Zerrspiegel - Anmerkungen zur SPIEGEL-Ausgabe 41/2017

ARD-Standard-Logo. | Bildquelle: ARD

ARD-Stellungnahme

Zerrspiegel

Der SPIEGEL widmete sich in seiner Ausgabe 41/2017 großflächig dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und titelte "Die unheimliche Macht – Wie ARD und ZDF Politik betreiben". Dazu hat der ARD-Vorsitz ein paar Anmerkungen.

"Vor allem geht es um die Frage, wie in Zukunft in diesem Land über dieses Land, wie also etwa die Politik kommuniziert wird… und wie ein System aussehen müsste, das auch in 20 Jahren noch garantiert, dass Journalisten unabhängig von ökonomisch und politischer Einflussnahme berichten, kommentieren, enthüllen können“. Ja, es ist eine große Frage, die der Spiegel da in seiner neuen Ausgabe stellt. Sie ist so groß, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sich genau mit dieser Frage mehr als ein Jahr intensiv beschäftigt haben: Was ist ihre publizistische Verantwortung für die Menschen, die für einen gemeinsamen, freien Rundfunk ihren Beitrag leisten, wie reagieren die Öffentlich-Rechtlichen auf die Herausforderungen der Digitalisierung in einer Gesellschaft, die droht, in Teilgesellschaften zu zerfallen, die sich nicht mehr verstehen, nicht mehr zuhören wollen. Wie ist ein solcher gemeinsamer Rundfunk in der digitalen Welt zu organisieren, der eine freie Meinungsbildung ermöglicht, unbestechliche Argument liefert statt alternativer Fakten? Wie muss sich der öffentliche Rundfunk verändern, damit er geeignet ist, die demokratische, offene und transparente gesellschaftliche Debatte anzustoßen und zu moderieren und damit ihn sich alle auch in Zukunft noch leisten können? In umfangreichen Berichten haben ARD, ZDF und Deutschlandradio ihre Antworten darauf an die Bundesländer gegeben, die sich in unserem föderalen Land damit beschäftigen müssen und wollen. Hier finden Sie den ARD-Bericht.

Es kommt auf den Sendungsbezug an

Das war vor zehn Tagen. Und der Spiegel? Er reduziert die angestoßene Debatte über "eine groß angelegte Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" auf den platten Satz: "Es geht da eigentlich vor allem ums Sparen". Worum geht es eigentlich dem Spiegel gut zwei Wochen vor der Quartalskonferenz der Ministerpräsidenten? Die Autoren geben den Hinweis: "Noch sind die Onlineangebote der öffentlich-rechtlichen Sender längst nicht so erfolgreich wie etwa Spiegel online oder Bild.de. Aber das liegt vor allem daran, dass die Politik den Sendern bisher presseähnliche Angebote weitgehend untersagt hat". Unabhängig davon, dass die Aussage so nicht stimmt, denn sendungsbezogen können die Onlineangebote ja seit langem presseähnlich sein, ist die Antwort auf die große Frage zu klein. Der Spiegel stellt sie am Ende noch einmal: "In einem neuen Gesellschaftsvertrag müsste erst einmal neu definiert werden, was der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Zukunft eigentlich sein soll – und wo sie tatsächlich unersetzlich sind“. Natürlich hat er auch eine Antwort: „Es würde auch bedeuten, dass die Öffentlich-Rechtlichen, das, was andere besser können, diesen anderen überlasst. Den Verlagen den Textjournalismus…"

"Online-Journalismus ist nicht Print im Netz"

Es ist nicht das erste Mal, dass Printjournalisten der Ansicht sind, ihnen gehöre publizistisch das Internet. Doch das Netz ist konvergent, ein Schmelztiegel aller Kommunikationsgattungen, Text, Foto, Grafik, Video, Audio, Foren und ein Tummelplatz für Fake News und Hasskommentare. Jeder kann sich heute im Netz überall informieren – oder manipulieren lassen. Die Chefredakteurin von Spiegel Online schrieb vor zwei Monaten: "Digitaler Journalismus bedeutet eben nicht "den Text online zu stellen". Die Digitalisierung schafft in der Kombination verschiedener Medien - Text, Bewegtbild, Audio - etwas originär Neues. Und das, was es heute bedeutet, wird übermorgen überholt sein. Auch die Integration verschiedener Medien, die Multimedialität, führt zu etwas Neuem. Podcasts sind Audio-Formate, aber kein Radio. Social Video basiert auf bewegten Bildern, ist aber kein Fernsehen. Onlinejournalismus fußt auf Texten, ist aber etwas anderes als Print im Netz." Gilt das nach zwei Monaten nicht mehr im Spiegel-Verlag? Die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben das Privileg, politisch und wirtschaftlich frei und unabhängig arbeiten zu können. Das tun sie in Bild, Video, Audio – und Text. Wer das vierzehn Tage vor der Ministerpräsidentenkonferenz zur Abschaffung empfiehlt und gleichzeitig die große Frage stellt, wie in Zukunft in diesem Land über dieses Land kommuniziert werden soll, schränkt die wichtige Antwort ein – oder handelt aus ganz anderen, möglicherweise wirtschaftlichen, Interessen.

4 Millionen YouTube-Abos bei "funk"

Vor allem das jüngere Publikum wende sich vom öffentlichen Rundfunk ab, befindet der Spiegel. Soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk deshalb mit publizistischen Inhalten raus aus dem Netz, damit sich daran nichts ändern möge? Oder stört es den Spiegel, dass ARD und ZDF mit ihrem jungen Video-Angebot "funk" im Internet so erfolgreich sind? Nach einem Jahr hat "funk" vier Millionen Abonnenten allein auf YouTube. Das umfangreiche Radioangebot der ARD, föderal verankert und nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen in ihrer Region, lässt der Spiegel gleich ganz außer Betracht. Mehr als die Hälfte der deutschsprachigen Bevölkerung hört täglich öffentlich-rechtliches Radio, und gerade im Hörfunk erreicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk viele jüngere Menschen. Aber das passt nicht in das vom Spiegel bemühte Bild.

Den Spiegel stören ja auch andere Dinge im publizistischen Wettbewerb. Zitat: "Auch in den Wettbewerb der Verlage untereinander grätscht die ARD inzwischen hinein: NDR und WDR betreiben mit der "Süddeutschen Zeitung" einen Rechercheverbund, der quasi zu einer Subventionierung der "Süddeutschen Zeitung" durch Gebührengelder führt". Dass diese Recherchekooperation, die übrigens oft genug mit ihren Enthüllungen auch die Schlagzeilen der Zeitungen befeuert, vom ehemaligen Spiegel-Chefredakteur angeführt wird, verschweigen die Autoren. Vielleicht ist es ihnen ja auch entgangen, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Verlage längst in einer Vielzahl von Kooperationen erfolgreich und zum beiderseitigen Nutzen zusammenarbeiten.

Nur noch Pay-TV für solvente Zielgruppen?

Oder ist die Antwort auf die große Frage, wie in Zukunft in diesem Land über dieses Land kommuniziert wird, eher die Empfehlung des Spiegel, "jenen, die etwa Sport oder Opern oder Krimis sehen wollen, eigene Angebote zu machen, frei gewählt, extra bezahlt". Das Blatt schiebt noch scheinbar besorgt hinterher: "Sodass sich der Zuschauer wieder umworben fühlen darf, ernst genommen". Klingt wie Satire und ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die das Prinzip eines gemeinsamen, ökonomisch unabhängigen und solidarisch getragenen Rundfunks ablösen wollen durch ein Pay-TV für Zielgruppen, die es sich leisten können. Damit der gut situierte Zuschauer sich umworben und ernst genommen fühlen darf.

Der Rest des ARD-Programms – gemeint ist wohl Das Erste, vielleicht auch die Angebote der Dritten Programme – ist für den Spiegel "gebührenfinanziertes Trallala". Dazu führt er neben dem kritisierten Sport auch Verbrauchersendungen, Krimis, Quizshows, Serien und Telenovelas an. Dabei vergisst er, hinzuzufügen, dass Sport und nonfiktionale Unterhaltung (z.B. Quizshows) im Programmprofil des Ersten jeweils gerade einmal sechs bis zehn Prozent ausmachen und Informationssendungen (Nachrichten, Dokumentationen, Reportagen) bei rund 40 Prozent liegen, Fiction (z.B. "Weissensee", "Bornholmer Straße", "Tatort", Vorabendserien) bei 35 Prozent. Das sind nackte statistische Daten. Wertevermittlung – das gehört zum Auftrag – kann indessen in allen Programmgenres stattfinden. Das zu bewerten, bedarf allerdings einer tieferen Analyse als der simplen Schmähkritik von "gebührenfinanziertem Trallala".

Wem das Ergebnis nicht gefällt, der zweifelt die Methode an

Der Spiegel moniert: "Jahr für Jahr tragen die Anstalten die Ergebnisse irgendwelcher Meinungsforschungsinstitute zusammen, die belegen sollen, dass die Deutschen ARD und ZDF für wichtig, sehr wichtig, glaubwürdig, sehr glaubwürdig halten". Die Masche ist bekannt: Wem das Ergebnis nicht gefällt, der zweifelt die Methode an. "Irgendwelche Institute" sind dieselben, die auch im Auftrag von Verlagen Meinung erforschen. Oder es ist Pricewaterhouse Coopers, eine der in Deutschland führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften, die kürzlich – ohne Auftrag der Rundfunkanstalten – in einer Studie über social bots und Fake News von sich aus zum ähnlichen  Ergebnis wie die vom Spiegel diskreditierten Institute kam.  

Welchem Ziel dient es, dass der Spiegel in seiner Titelgeschichte die Plattform für Hasskommentare zur Verfügung stellt – natürlich nur, um sich schützend vor das ZDF und seinen Kommentator vom Wahlabend, Elmar Theveßen, zu stellen. Der Spiegel zitiert genüsslich die Pöbeleien der Populisten und beklagt dann larmoyant: "Offenbar haben viele Menschen Schwierigkeiten damit, dass jemand in einem öffentlich-rechtlichen Sender eine Meinung äußert".

Wir bauen Brücken zwischen den Teilgesellschaften

Die große Frage, wie in Zukunft in diesem Land über dieses Land kommuniziert werden soll, ist nicht ganz neu, ist aber heute zu ergänzen um die Frage, wie die Verhärtungen der wutschäumenden Kommunikation in den Hallräumen des Netzes gelöst werden können, wie Brücken zwischen den Teilgesellschaften des öffentlichen Diskurses zu bauen wären. Erst jüngst haben über 40 angesehene Wissenschaftler öffentlich in einem Thesenpapier einen Beitrag zur Diskussion geleistet, wie ein gemeinsamer, unabhängiger Rundfunk der Zukunft in einer digitalisierten Welt aussehen kann. 

Die ARD stellt sich all diesen Fragen - und damit ihrer eigenen Verantwortung für eine künftige Mediengesellschaft - mit einem Zukunftskonzept, wozu auch tiefgreifende Strukturreformen gehören.

Stand: Mon Oct 09 16:15:00 CEST 2017 Uhr

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