Couchsurfing: Die Welt zu Gast bei Fremden | Das Phänomen Social Travel

Couchsurferin. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Social Travel

Die Welt zu Gast bei Fremden

Julius Sandmann

Social-Travel-Angebote übertragen die Offenheit des Internets in das reale Leben: Nutzer stellen Fremden ihre Couch oder ihren Garten zur Verfügung. Es geht um kulturellen Austausch, aber auch um finanzielle Vorteile.

Hummus in Jerusalem

Couchsurferin Martha Gruchel mag es, durch privaten Kontakt ein Land besser kennenzulernen: "Man ist direkt in die Kultur eingebunden. Das heißt, man trifft manchmal Freunde und Familie der Couchsurfer." So lerne man einiges über Sprache, Trink- und Essgewohnheiten. "Ich habe in Deutschland Hummus immer gehasst. Dann war ich mit einem Couchsurfer in der Altstadt von Jerusalem in einem arabischen Restaurant. Der Hummus dort war fantastisch. Seitdem mag ich ihn", erzählt die 24-Jährige.

Doppelzimmer, Couch oder Garten?

"Couchsurfing.org", "Campinmygarden.com" oder "Home-link.de" - die Social-Travel-Angebote im Internet sind zahlreich und vielfältig: "Couchsurfing" bietet nach einmaliger Anmeldegebühr das kostenlose Schlafen auf einem Sofa an, "Campinmygarden" verwandelt den privaten Garten in einen Campingplatz und "Home-link" vermittelt zwischen Menschen, die für den Urlaub ihre Häuser oder Wohnungen untereinander tauschen.

Zwar bezeichnet der Begriff Social Travel allgemein das Wohnen in den Privaträumen anderer Menschen, allerdings unterscheiden sich die Plattformen mitunter stark in ihrer Ausgestaltung. So gibt es Angebote, die bis auf die einmalige Anmeldegebühr kostenlos sind, und solche, bei denen auf Gastgeberseite der Zusatzverdienst und auf Gästeseite die Kostenersparnis im Mittelpunkt steht. Einige Plattformen hingegen basieren auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit, so dass Gäste auch als Gastgeber zur Verfügung stehen.

Vernetzung der Welt

Generell ist die Welt durch virtuelle Angebote im Internet kleiner und vernetzter geworden: Google ermöglicht es, am Bildschirm durch die Straßen zahlreicher internationaler Metropolen zu wandeln, und per Facebook kann man weltweit Freundschaften aufrechterhalten. Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig Maximilians-Universität München, glaubt, dass das WorldWideWeb mit seinen Austauschmöglichkeiten der entscheidende Faktor für das enorme Wachstum von Social Travel ist. "Das Internet ist natürlich der Treiber", sagt er.

Auch Annika Schindler, Studentin der Geographie mit Schwerpunkt Freizeit, Tourismus und Umwelt, misst dem Internet eine große Bedeutung zu: "Durch das Aufkommen von Web 2.0 kam es zu diesem Umbruch des gesellschaftlichen Verhaltens hinsichtlich des Informationsaustauschs. Alles ist transparent geworden." Die 24-Jährige hat schon in Italien, London und Australien auf fremden Sofas geschlafen. Gerade schreibt sie ihre Bachelorarbeit über "Couchsurfing".

"Abseits des Trampelpfades"

Durch das Internet ist die Welt zwar kleiner, die Sehnsucht nach möglichst individuellen Reisen, jedoch größer geworden. Dieser Wunsch nach Exklusivität sei ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Begeisterung für Social Travel, erklärt Schmude. Social Traveller, das zeigen Erfahrungsberichte, wollen keinen klassischen Strandurlaub oder eine Pauschalreise. Sie versuchen, durch die Begegnung mit fremden Menschen einen einzigartigen und authentischen Urlaub zu erleben. Heather O'Brien von "Couchsurfing" beschreibt es als Erlebnis "abseits des Trampelpfades."

Annika Schindler hat sich bei einer "Couchsurfing"-Reise in London ein Haus mit neun Personen geteilt, von denen alle aus unterschiedlichen Ländern kamen. "Fünf davon haben eine Band gebildet. Die hat in einer Bar gespielt und wir sind alle mitgegangen. Das war einfach was ganz Besonderes, zu erleben, wie die Leute sich verstehen, obwohl die alle aus unterschiedlichen Kulturen stammen", erzählt die Studentin. Die private Atmosphäre und Offenheit beim Social Travel ist für sie sehr wichtig, denn sie führe oft zu intensiven Gesprächen. Nach ihrer Ansicht sind Couchsurfer überwiegend weltoffene und interessierte Menschen, die sich einen intensiveren kulturellen Austausch wünschen. "Ich denke einfach, dass dadurch Vorurteile und Klischees abgelegt werden können", erzählt Schindler.

Zimmer frei für die Wies'n

Auf unkonventionelle Weise Urlaub zu machen, mag ein Trend sein. Doch neu ist die Idee nicht. Professor Schmude erinnert an die 1960er-, 1970er-Jahre. "Damals hat man gesagt, der Tourismus in Entwicklungsländern werde der völkerverständigende Treiber sein. Da ist man schwer enttäuscht worden." Damals sei der Tourismus sowohl privat, wie auch staatlich gefördert worden, um ein internationales Verständnis und eine kulturelle Annäherung zu ermöglichen. Doch funktioniert hat das nicht: Urlaub und die Auseinandersetzung mit kontroversen Themen hätten sich nicht vereinbaren lassen. Heute sieht Schmude die Beweggründe von Social Travel nüchterner: "Ich glaube, auch hier ist es ganz pragmatisch, dass die Nutzer von solchen Angeboten einfach kostengünstig und vielleicht auch ein bisschen anders wohnen wollen."

Auf Gastgeberseite sieht der Tourismusexperte im Social Travel dagegen grundsätzlich zwei unterschiedliche Motivationen: "Die einen wollen Geld verdienen, ganz klar. Wir kennen das hier in München: In den nächsten Wochen während der Wies'n werden die WG-Zimmer geräumt, um ein bisschen Geld zu verdienen. Zum anderen gibt es die Motivation, Gastgeber sein zu wollen." Und so manch ein Land kann auf Social Travel kaum verzichten. Auf Kuba etwa werden Reisende per Mundpropaganda von Gastgeber zu Gastgeber, die sich ein paar Devisen verdienen wollen, weiterempfohlen.

Das Geld spielt für viele Nutzer eine große Rolle. Martha Gruchel jedenfalls hätte ohne "Couchsurfing" viele ihrer Reisen nicht machen können: "Hostels sind in vielen Städten unglaublich teuer. Ich als Studentin kann es mir nicht leisten, tagelang so zu übernachten."

Reisetrend mit Zukunft

Bei Social Travel stehen demnach zwei Aspekte im Vordergrund: der ökonomische und der kulturelle. Schmude misst der ökonomischen Komponente eine große Bedeutung bei: "Für die Anbieter ist es eine absolut kostengünstige Verbreitungsform. Sie können ihr Angebot relativ einfach an den Mann, an die Frau bringen." Auf der anderen Seite gibt es die kostenlosen Plattformen. Dort locken Anbieter ebenfalls mit Unterkünften - und haben nicht selten Lust darauf, fremde Kulturen kennenzulernen. Bei vielen Facebook- oder Google+-Nutzern dürfte die Bereitschaft, sich vorbehaltlos bei Fremden einzuquartieren, schlicht der Sehnsucht geschuldet sein, anstelle virtueller Freunde im Cyberspace auch realen Menschen zu begegnen: ob im Vorgarten, auf der Couch oder künftig vielleicht in einem Luxus-Loft.

Fest steht: Das Geschäftsmodell Social Travel wächst. Laut Homepage hat "Couchsurfing" 4,8 Millionen Mitglieder in 207 Ländern. Und auch die kleinere Plattform "Campinmygarden" hat nach eigenen Angaben 6.000 Nutzer und wächst jährlich um 200 Prozent.

Stand: Tue Oct 09 14:21:00 CEST 2012 Uhr

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