Tagesschau-App ist ein Dienst am Bürger

Kai Gniffke. | Bildquelle: ARD

Zur Sache

Tagesschau-App ist ein Dienst am Bürger

Die Klage der Verlage gegen das Nachrichtenangebot der ARD löst die Probleme der Printmedien nicht. Die Rundfunkanstalten sind verpflichtet, ihre Kunden auch mobil zu informieren. Ein Gastbeitrag von Dr. Kai Gniffke, 1. Chefredakteur ARD-aktuell, im Handelsblatt vom 29.06.2011.

Es ist fast auf den Tag genau acht Wochen her, da hatten wir bei ARD-aktuell Besuch von zwei verantwortlichen Redakteuren der "Süddeutschen Zeitung". Die beiden hatten gefragt, ob sie sich bei uns einmal ein Bild machen könnten, wie die Tagesschau-App entstanden ist und täglich aktualisiert wird. Ich habe den beiden Printkollegen alles gezeigt und en détail erklärt.

Was mich besonders gefreut hatte, war das Klima, das sich gegenüber den Vorjahren zwischen uns Journalisten aus Printhäusern und öffentlich-rechtlichen Sendern wieder entkrampft hatte. Vielleicht, so dachte ich mir, können wir gemeinsam mit den Verlagen etwas unternehmen, um dem Qualitätsjournalismus im Internet seinen Platz zu erkämpfen. Nun aber haben einige Verlagskonzerne gegen die Tagesschau-App geklagt, und damit droht die Stimmung vergiftet zu werden. Das ist ebenso bedauerlich wie überflüssig, denn die Schlachten von gestern nutzen niemandem.

Ich habe großes Verständnis für die Sorgen der Printkollegen. Noch immer hat niemand den Weg gefunden, wie im Internet mit journalistischen Produkten dauerhaft Geld zu verdienen ist. Aber glaubt jemand allen Ernstes, dass plötzlich neue Erlösmodelle funktionieren, wenn die Tagesschau-App verboten wird? Hat denn das gesamte Jahr 2010 über die Kasse geklingelt, als es keine Tagesschau-App gab? Selbst wenn die Klage Erfolg hätte und die Tagesschau-App verschwände, es würde sich an der Marktlage nichts ändern - da muss man kein Hellseher sein.

Aber auch rechtlich habe ich mit der Klage so meine Probleme. So heißt es, die Tagesschau-App sei "presseähnlich" und "textbetont". Na dann sollten die Kläger doch mal einen Blick auf unsere App werfen. Gibt es eine andere App, die an zentraler Position mit einem Livestream (EinsExtra aktuell), einem Video-on-demand-Angebot (tagesschau24) und einer Kurznachrichtensendung (Tagesschau in 100 Sekunden) aufwartet? Dazu bei fast jedem Thema einen Video- oder Audio-Button. Das ist alles, nur nicht textlastig.

Dann lese ich im Handelsblatt-Gastbeitrag von Springer-Manager Christoph Keese, die Tagesschau-App sei für einen "kleinen Bruchteil der Gebührenzahler" gemacht. Für uns sind 1,7 Millionen Nutzer kein kleiner Bruchteil, sondern eine relevante Gruppe von Menschen, die für ihre Gebühren von uns erwarten dürfen, dass wir unsere Arbeit machen und ihnen ohne Zusatzkosten die Tagesschau auch unterwegs in brauchbarer Qualität zur Verfügung stellen.

Und lassen Sie mich noch auf ein weiteres Argument eingehen: acht Milliarden Euro Rundfunkgebühren! Ja, ich gebe zu, wenn wir acht Milliarden Euro für Apps einsetzen würden, sollte man sie verbieten. Aber die Tagesschau-App ist bei ARD-aktuell ohne Mehrkosten entstanden. Wir haben die einmaligen Entwicklungskosten an anderer Ecke eingespart. Jetzt kostet die App null Komma nix.

Das wollten auch die Kollegen von der "Süddeutschen" bei ihrem Besuch neulich kaum glauben und haben skeptisch nach unserer "App-Redaktion" gefragt. "Gibt's nicht", haben wir wahrheitsgemäß geantwortet. Alle Inhalte der App gibt es bereits auf Tagesschau.de und laufen automatisiert in die App, ohne dass auch nur ein Redakteur sich damit befasst. Würden wir dies nicht tun, würden uns die Gebührenzahler mit Recht Untätigkeit vorwerfen und nicht etwa eine "Digitaloffensive".

Vor einigen Monaten haben wir rund drei Viertel unserer Seiten aus dem Angebot genommen, ja, drei Viertel der gebührenfinanzierten Seiten von Tagesschau.de weg vom Fenster, raus aus dem Netz. Eine "Digitaloffensive" sieht anders aus. Als Staatsbürger freut es mich: Ich hätte nicht gedacht, dass man mit einem völlig "spaßfreien" Nachrichtenangebot auch heute noch Massen erreichen kann - mehr als mit quietschbunten Vergnügungs-Angeboten und mehr als andere kostenlose Nachrichtenangebote, die es heute schließlich auch gibt. Meiner Meinung nach tut es dem Markt gut, wenn es ein Angebot gibt, das unabhängig von politischem Druck und wirtschaftlichen Zwängen Nachrichten pur anbietet.

In einem Punkt bin ich mir mit den Verlagskonzernen einig: Es geht bei der Klage um eine Grundfrage, allerdings um eine andere, als die Kläger behaupten. Wer gegen die Texte auf der Tagesschau-App klagt, klagt im Kern gegen Tagesschau.de. Sie klagen gegen die Zukunftschancen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Deshalb muss sich die Gesellschaft entscheiden, ob sie sich eine Tagesschau leisten möchte, die auch in Zukunft Massen erreicht und solide informiert. Oder ob die Tagesschau in zehn Jahren ein reines Seniorenangebot werden soll. Keine Frage: Die älteren Mitbürger sind uns lieb und teuer, auch wenn sie nicht "werberelevant" sind. Aber zugleich möchten wir auch junge Menschen mit solide recherchierten Nachrichten versorgen und damit einen Beitrag zu einem funktionierenden Gemeinwesen leisten. Genau dies ist unser Auftrag, den wir sehr ernst nehmen. Wir werden weiterhin das tun, was wir am besten können: relevante Nachrichten produzieren. Das erwarten die Millionen Menschen von uns, die der Tagesschau jeden Tag vertrauen.

Stand: Wed Jun 29 18:39:00 CEST 2011 Uhr

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