"Barrieren im Kopf abbauen"

Die Schwerbehindertenbeauftragte des NDR, Christa Schmidt-Klevenow. | Bildquelle: NDR / Cordula Kropke

Interview

"Barrieren im Kopf abbauen"

Anlässlich einer Tagung der Schwerbehindertenvertretungen von ARD und ZDF beim NDR in Lokstedt ein Interview mit Christa Schmidt-Klevenow, der Gesamtschwerbehindertenvertrauensperson des NDR.

Vom 26. bis 28. Mai trafen sich auf Einladung des NDR die Schwerbehindertenvertretungen von ARD und ZDF in Hamburg. Thema der Tagung: "Inklusive Arbeitswelt – Auf dem Weg von der Integrationsvereinbarung zum Aktionsplan".  Ziel ist es, behinderte Menschen erfolgreich am Arbeitsleben teilhaben zu lassen. Die Tagung war für uns Anlass, mit Christa Schmidt-Klevenow, der Gesamtschwerbehindertenvertrauensperson, über die Situation von Menschen mit Behinderungen im NDR zu sprechen.

Was ist eigentlich Inklusion?

Inklusion ist der sperrige Begriff für eine ganz einfache Idee: Menschen mit Behinderungen sind ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft und können uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Wie wichtig ist Inklusion für einen Arbeitgeber?

Es sollte für jeden Arbeitgeber wichtig sein, weil wir in unserer Gesellschaft  großen Herausforderungen entgegengehen: im technischen, wirtschaftlichen und im demographischen Bereich.  Gerade die demographische Entwicklung zeigt uns, dass wir immer mehr ältere Menschen im Berufsleben haben werden, die mitunter gesundheitliche Einschränkungen erleiden. Alleine schon dafür lohnt es sich, einen inklusiven Arbeitsplatz in Unternehmen einzurichten.  Wir müssen uns den Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft stellen.

Sie sagen, Inklusion sollte für "jeden Arbeitgeber" wichtig sein – das ist es also bisher nicht?

Viele Arbeitgeber haben bislang noch gar nicht das Bewusstsein dafür entwickelt. Dabei hat sich die Bundesregierung bereits im Jahr 2009 verpflichtet, die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland umzusetzen. Es wäre gut, wenn der Leitgedanke der Inklusion und die Menschenrechte,  die in der Konvention für behinderte Menschen verankert sind, nun auch in den Betrieben umgesetzt würden.

Mit Blick auf die Beschäftigungsquote von schwerbehinderten Menschen: Wie steht der NDR innerhalb der Öffentlich-Rechtlichen da?

Auf unserer Tagung der ARD/ZDF-Schwerbehindertenvertretungen treffen sich die Vertrauenspersonen von insgesamt 14 öffentlich-rechtlichen Sendern und Einrichtungen. Dazu gehören die neun Anstalten der ARD, das ZDF, das Institut für Rundfunktechnik, die Deutsche Welle, das Deutschlandradio und der Beitragsservice in Köln.  Von den 14 Anstalten liegen wir im NDR bei der Quote genau in der Mitte, an siebter Stelle mit einer Quote von 5,19 Prozent. Herausstechend sind der Beitragsservice mit 10,2 Prozent und der HR mit 9,01 Prozent.

Was sind die größten Probleme, wenn es um die Neueinstellung von Menschen mit Behinderungen geht?

Bei Neubesetzungen haben wir es mit verschiedenen Entwicklungen zu tun. Zum einen bewerben sich im Verhältnis gesehen generell weniger schwerbehinderte Menschen auf eine ausgeschriebene Stelle. Allein schon rein statistisch ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Mensch ohne Behinderung den Job bekommt. Zum anderen gibt es Unterschiede in den Qualifikationen.  Behinderte Menschen haben oftmals durch ihre gesundheitliche Beeinträchtigung Einschnitte im beruflichen Lebenslauf und im Wettbewerb um die Stelle dementsprechend einen Nachteil. Und generell beobachten wir, dass die Arbeitsplatzanforderungen komplexer werden und dadurch die Belastungen für den Einzelnen steigen. Darüber hinaus gibt es eine spürbare Arbeitsverdichtung durch Arbeitsplatzabbau und Einsparungen.

Sie sagen, Inklusion im Arbeitsleben bedeutet: "Gelungene Lösungen in jedem Einzelfall". Haben Sie ein konkretes Beispiel, bei dem Inklusion Ihrer Ansicht nach besonders gut gelungen ist?

In einer inklusiven Welt soll die Behinderung nicht an die Umwelt angepasst werden, sondern die Umwelt an die Behinderung des Menschen. D. h., wir suchen nach Möglichkeiten, die Behinderung auszugleichen, damit derjenige die gleiche Leistung erbringen kann wie der Mensch ohne Behinderung.

Ein sehr gelungenes Beispiel dafür ist ein Kollege mit Herzproblemen. Die Bedingungen seines Arbeitsplatzes waren für seine Erkrankung nicht optimal. Sein Alltag war durch Stress geprägt und seine Herzprobleme nahmen zu. Nach längerer Erkrankung war klar: So kann es nicht bleiben. Und genau an diesem Punkt haben wir angesetzt, seine Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Das Präventionsteam des NDR hat gemeinsam mit den Ingenieuren des Technischen Dienstes des Integrationsamts den Arbeitsplatz des Kollegen so umgebaut, dass er weniger Stress ausgesetzt war.  Gleichzeitig haben wir dem Mitarbeiter empfohlen, das eigene Verhalten zu ändern und ein Kursangebot zum Abbau von Stress wahrzunehmen. Das ist ein ganz herausragendes Beispiel und so machen wir es im kleinen und im großen Bereich.

Sind die Probleme der Vertrauenspersonen innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender ähnlich oder unterscheiden sie sich?

Die Probleme sind sehr, sehr ähnlich. Durch meine Vernetzung mit Betrieben in der Hamburger Wirtschaft kann ich sagen, es sind auch die gleichen Probleme dort  wie bei uns Öffentlich-Rechtlichen. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

 Ich möchte, dass wir auf dem eingeschlagenen Weg vorangehen, dass wir insbesondere auch weiter Barrieren im Kopf abbauen.  Mein Wunsch ist, dass wir einen ganz selbstverständlichen Umgang miteinander haben – unabhängig von Behinderung, Alter oder auch Hautfarbe. Die Vielfalt menschlichen Daseins soll sich in unseren Unternehmen weiter entwickeln und gelebt werden. Sie ist wünschenswert und kann überaus bereichernd sein.

Stand: Tue Jun 03 00:00:00 CEST 2014 Uhr

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