Dystopien in Literatur und Film

Szenenbild aus Snowpiercer: Die Welt vereist. | Bildquelle: MFA Film

Düstere Zukunftsvisionen in Literatur und Film

Der Tag, an dem die Welt untergeht

Lukas Herzog

Ein Zug rast rund um die Erde, immer wieder, in Endlosschleife. Bliebe er stehen, käme er nie mehr los, sofort würde er am Gleis festfrieren. Im Zug leben die letzten Überlebenden einer Katastrophe, denn die Erde ist vollkommen vereist - zumindest im Film "Snowpiercer" des koreanischen Kultregisseurs Bong Joon-ho. Negative Zukunftsvisionen, sogenannte Dystopien, sind in Mode und das nicht nur im Kino: Michel Houellebecq traf mit seinem Roman "Unterwerfung" den Nerv der Zeit. Was reizt an einem pessimistischen Ausblick? Glauben wir nicht mehr an eine glorreiche Zukunft der Menschheit? Dystopien lassen tief blicken - in die Gemütslage unserer Gesellschaft.

Eigentlich hätte alles gut werden sollen: Einfach eine Chemikalie in die Atmosphäre sprühen und schon ist der Klimawandel abgewendet. In "Snowpiercer" geht das schrecklich schief und die Erde verwandelt sich in einen unbewohnbaren Eisklotz. Die einzigen Überlebenden sind in einem stetig fahrenden Zug eingepfercht und dort gibt es eine klar festgelegte Hierarchie. Die Reichen leben in den vorderen Abteilen in Saus und Braus, die Armen weiter hinten unter menschenunwürdigen Bedingungen.


Vorwärts in den Untergang

Düstere Zukunftsvisionen in Film und Literatur

Ewige Kälte, totale Überwachung, Krieg, Katastrophen: In Literatur und Film sieht unsere Zukunft gar nicht rosig aus. Eine Galerie voller Horrorszenarien. | bilder, mehr

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Es fällt nicht schwer, aus diesem Setting eine Gesellschaftskritik abzuleiten: Den Klimawandel mit risikoreichen Chemikalien bekämpfen; unter dem Stichwort "Geoengineering" wird das aktuell vor allem in Nordamerika diskutiert. Die Auswirkungen sind dabei - wie so oft - völlig unklar. Die Hackordnung im Zug ist die Miniaturausgabe des Macht- und Wohlstandsgefälles unserer modernen Welt. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auf, reiche Staaten riegeln sich zunehmend ab und versuchen Einwanderung zu stoppen. Verhandelt wird im Film auch eine lange gehegte Streitfrage der internationalen Politik: Haben nicht alle das gleiche Recht auf Wohlstand und Freiheit?

Spiegel der Gesellschaft

Das Themenspektrum der Katastrophenszenarien in Literatur und Film ist vielfältig: Schriftstellerin Juli Zeh entwirft in "Corpus Delicti" eine Gesundheitsdiktatur mit totaler Überwachung und Ertüchtigungspflicht. "METHODE" heißt die dort herrschende Ordnung, die nur die körperliche Unversehrtheit im Blick hat, Privatsphäre gibt es nicht.

Kampfroboter Ava entwickelt Gefühle und Moral. | Bildquelle: Spendid Films

"The Machine": Kampfroboter Ava entwickelt Gefühle und Moral

Der Independent-Film "The Machine" greift die Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz auf: Militärforscher haben einen intelligenten Roboter gebaut, der plötzlich Moralvorstellungen entwickelt, die gar nicht mit den militärischen Vorgaben übereinstimmen. Auch dieses Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen. Erst Ende 2014 warnte der Physiker Stephen Hawking vor künstlicher Intelligenz als Bedrohung der Menschheit, der Technik-Pionier Elon Musk schlägt in die gleiche Kerbe.

Bestsellerautor Michel Houellebecq greift in "Unterwerfung" die Angst vor der "Islamisierung des Abendlands" satirisch auf - mit Frankreich als Gottesstaat auf Grundlage der Scharia. Wahrscheinlich war es ein Zufall, dass Houellebecqs Buch kurz nach den Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" im Januar 2015 erschien. Trotzdem sah er sich Islamophobie-Vorwürfen ausgesetzt.

So unterschiedlich die Themen auch sind: Dystopien nehmen aktuelle gesellschaftliche Tendenzen auf und übertragen sie überspitzt in die Zukunft. Autoren wie Juli Zeh oder Michel Houellebecq sind scharfe Beobachter der Gesellschaften, in denen sie leben. "Ich denke Entwicklungen zu Ende", sagt Juli Zeh über ihre Bücher. "Dann erst kann man sehen, was dahintersteckt und Entscheidungen abwägen." Der amerikanische Autor Gary Shteyngart avancierte nach seinem Roman "Super Sad True Love Story" zu einem der gefragtesten Analysten der amerikanischen Zustände. Ihm traut man zu, haltbare Prognosen zu geben.

In der Wissenschaft nennt man Zehs und Shteyngarts Methode Szenariotechnik. Zur Abschätzung wird mit Tendenzen aus der Gegenwart weitergerechnet, dann werden verschiedene plausible Szenarien erarbeitet, irgendwo zwischen Paradies und Hölle. In Film und Literatur überwiegt letzteres deutlich. Das beeindruckende Portfolio der Untergangsliteratur macht klar: Der Mensch ist zweifellos in der Lage sich selbst zu vernichten - mit unterschiedlichen Methoden.

Nur nicht an morgen denken

Diese Aussicht weckt in uns eine seltsame Faszination, eine Mischung aus Lust und Angst. Mit ihr hat sich die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn in ihrem Buch "Zukunft als Katastrophe" befasst. Es treibe uns ein ungutes Gefühl um, dass die Zukunft nicht so rosig werde, wie wir uns das Jahrhunderte lang vorgestellt haben, beobachtet Horn. Unsere Existenz ist zerbrechlich, der Glaube an die planbare Zukunft erschüttert. Dystopien können nun versuchen zu erklären, was auf die Menschheit zukommt und wie sich Menschen dann verhalten. Vor allem aber stellen sie eine Diagnose unserer Gegenwart.

Ein Vater (Viggo Mortensen) irrt mit seinem Sohn (Kodi Smit-McPhee) durch ein zerstörtes Amerika. | Bildquelle: Senator Film

"The Road": Ein Vater irrt mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Amerika

In ihrem Buch untersucht Horn, welche Vorstellungen und Erwartungen wir von unseren Mitmenschen im Katastrophenfall haben. Und diese Erwartungen werden immer negativer: Wir begegnen Menschen, die sich gegenseitig fressen und jede Menschlichkeit fahren lassen, wie etwa in Cormack McCarthys "The Road" oder sehen oberflächliche Gesellschaften voller Schönheitswahn und Gier, wie in Shteyngarts "Super Sad True Love Story".

Literatur und Film können eine ferne Zukunft begreifbar machen, die Folgen unseres Handelns fassbar. Darin sieht Horn den Kern der Faszination von Dystopien, denn in den meisten Szenarien entstehe die Katastrophe durch Kontinuität, durch das Weitermachen wie bisher. Die Folgen bleiben aber unklar, zu komplex sind Phänomene wie der Klimawandel oder multiresistente Keime. Erst fiktionale Zukunftsszenarien können die Auswirkungen deutlich machen.

Trotzdem sind die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen: Der Club of Rome prognostizierte schon vor über 40 Jahren eine Grenze der Belastbarkeit des Planeten. Co-Autor Jørgen Randers veröffentlichte 2012 eine Nachfolgestudie, die vorhersagt, dass die Klimaziele der Staaten deutlich verfehlt werden und das wirtschaftliche Wachstum schrumpft. Eigentlich, meint auch Eva Horn, müssten wir also noch viel mehr Angst haben, vor den kleinen Dingen, die wir tun. Denn moderne Kommunikation, Auto fahren, Fliegen und vieles mehr könnten dazu führen, dass die Katastrophen eintreten, die wir jetzt noch lustvoll genießen. Dystopien sind also auch Warnungen. Denn egal ob "Snowpiercer" oder "Unterwerfung", im Hinterkopf wissen wir: Wenn es so kommt, sind wir selbst Schuld.

Stand: 01.02.2016, 13.58 Uhr

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