Demokratie ohne Jugend? Interview zur Bundestagswahl 2009

Wahlurne; Jugendlicher zeigt die Faust mit Daumen nach unten. | Bildquelle: colourbox.com, Kombo: ARD.de

Bundestagswahl 2009

"Die Jugend droht der Demokratie verloren zu gehen"

Demokratie ist bekanntlich die "Herrschaft des Volkes". Was aber, wenn das Volk - insbesondere die Jugend - nicht mehr wählen will? Im Interview erklärt der bekannte Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, weshalb die etablierten Parteien junge Menschen nicht mehr erreichen - und weshalb es falsch ist, pauschal von "Politikverdrossenheit der Jugend" zu sprechen.

Herr Professor Hurrelmann, in der vergangenen Erhebung der Shell-Jugendstudie haben Sie im Jahr 2006 festgestellt, dass das politische Interesse junger Menschen leicht gestiegen ist. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Solide Zahlen und damit einen soliden Vergleich werden wir erst 2010 mit der neuen Shell-Jugendstudie haben. Aber wenn ich die Atmosphäre richtig einschätze, dann könnte sich das Interesse der jungen Leute verstärkt haben - allerdings nur minimal. Das historische Tief in Punkto Politikinteresse junger Menschen ist deshalb noch nicht überwunden.

Prof. Hurrelmann. | Bildquelle: privat

Also wird auch 2010, bei der nächsten Shell-Jugendstudie, nur eine kleine Minderheit der Jugendlichen angeben, sie sei an Politik interessiert?

Vermutlich ja. Nach meiner Einschätzung werden ähnliche Werte wie bei den vergangenen beiden Erhebungen erreicht. Damals waren es 34 und 39 Prozent.

Woher kommt das geringe Interesse der Jugend an Politik?


Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, war Professor für Erziehungswissenschaften und Soziologie an den Universitäten Essen und Bielefeld, wo er 1993 maßgeblich an der Gründung der ersten deutschen School of Public Health beteiligt war. Seit dem 1. März 2009 lehrt er Public Health and Education an der Hertie School of Goverance in Berlin. Hurrelmann leitete unter anderem die beiden jüngsten Shell-Jugendstudien, die international vergleichende Jugendgesundheitsstudie Health Behavior in School Children im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation und die 1. World Vision Kinderstudie. Er ist Autor vieler Lehr- und Handbücher.

Wir haben es mit einer jungen Generation zu tun, die eine Distanz zwischen ihrem Leben und dem etablierten politischen System mit seinen Parteien, Parlamenten, Ministerien und Behörden entwickelt hat. Ich vermute, dieses geringe politische Interesse ist darauf zurückzuführen, dass die jungen Leute wenig damit anfangen können, wie Politik bei uns organisiert ist.

Was ist der Grund für die Distanz zur organisierten Politik?

Viele Jugendliche scheinen Politik vor allem als Handeln politischer Akteure in einem geschlossenen System wahrzunehmen, auf das sie keinerlei Einfluss haben. Sie sehen Politik gewissermaßen als eine mehr oder weniger gut funktionierende Maschinerie, die ihre Aufgaben erledigt, die ihnen aber keine Möglichkeit lässt, sich einzubringen. Die große Distanz der jungen Leute gegenüber der institutionalisierten Politik kommt anscheinend deshalb zustande, weil sie sich thematisch nicht angesprochen fühlen und glauben: 'Die machen da im politischen System etwas, was mit mir direkt gar nichts zu tun hat.'

Beim politischen Engagement innerhalb der Parteienlandschaft sieht es also mau aus. Engagieren sich Jugendliche überhaupt nicht politisch, oder haben sie andere Wege gefunden, sich einzubringen?

Doch, es gibt in der Tat viele junge Leute, die sich außerhalb der Parteienlandschaft politisch engagieren - etwa punktuell bei Demonstrationen, Bürgertreffen und Foren. Ein ganz wichtiges Betätigungsfeld ist das Internet als das Leib- und Magen-Medium der jungen Generation. Hier tauschen die Jüngeren zunehmend auch ihre politischen Ansichten aus. Deshalb sind künftige politische Strömungen im Web zuallererst wahrnehmbar.

Welche Auswirkungen wird diese Entwicklung auf die politische Kultur haben?


Die Shell-Jugendstudie ist eine repräsentative Langzeituntersuchung, die Einstellungen, Stimmungen und Erwartungen von Jugendlichen in Deutschland dokumentiert. Die Studie wird seit 1953 vom Mineralölkonzern Shell herausgegeben, die Erhebungen finden alle drei bis vier Jahre statt. Die jüngsten beiden Shell-Jugendstudien aus den Jahren 2002 und 2006 sorgten für Aufsehen, da das politische Interesse junger Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren demnach historische Tiefstände erreichte. Im Jahr 2002 gab nur jeder Dritte der Befragten (34 Prozent) an, sich für Politik zu interessieren, vier Jahre später waren es 39 Prozent.

Wir werden neue Formen der politischen Meinungsbildung und damit der politischen Entscheidungen haben – flexibler, offener, unberechenbarer, aber damit auch urdemokratischer.

Könnten die etablierten Parteien junge Leute im Internet erreichen und dort für ihre Themen begeistern?

Nur begrenzt. Nämlich nur dann, wenn sie im Internet wirklich die Themen und die Sprache der Jugend aufgreifen. Wenn Parteien dagegen einfach ihre klassischen Botschaften nehmen und sie 1:1 im Internet abbilden, dann fühlen sich die Jüngeren entweder gar nicht angesprochen, oder sie würden dies als Anbiederung auffassen. Die etablierten Parteien sollten also auf keinen Fall versuchen, sich allein auf den Verbreitungsweg Internet zu konzentrieren, ohne sonst etwas zu ändern.

Werden wir demnächst einen Aufschwung bislang unbedeutender Parteien erleben, die mit ihren Themen besser die jungen Leute ansprechen als die etablierten Parteien?

Meiner Ansicht nach liegt das in der Luft. Und wir haben auch erste Beispiele dafür: Wir haben die rechten Parteien, die zum Beispiel, vor ein paar Jahren in Mecklenburg-Vorpommern, gezielt die Gruppe der wirtschaftlich schwach situierten Jugendlichen, besonders der jungen Männer, angesprochen hatten und im Wahlkampf gesagt haben: 'Wir vertreten eure Interessen.' Bei den jungen Männern haben sie damit bis zu 25 Prozent der Stimmen erhalten. Hier hatte also eine Partei davon profitiert, dass sie direkt die junge Wählerschaft angesprochen hat.

Internetnutzerin. | Bildquelle: colourbox.com

Das macht aktuell ja auch die Piratenpartei, die sogar verkündet, in den kommenden Bundestag einziehen zu wollen.

Ganz genau. Diese Partei spricht mit ihren Schwerpunktthemen Datenschutz und Informationsfreiheit im Internet genau die Themen und Interessenlagen an, die die junge Generation unmittelbar betreffen. Eine Partei, die das ganz gezielt macht, hat bei diesen authentizitäts- und originalitätssuchenden jungen Leuten natürlich viel mehr Chancen als eine schon sehr etablierte und gefestigte und damit auch schon traditionell erscheinende Partei.

Kristallisiert sich mit der Piratenpartei eine neue politische Jugendbewegung heraus, wie in den 80er Jahren mit der Anti-Atomkraft-Bewegung oder vor wenigen Jahren mit der Anti-Globalisierungsbewegung?

Die Piratenpartei kann durchaus der Kristallisationspunkt für eine neue Bewegung sein, denn sie trifft einige ganz sensible Komponenten des Lebensgefühls der jungen Generation – sich durch frei verfügbare Technik autonom und ohne Kontrolle von Autoritäten in der Gesellschaft bewegen zu können. Ich denke, wir werden noch von dieser Bewegung und damit auch von dieser Partei hören, sie wird gegenwärtig unterschätzt.

Stand: 08.09.2009, 16.47 Uhr

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