Die trügerische Idylle des schweigsamen Schweden | "Pettersson und Findus"-Schöpfer Sven Nordqvist

Sven Nordqvist. | Bildquelle: Stefan Nilsson / Opal Verlag Schweden

"Pettersson und Findus"-Autor Sven Nordqvist zum 65. Geburtstag

Die trügerische Idylle des schweigsamen Schweden

Rachel Schröder

Seine Kinderbücher um den menschenscheuen Pettersson, der mit seinem sprechenden Kater Findus zusammenlebt, sind Weltbestseller. Doch hinter der vermeintlichen Idylle seiner Geschichten und Illustrationen verbergen sich bedrohliche Szenarien und eine gesellschaftskritische Utopie, die viel über ihren schweigsamen Schöpfer verrät. Am 30. April 2011 hat Sven Nordqvist seinen 65. Geburtstag gefeiert.

Entweder lebt Sven Nordqvist in einer Parallelwelt oder er schreibt seine Kinderbücher im Vollrausch. In ihnen verbirgt sich fast immer Surreales, häufig Gruseliges und manchmal auch Grausames. Die Tiere, Gegenstände und Fantasiewesen seiner Illustrationen scheinen sich zu bewegen, ganz so, als führten sie ein Eigenleben.

Der Eindruck des im Rausch arbeitenden Künstlers schwindet, sobald man mehr über den Schöpfer dieser Fantasiewelten erfährt. Nordqvist führt bis heute ein eher bürgerliches Leben, wenn auch ein sehr zurückgezogenes. Für ein Interview war er nicht zu erreichen, und man ahnt, dass es gut so ist. Denn möglicherweise erfahren wir aus den Büchern mehr über den Schweden mit der runden Harry-Potter-Brille, der nach eigenen Angaben kein Mann der Worte ist - zumindest keiner der gesprochenen.

Gackernd in der Männerwirtschaft


Beda Andersson merkte, dass er traurig war. "Du brauchst eine Frau, die würde dich aufmuntern", sagte sie. "Nee", sagte Pettersson. "Die hätte ich mir schon vor vielen Jahren anschaffen müssen. Jetzt bin ich zu alt. Ich hab mich daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Eine ganze Frau wäre zu viel. Nee... ich brauch niemanden ..." "Du hast ja nicht mal eine Katze." "Nee", sagte Pettersson und dachte lange nach. "Eine Katze macht ja nicht viele Umstände. Vielleicht sollte ich eine haben ..." Aus: "Wie Findus zu Pettersson kam"

Sven Nordqvist wurde am 30. April 1946 im südschwedischen Helsingborg geboren und wuchs zusammen mit seinem Bruder bei der Mutter in Halmstad auf. Eigentlich wollte Nordqvist Zeichner werden, doch die Kunsthochschulen lehnten ihn ab. Er studierte daher in Lund Architektur, wo er später auch als Dozent lehrte. Neben dem Architekturstudium besuchte er Zeichenfernkurse und versuchte sich an Karikaturen. Er las die Zeitschrift "Mad" mit ihren charakteristischen Illustrationen und übernahm Details von Gustave Dorés Höllendarstellungen aus Dantes "Divina Commedia". Seinen Zeichnungen sehe man das heute noch an, schreibt Nordqvist in einem Almanach des Verlags Oetinger. Neben seiner Arbeit als Architekt begann er in den 1970er-Jahren, in einer kleinen Werbefirma zu arbeiten, später zeichnete er Plakate und Grußkarten sowie Schul- und Bilderbücher. Seit Nordqvist 1983 einen Literaturwettbewerb gewann, widmet er sich nur noch seinem Lieblingsgenre: dem Kinderbuch.

Liest man alle Pettersson-und-Findus-Bücher hintereinander, taucht man ab in eine typisch schwedische Blockhaus-Idylle, die viel über den Schöpfer, vielmehr jedoch über seine Träume und seine Gesellschaftsutopie verrät. Die Pettersson-und-Findus-Welt ist auf wenige Tiere reduziert. Es gibt Kaffee trinkende Hühner, die sich gackernd und wichtigtuerisch in alles einmischen. Sie repräsentieren zweifellos den weiblichen Part in der kumpelhaften Männerwirtschaft, die durch eine Frau an Petterssons Seite gestört gewesen wäre, wie Nordqvist selbst sagt. Und es gibt Kühe, die das Geschehen vom Bilderrahmen aus beobachten und stumm kommentieren. Und dazwischen Pettersson und sein Ziehkater Findus. Hunde tauchen nur sporadisch auf - und wenn, dann in unrühmlicher Rolle. Sie handelten zu wenig nach ihrem eigenen Willen, so der Autor.

Anderssein erlaubt

Illustration aus dem Pettersson-und-Findus-Band "Eine Geburtstagstorte für die Katze";. | Bildquelle: ARD

In Schweden habe man mehr Respekt vor Kindern als Individuen, hat Nordqvist in Interviews angegeben. Dahinter steckt mehr als seine persönliche Meinung. Dass Väter Elternzeit nehmen, ist in Skandinavien längst selbstverständlich. In jeder Gleichberechtigungsdebatte gilt Schweden als Musterland. Vielleicht ist das Bild von allein erziehenden Vätern inzwischen so normal, dass sie nur dann aus der Masse hervorstechen, wenn sie eigenartige Marotten haben.

In Nordqvists Welt darf man anders sein - egal, was die Nachbarn denken, Hauptsache, es gibt Kaffee und Pfannkuchentorte. Das ist Nordqvists befreiende Botschaft. Und seine Träume? Die Pettersson-und-Findus-Welt ist ein Gegenentwurf zur Neubausiedlung, in der der Autor aufwuchs. Und vielleicht wäre Nordqvist, der nach eigenen Angaben "sammelt und bewahrt", gerne so ordentlich wie sein Alter Ego Pettersson, der wie er eine Vorliebe zum Angeln und zum Wandern hat, tüftelt und erfindet.

Betrunkene Kühe und ketterauchende Erwachsene

Illustration aus dem Buch "Wo ist meine Schwester?". | Bildquelle: Opal Verlag Schweden

Ist Pettersson noch der verschlossene alte Mann, den das ganze Dorf für verrückt erklärt, regiert in seinem wohl eigenartigsten Buch "Wo ist meine Schwester" der Irrsinn selbst. Eine Maus vermisst ihre Schwester und fliegt zusammen mit ihrem Pfeife rauchenden Opa in einem Ballon los, um sie zu suchen. Vorbei an surrealen De-Chirico-Tempeln, sinnlosen, labyrinthischen Bauten, beängstigenden Schluchten und manieristischen Landschaften. Mittendrin: betrunkene Kühe, Riesenelche, die Wikingerschiffe bewachen, wilde Kerle, die an Maurice Sendaks gleichnamiges Bilderbuch erinnern, ketterauchende Erwachsene, regenbogenspeiende Schafe und – an Nordqvists Hundeskepsis mahnend - zähnefletschende Hunde.

Es ist die wahnwitzige Welt der, wie es im Buch heißt, "Tanten und Onkel, die unten rumstehen und nichts kapieren", die Nordqvist uns hier vorführt und mit dem Zeigefinger auf gesellschaftliche Marotten zeigt: Frauen mit Zigarren, in Trainingsanzügen und mit farblich abgestimmten Handtaschen und Fönfrisuren. Wie bedrohlich muss diese Traumwelt auf Kinder wirken, wenn auch der Text nichts beschönigt: "Hoch oben zwischen den Wolken können wir fliegen (...). Wenn man das nämlich nicht tut, fällt man runter. Und wenn man runterfällt, stirbt man. Aber wir können nicht sterben, erst müssen wir alt werden. Deswegen können wir auch fliegen, wenn wir in den Wolken sind." Ein Glück, dass die Geschichte ein Happy End hat.

Zufriedenstellende Abschirmung

Vor über 28 Jahren hatte Nordqvist erstmals die Idee zu diesem Buch, das erst 2007 zunächst in Schweden, ein Jahr später dann in Deutschland erschien. Es sollte eine Geschichte sein, die nur in Bildern erzählt wird. "Ich wollte große, detaillierte Bilder anlegen, in die ich hineingehen und in denen ich lange verweilen konnte", erläutert Nordqvist im Klappentext zum Buch. Fast anderthalb Jahre habe er gebraucht, um das Buch fertigzustellen. Die Zeichnungen seien in einem Atelier auf einer einsamen Insel entstanden.

Vielleicht hat er sich selbst in seinem Buch verewigt - in dem kauzigen Erfinder, der unablässig zeichnet: Bauten, Maschinen, sinnlose Geräte. "Diese Art Konzentration und Abschirmung von der Außenwelt machen das Zeichnen und Malen so zufriedenstellend", sagt er. Und man sieht ihn vor sich: Ein alter Mann mit runder Brille wie Pettersson, mit einem Faible für Erfindungen. "Man muss nicht alles verstehen", sagt Nordqvist. Ein tröstlicher Gedanke - für Kinder allemal.


Die Geschichten vom alten Pettersson und seinem Kater Findus sind Bestseller. 13 Bände gibt es, von Geburtstags- und Weihnachtsgeschichten, über Liederbücher bis zum Kochbuch. Allein in Deutschland verkauften sich die Bücher bislang über 3,5 Millionen Mal. Sie wurden in 29 Sprachen übersetzt. Es gibt zwei Filme, ein Musical, eine Zeichentrickserie, Pettersson-und-Findus-Kalender, -Spiele, -Lernsoftware und -Hörbücher. Darüber hinaus veröffentlichte Sven Nordqvist Geschichten mit der Kuh "Mama Muh", die sich in Deutschland über 500.000 Mal verkauften, sowie Lehrbücher über die Wikinger, über das Angeln und über Mathematik. Im Frühjahr 2011 sind das Bilderbuch "Björn Bär findet etwas Lustiges" sowie "Pettersson und Findus" mit DVD in Gebärdensprache erschienen. Sven Nordqvist hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Stockholm und auf einer Insel im Schärengarten.

Stand: Sat Apr 30 16:42:00 CEST 2011 Uhr

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