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Crowdfunding
Das Geld des Schwarms
Alice Lanzke
Während Crowdfunding in anderen Ländern bereits etabliert ist, tut man sich in Deutschland noch schwer mit "Schwarmfinanzierungen". Dabei geht das Konzept weit über bloßes Geldeinsammeln im Netz hinaus. Manche sehen im Crowdfunding gar die Rettung für alternative Kultur und guten Journalismus.
Albumfinanzierung per Mausklicks der Fans? Was nach dem Wunschtraum so einiger Musiker klingt, ist bereits Realität: So sammelte die US-amerikanische Rockröhre Amanda Palmer das Geld für ihre neue Platte per Crowdfunding im Netz. Kein Einzelfall: Immer mehr Projekte, Geschäftsideen und neue Produkte werden per Schwarmfinanzierung ermöglicht.
Das Feld ist dabei weit und erstreckt sich bei weitem nicht nur auf Musik. Da suchen etwa Journalisten Geldgeber für ihre Reportagen, die eher abseitige Themen behandeln oder in Ländern recherchiert werden, die nicht im Fokus der allgemeinen Medienöffentlichkeit stehen. Einen Klick weiter werden für eine unabhängig produzierte Hörspielreihe Mittel für eine neue Folge gesammelt oder eine aufstrebende Designerin bittet um Geld, um ihre erste Kollektion auf die Beine zu stellen. Ebenso werben Sportvereine um Unterstützung, unabhängige Theaterprojekte suchen neben ambitionierten Filmstudenten nach Geldgebern.
Mehr Förderung als Finanzierung
Die Möglichkeiten zum Crowdfunding sind vielfältig: Doch nicht nur Nischenprodukte finden sich im Crowdfunding-Bereich. Das wohl größte Beispiel für Schwarmfinanzierung ist der Kinofilm zur TV-Serie "Stromberg": Die Produktionsfirma rief im Dezember 2011 im Internet zur Finanzierung des Films auf. Bis März 2012 wollte das Unternehmen eine Million Euro sammeln. Binnen zwei Tagen kamen 150.000 Euro zusammen, innerhalb einer Woche war die Zielsumme erreicht. Nun soll der Streifen ab Frühjahr 2013 produziert werden.
Erfolgsgeschichten wie diese verstellen den Blick auf das wahre Potenzial des Crowdfunding: Denn anders als bei herkömmlichen Finanzierungen geht es hier für den "Anleger" oft nicht um die zu erwartende Rendite – ganz im Gegenteil. Gerade bei kleineren Nischenprojekten ist die in Aussicht gestellte Gegenleistung meist eher symbolischer Natur. Das kann eine signierte CD der Newcomer-Band sein, die Nennung im Abspann eines Kurzfilms oder die lobende Erwähnung auf der Website eines Fotoprojekts. In diesen Fällen ist unter Crowdfunding mehr Förderung als Finanzierung zu verstehen. Einzig große Projekte wie der erwähnte "Stromberg"-Film versprechen eine Beteiligung an etwaigen Erlösen.
Erst Unterstützer, dann Geldgeber
Tatsächlich hat Crowdfunding Vorteile für Geldgeber und Geldnehmer, die über das rein Finanzielle hinausgehen. Die Projektanbieter bauen sich über die Mittelsuche im Netz eine eigene Online-Community auf. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die gängigen deutschen Crowdfunding-Plattformen: Anbieter wie inkubato, mySherpas, pling, Startnext und VisionBakery arbeiten im Grunde genommen nach dem gleichen Prinzip. Man bewirbt sich mit seinem Projekt bei der Plattform. Wirkliche Vorgaben zur Art des Projekts gibt es in den seltensten Fällen, so dass die Palette vielfältig ist. Vor der Freischaltung auf der Plattform erfolgt eine Prüfung durch die Betreiber, ob das Konzept realistisch ist. Dann müssen – ebenfalls im Rahmen der Plattform – "Fans" gesammelt werden, die das Projekt für unterstützenswert halten. Das tun sie einfach per "Like"-Button kund. Sind genügend Unterstützer gefunden, geht die "Kampagne" online und die eigentliche Mittelsammlung beginnt.
Für Christian Rohr von Startnext ist dieses zweistufige Modell ideal. Er erklärt im Interview mit ARD.de: "Wenn man es in der ersten Phase nicht einmal schafft, genügend Unterstützer zusammen zu bekommen, dann schafft man es danach auch nicht, wirklich Geld zu sammeln."
Die große Chance der Crowdfunding-Starter ist die virale Verbreitung ihrer Kampagne: Zunächst verbreitet sich das Projekt in ihren engsten Netzwerken aus Freunden und Familie. Danach empfehlen es die Freunde ihren Freunden, und schließlich erreicht es eine breitere Öffentlichkeit – so zumindest die Hoffnung. Dafür müssen die Kampagnenstarter ihr Projekt allerdings möglichst kreativ und aufwändig bewerben. Bei Startnext etwa muss es in einem Video vorgestellt werden, Fortschritte der Kampagne werden in einem Blog dokumentiert, der Kontakt zu den Unterstützern gesucht.
Entertainment für den Unterstützer
Für Christian Rohr sind diese Werbemaßnahmen essentiell für jedes Crowdfunding-Projekt: "Schon während der Kampagne entwickelt man so seine Marketingaktivitäten, bekommt ein direktes Feedback, schafft sich Vertriebskanäle und hat im Erfolgsfall eine funktionierende Unterstützung." Für die Projektstarter entstünden keine Kosten, sie würden keine Risiken eingehen, sich ein Netzwerk schaffen und unabhängig bleiben.
Insgesamt sind 40 Prozent aller in Deutschland gestarteten Crowdfunding-Projekte erfolgreich, so das Ergebnis des deutschen Crowdfunding-Monitors. Zählt man die eingesammelten Beträge aller in Deutschland gestarteten Kampagnen zusammen, ergibt sich für die ersten neun Monate im Jahr 2011 eine Summe von gut 350.000 Euro. Allein Startnet habe mittlerweile 15.000 Unterstützer, ergänzt Christian Rohr. Und auch für diese biete die Schwarmfinanzierung eine Reihe von Vorteilen: Sie würden eine Kampagne emotional unterstützen und das Gefühl bekommen, Teil eines größeren Projekts zu sein. Außerdem sei auch der Entertainment-Faktor nicht zu unterschätzen, da man das Gefühl habe, live bei der Entstehung eines Projekts dabei zu sein. Außerdem ließen sich per Crowdfunding "spannende neue Projekte" und "großartige Talente" entdecken und fördern, zu denen über die Plattformen ein enger Kontakt bestehe, betont Rohr.
Eine Chance für die Nische
Alles in allem scheint Crowdfunding vor allem eine Chance für die Nische zu sein: Gerade in Bereichen, in denen Finanzmittel notorisch knapp sind, bieten die Plattformen eine Gelegenheit, sich originell einem ganz neuen und potenziell sehr breiten Publikum zu präsentieren - und eben vielleicht sogar die notwendigen Gelder zusammenzubekommen.
Inwiefern Crowdfunding tatsächlich eine stabile und ernstzunehmende Säule der Finanzierung wird, werden erst die Erfahrungen der kommenden Jahre zeigen. Schon jetzt ist klar, dass Crowdfunding keine Entschuldigung etwa für öffentliche Geldgeber sein darf, sich aus der Finanzierung von Kulturprojekten zurückzuziehen. Ist diese Gefahr ausgeschlossen, scheint Schwarmfinanzierung ein spannender und vielversprechender Trend der Online-Welt zu sein.
Stand: 02.10.2012, 15.09 Uhr