Weihnachtsbräuche

Links: Christkind in Engelsgestalt; Mitte: Holzfigur von Jesus in einer Krippe, rechts: Weihnachtsmann;. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bräuche

Christkind oder Weihnachtsmann?

Ina Mersch

Dass der Nikolaus in der Nacht auf den 6. Dezember kommt und seine Gaben in Stiefeln hinterlässt, darüber sind wir uns noch alle einig. Wenn es aber darum geht, wer uns an Weihnachten beschert, spaltet sich die Nation. Ist es das Christkind oder der Weihnachtsmann?

Christkind-Fans haben es erheblich schwerer als Weihnachtmann-Anhänger. Wie sollen sie ihren Kindern oder Enkeln bloß die Allgegenwart unzähliger fassadenkletternder Weihnachtsmänner und netter Opas im roten Mantel mit angeklebtem Rauschebart und Jutesack auf dem Rücken erklären, die sämtliche Weihnachtmärkte der Republik bevölkern? Zumindest nach dem 6. Dezember kann dies ja wohl kaum noch der Nikolaus sein. Ein Dilemma, das sich Weihnachtsmann-Fans so nicht stellt.

Ohnehin scheint der Weihnachtsmann auf der Popularitätsskala heute vorne zu liegen - doch auch das Christkind hat viele Befürworter auf seiner Seite. Sie befürchten, dass der Weihnachtsmann als Werbefigur zu grenzenlosem Konsum anrege und dabei die wahren Inhalte und Bräuche des christlichen Weihnachtsfestes in den Hintergrund treten.

Das Christkind - eine "Erfindung" Luthers

Weihnachtskrippe mit Figuren. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Doch woher kommt die Vorstellung vom Christkind in Engelsgestalt oder als der Krippe entstiegenes Baby eigentlich? Fest steht, dass bis ins Mittelalter hinein von einem Gaben bringenden Christkind keine Rede war. Die Kinder wurden traditionell am Nikolaustag oder am "Tag der unschuldigen Kinder", am 28. Dezember, beschenkt.

Das änderte sich im 16. Jahrhundert mit Martin Luther, der im Zuge der Reformation die Heiligenverehrung beseitigen wollte. Der heilige Nikolaus passte nicht ins neue Weltbild der Protestanten, stattdessen sollte Gott selber wieder mehr in den Fokus rücken. So ersetzte Luther den Nikolaus kurzerhand durch den "Heiligen Christ", also Jesus, der Gestalt annimmt als Säugling in der Krippe. Über die Jahrhunderte entwickelte sich daraus die Vorstellung, dass Christus jährlich zum Fest vom Himmel herabsteigt. Die Figur des Jesus-Säuglings wandelte sich in einigen protestantischen Regionen Deutschlands in ein engelhaftes Wesen mit Krone und Goldlöckchen als Gabenbringer.

Für die katholischen Kinder war aber weiter der heilige Nikolaus zuständig, der noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts am Nikolaustag zur Bescherung kam. Lange Zeit war Deutschland damit in katholische "Nikolausteile" und evangelische "Christkindteile" getrennt. Als die Bedeutung der Religion in der Bevölkerung abnahm, fand eine Brauchangleichung statt: Das Christkind zog gemeinsam mit dem Weihnachtsbaum und dem Adventskranz auch in die katholischen Haushalte ein. Gleichzeitig fanden immer mehr protestantische Familien Gefallen an der Weihnachtskrippe.

Engelchen unter Kitschverdacht

Briefe von Kindern an das Christkind . | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Das Christkind steht in seiner engelhaften Gestalt unter Kitschverdacht. Mit der Vorstellung vom Christuskind in der Krippe hat es jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Auch sein pädagogischer Anspruch auf totalitäre Überwachung - "das Christkind sieht alles" - ruft Kritiker auf den Plan.

Dagegen hat es die Weihnachtsmann-Fraktion mit ihrem bärtigen "Dicken" in einer konsumorientierten Welt einfacher. Viele Menschen dürften sich jedoch nicht darüber im Klaren sein, welche Mutationen ihr Weihnachtsmann schon hinter sich hat. Längst hat er sich weit von seinen christlichen Wurzeln und damit von seiner guten Reputation entfernt.

Mutation des Nikolaus'

Ein Weihnachtsmann sitzt bei der Bescherung vor einem geschmückten Weihnachtsbaum und spricht mit einem kleinen Mädchen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Der Weihnachtsmann lässt sich nämlich ohne seinen Vorläufer, den Nikolaus, praktisch nicht erklären. Der geht auf die europäischen Volkslegenden um den heiligen Nikolaus von Myra aus Kleinasien, der heutigen Türkei, zurück. Dieser war im vierten Jahrhundert Bischof und gilt als Schutzpatron der Seefahrer und Kinder. Ihm zu Ehren wurden Kinder jedes Jahr an seinem Todestag, dem 6. Dezember, beschenkt. Erst im Laufe der Reformation rückte der Bescherungstag auf den 24. Dezember.

Der heutige Weihnachtsmann ist eine relativ junge Erscheinung. Der Name ist erstmals 1820 belegt und wurde ab 1837 durch Hoffmann von Fallerslebens Schriften populär. Ab 1880 ersetzt er in aufgeklärten protestantischen Gebieten, insbesondere in den Städten, die Vorstellung vom Christkind. Er ist allerdings eine Weihnachtsfigur ohne "himmlische Bezüge". Das Bürgertum nutzte ihn als "Hilfspädagogen", um Kinder zu einem tugendhaften Lebenswandel anzuhalten.

Weichgespült und kommerzialisiert

Der Nikolaus verlor seine bischöflichen Attribute wie Messgewand, Bischofsstab und -mütze. Er wurde zum zwitterhaften Wesen, das die Charakterzüge des gutmütigen Nikolaus', der brave Kinder beschenkt, und seines Begleiters, Knecht Ruprecht, der Rabauken mit der Rute züchtigt, in sich vereint. Der Nikolaus macht sich heute also selbst als Weihnachtsmann Konkurrenz.

In den USA sorgten irische und niederländische Einwanderer für die Verbreitung des heiligen Nikolaus'. Sie nahmen den von ihnen verehrten Schutzheiligen mit in die "neue Welt". Dort verlor er jedoch seine religiöse Bedeutung und wurde als Santa Claus zur Personifikation weihnachtlichen Schenkens. Durch die Filmadaptionen Walt Disneys kehrte der so veränderte und kommerzialisierte Nikolaus-Weihnachtsmann zurück nach Europa, wo er mit dem etwas strengeren deutschen Weihnachtsmann verschmolz.

Die zeichnerische Vorlage für den bebrillten, dicken Mann mit Rauschebart stammt übrigens von Thomas Nast aus Landau in der Pfalz, der 1846 nach New York auswanderte. Er entwarf verschiedene Bildvarianten und schuf schließlich den gemütlichen Santa Claus. Doch erst 1931 übernahm die Coca-Cola-Company Nasts Vorlage für eine Werbekampagne und prägte auf diese Weise das heute bekannte Bild des Weihnachtsmannes. Eine Limonadenfirma hat also entscheidend zur weltweiten Verbreitung des Weihnachtsmannes beigetragen und dafür gesorgt, dass er eine Ikone der Konsumindustrie wurde. 

Stand: 22.12.2017, 00.00 Uhr

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