollierter digitaler Plattformen und Produkten mit hohen öffentlich-rechtlichen Qualitätskriterien (Qualitätsinhalte, werbe-, kostenfrei, datentransparent) deutlich. Anderseits stellt sich die Frage nach einer Verstärkung der Kooperationen mit anderen Qualitätsanbietern. Die mögliche Themenpalette reicht beispielsweise vom Austausch zu Inhalten über infrastrukturelle Fragen bis hin zu einer gemeinsamen Positionierung in grundlegenden medienpolitischen Themen.

Innovation und Kreativität

In einer vollständig digitalisierten Welt mit hoch volatilen Märkten sind Innovation und Kreativität für die ARD von entscheidender Bedeutung. Dies gilt sowohl für den journalistischen wie auch den künstlerischen und den Produktionsbereich. Innovation und Kreativität sind die Grundlagen für die zeitgemäße Fortentwicklung unserer Angebote, deren Modernität und damit auch deren Akzeptanz und Relevanz in der Gesellschaft.

Angesichts der Veränderungsgeschwindigkeit der konvergenten Prozesse, ihrer disruptiven Kräfte und der ökonomischen Stärke von internationalen Playern kommt es ganz entscheidend darauf an, Rahmenbedingungen zu schaffen, um im Wettbewerb um die besten Ideen, Produkte, Technologien, Talente und die Aufmerksamkeit der Nutzer bestehen zu können. Dies entscheidet letztlich über Exzellenz oder Austauschbarkeit.

Dabei spielt zunehmend eine Rolle, inwieweit es gelingt, hier die Zusammenarbeit zwischen Entwicklern, Programmierern, Journalisten und künstlerisch Kreativen zu befördern. Wir sollten auf diese Weise mehr Raum geben, um die ARD auch als kreatives Entwicklungslabor zu entwickeln.

Neben diesen internen Prozessen setzt die ARD ebenso nach außen neue Rahmenbedingungen für die Kreativwirtschaft, um Innovation und Kreativität durch gezielte Anreize zu befördern. Dazu gehören insbesondere die neu verabschiedeten Eckpunkte für fiktionale Angebote, Dokumentationen und Unterhaltungssendungen zu ausgewogenen Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte, die die Innovationskraft der Produzenten stärken sollen.

Veränderungen erfordern ungewohnte Wege zu gehen, mutig und leidenschaftlich zu sein. Und wir brauchen die Veränderungen und eine gemeinsame Veränderungsbereitschaft, um das zu bleiben, was wir sind – unverzichtbar für die Gesellschaft und die Demokratie.

Stand: Mon May 23 00:00:00 CEST 2016 Uhr

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