Ernährung als Ersatzreligion

Ein Kreuz aus Erbsen auf einem Teller. | Bildquelle: Karola Kallweit

Ernährung als Ersatzreligion

Die Essensjünger

Vegetarismus, Veganismus, Rohkost oder Ayurveda: Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Ernährungsformen und immer mehr Menschen, die sich ihnen mit Leib und auch mit Seele verschreiben. Warum das mit Kontrolle und dem Glauben an ewige Gesundheit zu tun hat erklärt der Theologe Dr. Kai Funkschmidt von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) im Interview.

ARD.de: Herr Dr. Funkschmidt, woran liegt es, dass sich Leute in der Kantine mit fast religiösem Eifer über ihre Essgewohnheiten unterhalten?

Dr. Kai M. Funkschmidt: Das ist vor allem in den Medien ein Thema. Es ist wie mit dem Fitnesswahn. Der nimmt gesellschaftlich zu, und Ernährung ist ein Teil davon. Dahinter steht der Gedanke, dass alles was ich an Gutem, Schönen und Wahren erreichen kann, bereits hier im Diesseits geschehen muss. Das führt zu einer gewissen Gnadenlosigkeit im Umgang mit sich selbst. Man will unter allen Umständen die Macht über sich selbst behalten. Ich bin meines Glückes Schmied.


Dr. Kai Funkschmidt. | Bildquelle: Foto: Privat

Der Experte: Dr. Kai Funkschmidt

Der Theologe ist in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen in Bonn und Paris. Nach seinem Studium der Theologie und Indologie arbeitet er seit 1994 zu den Themen Entwicklungshilfe, Ökumene, Mission und Religionswissenschaft in Wuppertal, London, Schottland und Frankfurt. Seit 2011 bei der EZW Berlin für das Referat Esoterik, Okkultismus, Mormonen und Neuapostolische Kirche im europäischen Kontext.

Man möchte also mit aller Macht die Kontrolle über sein eigenes Leben behalten?

Genau, ein Gefühl der Kontrolle über mich selbst. Keine Fremdbestimmung. Und das kann ich durch das Essen. Wenn ich das reglementiere, kann ich die Gestalt meines Körpers bestimmen. Bei Magersucht-Patientinnen sagt man, dieses Gefühl sei das wichtigste. Ich glaube, dass das abgeschwächt auch für die Obsession mit dem Essen gilt.

Ist die intensivere Suche nach der richtigen Ernährungsweise eine Art von Suche nach Spiritualität, auch wenn es den Menschen eventuell gar nicht so bewusst ist?

Spiritualität im engeren Sinn würde ich eher nicht sagen, aber es ist der Versuch, meinem Leben Sinn und Struktur zu geben. Das fängt beim Schreiben der Einkaufsliste an, geht über den Einkauf und endet bei der Zubereitung des Essens. Ein Ritual, eine Disziplin, die man regelmäßig wiederholt und die jedes Mal zu einer kleinen inneren Reise wird.

Können Ernährungslehren Heilsbotschaften beinhalten und sogar Erlösungsvorstellungen bieten? Wie schätzen Sie das ein?

Die christliche Botschaft dreht sich um Jesus Christus, die Erlösung durch Gnade. Fragen zur richtigen Ernährung, Fastengebote beispielsweise, sind daraus nur abgeleitet. Für Menschen, die intensiv auf eine bestimmte Form der Ernährung fixiert sind, die das als Heilsbotschaft vertreten, ist das Essen Zentrum der Heilsbotschaft.

Fitnesswahn. | Bildquelle: colourbox.de

Model Foto: colourbox.de

Bei Veganern ist das sozusagen der Kern. Es gibt seit langem schon Versuche, durch die Ernährung grundsätzlich einen neuen Menschen und dadurch eine neue Menschheit zu schaffen. Das ist keine neue Idee. Ein Name, der vor ungefähr einem Jahr häufig zu hören war, ist August Engelhardt. Ein Deutscher, der 1902 in die Südsee ausgewandert ist und dort die Heilslehre vertreten hat, man könne das ganze Leben mit der Kokosnuss bestreiten. Er hat behauptet, wenn man sich durchringen könnte, nur noch Kokosnüsse zu essen, dann würde ein ganz neuer Mensch, eine ganz neue Menschheit entstehen. Er hat das selbst so lange durchgehalten, bis er halb verhungert war und ihm alle Zähne ausgefallen sind. Das hatte offensichtlich fehlgeleitete religiöse Qualität.

Ist Ernährung zur Ersatzreligion geworden?

Hier gibt es schon manchmal ein säkulares Heilsversprechen, also die Idee, dass man durch Trennkost, Vegetarismus oder veganes Essen so gesund lebt, dass man im Grunde für Krankheiten gar nicht mehr anfällig sei, das heißt in der letzten Konsequenz eine Selbsterlösung durch Ernährung.

Das heißt die Gesundheit wird hier eigentlich zur Ersatzreligion?

Im Extremfall ja und mir scheint ein Problem dabei zu sein, dass ein bestimmter Mechanismus auftreten kann, den man auch aus dem religiösen Fundamentalismus kennt: Wenn du doch krank wirst, dann muss es irgendwie an dir gelegen haben. Also der Kausalzusammenhang zwischen guter Ernährung und Gesundheit. Im Krankheitsfall kann es nur an der schlechten Ernährung gelegen haben oder aus religiöser Sicht betrachtet, der Lebensstil war nicht fromm genug und der Glaube nicht ausreichend.

Wie ist denn die christliche Haltung zur Gesundheit?

Für Gesundheit zu danken, ist richtig und gut, mit Dankbarkeit kann man sich an ihr erfreuen und sollte auch kein schlechtes Gewissen haben. Aber Gesundheit ist nicht das Höchste. Zu unserem Glauben gehört auch die Gebrochenheit der Schöpfung. Zu behaupten, Gott hat in dieser Schöpfung alles Ungesunde nicht gewollt, wäre falsch, denn sie ist nicht perfekt: Krankheit und Tod gehören dazu. Vielleicht kann ich den Tod durch gesunde Lebensweise hinauszögern – aber die Würde und der Wert des menschlichen Lebens begründen sich nicht darauf, wie gesund ich bin oder wie alt ich werde.

Sind Veganer nicht die besseren Menschen, weil sie das Gebot  befolgen "Du sollst nicht töten"?

Das Tötungsverbot in der Bibel bezieht sich an keiner Stelle auf die Tiere, so lebensfremd oder so entgegen der menschlichen Natur hat die Bibel an der Stelle jedenfalls nicht argumentiert. Das Tötungsverbot ist Mordverbot an seinen Mitmenschen. Ich denke, dass der Versuch, das aus der Bibel herzuleiten, ins Leere führt.

Aber Veganer treten doch mit ihrer Lebensweise entschieden für die Bewahrung der Schöpfung ein.

Das ist ein Begriff aus der ökumenischen Bewegung der 1970er, 1980er-Jahre: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Das heißt nicht, dass die Schöpfung ein Museum ist, in dem sich nie etwas verändern darf.

Wursttheke. | Bildquelle: colourbox.de

Bildquelle: colourbox.de

Daher ist mir nicht einleuchtend, warum man kein Fleisch essen sollte. Bewahrung heißt Nachhaltigkeit, so dass die Schöpfung weiter leben kann. Das setzt in der Tat dem Konsum Grenzen, auch dem Essenskonsum. Aber ich bin nicht der Auffassung, dass der Genuss von Fleisch die einzige Methode ist, die Schöpfung nicht zu bewahren. Das können sie durch alle mögliche Arten und Weisen des Konsums erreichen.

Welche Haltung nehmen in diesem Punkt die christlichen Kirchen ein?

Dass Ernährung mit sozial-ethischer Verantwortung zu tun hat, ist auch unsere Haltung. Der Gedanke, dass Ernährung und Tierschutz miteinander zu tun haben, ist eine Frage der christlichen Ethik und spielt bei uns natürlich eine Rolle. Also wie können Tiere transportiert werden, welche Schlachtmethoden sind angemessen.

Hinter vielen Ernährungslehren steckt ja ein Gesellschaftsentwurf. Bietet die Kirche hier zu wenig Antworten im Gegensatz zu "Ernährungsgemeinden"?

Christliche Antworten zum richtigen Gesellschaftsentwurf kennen wir, auch in der Predigt kommt das oft vor. Aber das Thema Ernährung oder Gesundheit durch Ernährung kommt in der Verkündigung oder sonntags in der Predigt eher selten vor, das stimmt. Vielleicht gibt es eine große Sehnsucht nach christlichen Antworten in relevanten Alltagsdingen. Manchmal könnte die Kirche mehr dazu sagen.

Das Interview führte Karola Kallweit

Stand: Wed Dec 18 08:00:00 CET 2013 Uhr

Darstellung: