Gender

Drei Toilettentüren, links Grafik einer Frau, rechts die eines Mannes, in der Mitte Mann und Frau. | Bildquelle: colourbox.de

Interview zur Genderdebatte

Wie viele Geschlechter brauchen wir?

Während immer noch heftig über die Unterschiede zwischen Mann und Frau diskutiert wird, hat sich die Gender-Debatte unversehens um 60 Geschlechtsidentitäten erweitert. Die bietet Facebook seinen Usern an, um ihr Geschlecht individuell zu bestimmen. ARD.de sprach mit dem Genderforscher Prof. Dr. Stefan Hirschauer über die Frage, wie viele Geschlechter wir brauchen.

ARD.de: Knapp gefragt: Wie viele Geschlechter brauchen wir?

Prof. Hirschauer: Darauf kann man antworten: eins, zwei, drei oder viele. Ein Geschlecht, wie es sich etwa in Unisex-Kleidung oder Unisex-Toiletten ausdrückt, ist so gut wie gar keines. Unsere Gesellschaft würde sehr gut funktionieren ohne dass wir Menschen in ihrem Namen, ihrer Kleidung, ihrer Frisur, ihren Tätigkeiten oder als Sexualpartner nach Geschlecht unterscheiden. Das Geschlecht könnte eine belanglose, private Sache sein, etwas, das alle Menschen haben, so wie sie auch einen Kopf, einen Magen, einen Teint haben. Aber es wäre eine Sache, die aus unseren Papieren verschwunden ist und nach der uns keine Behörde mehr fragt.


Prof. Dr. Stefan Hieschauer. | Bildquelle: Prof. Dr. Stefan Hieschauer

Der Experte: Prof. Dr. Stefan Hirschauer

Prof. Dr. Stefan Hirschauer hat eine Professur für Soziologische Theorie und Gender Studies an der Johannes Gutenberg Universität Mainz

Und wieso würde man drei oder viele Geschlechter favorisieren?

Nun, drei Geschlechtskategorien, wie etwa in Australien oder Indien, könnten durchaus eine entspannende Wirkung haben. Nicht nur für Menschen, deren Anatomie nicht so eindeutig ist wie bei den Allermeisten, auch für Menschen, die sich in einer biografischen Phase oder auch ihr ganzes Leben zwischen den Geschlechtern bewegen, z.B. Transgender. Aber auch für Menschen, denen ihre Geschlechtszugehörigkeit verglichen mit anderen sozialen Zugehörigkeiten so unwichtig ist, dass sie nicht ständig von dieser Festlegung behelligt werden wollen.


Australische Lösung

Seit 2011 wird in Australien für Menschen, die mit Merkmalen beider Geschlechter auf die Welt kommen, ein drittes bzw. unbestimmtes Geschlecht anerkannt und in Reisepässen als Geschlechtsmerkmal ein X eingetragen. In Deutschland wurde am 1. November 2013 das sogenannte Personenstandsgesetz geändert: Für Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsorganen muss im Geburtenregister kein Geschlecht mehr eingetragen werden. Ein drittes Geschlecht wir damit nicht anerkannt und auch nicht im Personalausweis eingetragen.

Man kann aber schließlich auch der Meinung sein, es brauche, wie von Facebook angeboten, auch im Alltagsleben ganz viele Geschlechtskategorien. Wir könnten dann unsere Individualität in unserer Geschlechts­zugehörigkeit ausdrücken. Das setzt aber voraus, dass wir wie im 19. Jahrhundert alle möglichen Verhaltensweisen wieder mit einer Geschlechtsbedeutung versehen.

Könnten wir dann nicht auch bei den zwei Geschlechtern bleiben?

Natürlich, und das ist auch die dominante Position. Umstritten ist aber die Bedingung ihrer Akzeptierbarkeit: dass der Umstand, dass die allermeisten von uns als Männchen oder Weibchen zur Welt kommen, keinerlei soziale Folgen hat, uns also nicht notwendig auch zu Männern und Frauen werden lässt. Dass es Menschen also völlig freisteht, welche Sexualpartner sie bevorzugen, welche Berufe, welche Kleidung sie wählen wollen usw. Dann ist Zweigeschlechtlichkeit keine große Einschränkung, sondern nur eine körperliche Trivialität. Und wenn sie doch als Einschränkung erlebt wird, dann bietet unsere Gesellschaft - so wie viele andere vor ihr - die Möglichkeit des Seitenwechsels.

Beruht unsere Vorstellung von nur zwei Geschlechtern auch auf den Erfahrungen in unserem christlich geprägten Kulturkreis?

Der christliche Mythos hat sicher dazu beigetragen. In hinduistischen Mythen oder in den indigenen Ethnien Nordamerikas war man offener für die Zulassung eines dritten Geschlechts.

Und wie wird das Bedürfnis nach Alternativgeschlechtern in anderen Kulturen gelöst?

Fast alle Gesellschaften, die wir historisch oder ethnologisch kennen, haben neben den zwei Standardgeschlechtern verschiedene Formen von Alternativ­geschlechtern eingerichtet, um die Unzulänglichkeit der groben Zweiteilung aufzufangen: Möglichkeiten des Geschlechtswechsels, die viel niedrigschwelliger waren oder sind als unsere Transsexualität es ist; aber auch dritte und vierte Geschlechtskategorien, die ganz verschieden motivierten Menschen offenstehen.

Der Deutsche Ethik-Rat hat schon im Februar 2012 in seiner Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen die Einführung eines dritten Geschlechts gefordert. Was sprach dagegen, eine solche Kategorie einzuführen?

Es gab juristische, aber auch lebensweltliche Vorbehalte gegen die Einführung weiterer Geschlechtskategorien. Es gibt aber auch nach wie vor eine intersexuelle Initiative, die versucht, sich dieses Recht einzuklagen.

Stand: Tue Jun 28 08:00:00 CEST 2016 Uhr

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