Gender - Teil 2

Interview zur Gender-Debatte Teil 2

Biologische Vorstellungen sind wandelbar

Warum wird die Gender-Diskussion nach wie vor so verbissen geführt? Könnten wir nicht einfach die biologischen Unterschiede anerkennen und trotzdem alles dafür tun, dass die Geschlechter gleich behandelt werden? Mit anderen Worten: Müssen wir gleich sein, um gleiche Rechte zu genießen?

Gleiche Rechte müssen durchgesetzt werden, eben weil Menschen sich in so vielen Hinsichten unterscheiden. Aber Ihre Frage unterstellt, dass es die "biologischen Unterschiede" einfach so gibt. Welche das sind und welche Relevanz sie überhaupt haben, ist aber schon innerhalb der Biologie umstritten. Und Wissenschaftshistoriker haben gezeigt, wie wandelbar biologische Vorstellungen sind. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen ethnobiologischen Annahmen. Erst seit dem 18. Jh. haben wir z.B. eine strikt zweigeschlechtliche Anatomie.

Was ist soziologisch betrachtet Geschlecht?

Grundsätzlich besteht unser Geschlecht in einer gesellschaftlichen Klassifikation, die uns einer von zwei Kategorien zuweist. Das ist kein bloß sprachlicher Vorgang, der nicht weiter weh tut. Es ist vielmehr eine Zumutung, die uns als Männern oder Frauen ein bestimmtes Verhaltensspektrum zuweist, ein anderes mehr oder weniger verwehrt. Und dies deshalb, weil die Verhaltensweisen als männlich oder weiblich gelten, also geschlechtscodiert sind.

Aber nicht jeder leidet darunter?

Nein, nur eine Minderheit ist in der Lage, das auch als Zumutung zu erleben, also als eine Unstimmigkeit zwischen ihrer Geschlechtsklassifikation und der Codierung ihres persönlichen Verhaltensstils, ihres Habitus. Diese Menschen stellen sich die Frage: Welches Geschlecht bin ich eigentlich? Sie lassen sich nicht auf die Codes festlegen, sie verlaufen sich sozusagen zwischen ihnen.

Was trägt außer den Menschen selbst noch alles eine Geschlechtsbedeutung?

Das war im 19. Jahrhundert einmal eine ellenlange Liste, sie umfasst aber auch heute noch so Einiges: etwa bestimmte Berufe, Tätigkeiten, Sportarten, Spielzeuge, Nahrungsmittel, Kleidungsstücke und Frisuren, aber auch Verhaltensweisen, Gesten und Gesichtsausdrücke. Wenn all diese Dinge keine Geschlechtsbedeutung mehr haben, wird es uns unmöglich, uns als Frauen oder Männer darzustellen. Unsere Gesellschaft befindet sich auf genau diesem Weg. Sie hat die Geschlechtsbedeutung von Berufen, Verhaltensweisen, sozialen Positionen kontinuierlich zurückgebaut. Es gibt nur noch einen ansehnlichen Rest und damit wird recht verschieden umgegangen.

Inwiefern? Können Sie Beispiele nennen?

Transgender z.B. verhalten sich eher konservativ. Sie stehen in  Konkurrenz zu allen vom Feminismus beeinflussten Lebensstilen. Eine Feministin würde sagen: Ich möchte einfach diesen Beruf ergreifen, jenen Menschen als Sexualpartner haben, diese Verhaltensweisen und jene Gefühle an den Tag legen - ohne dass meine Geschlechtszugehörigkeit irgend ein Hinderungsgrund dafür sein darf. Der Feminismus hat durchaus problematische Seiten, aber sein Kernprogramm ist eine befreiende Abschaffung von Gender Codes. Die transsexuelle Logik funktioniert genau entgegengesetzt: Transgender fordern nicht, auf alle Verhaltensweisen zugreifen zu dürfen, egal welches Geschlecht sie haben. Sie verlangen viel mehr, wenn sie auf bestimmte Verhaltensweisen zugreifen, dann auch als ein bestimmtes Geschlecht anerkannt zu werden.

Die geschlechtliche Identitätssuche lenkt aber auch von der Frage ab, was der Mensch sonst noch alles ist, wodurch er sich definiert?

Sicherlich. So belebend und befreiend die Pluralisierung von Geschlechtskategorien ist, sie mündet doch in recht ärmlichen Beschreibungen von Menschen als Geschlechtswesen. Es ist ein bisschen so wie in der alten Ständegesellschaft, wo man auf die Frage, wer man sei, einfach antwortete: ein Adeliger, ein Bauer, ein Geistlicher - und damit hatte man schon alles Wesentliche über sich gesagt. Unsere spätmoderne Gesellschaft ist aber durch eine ungeheure Individualisierung der Menschen gekennzeichnet, und die wird dadurch ermöglicht, dass wir uns auf Dutzende Weisen selbst beschreiben können: durch Berufe, Hobbys, religiöse und politische Überzeugungen, durch nationale und regionale Herkunft usw. Trotzdem ist die Frage‚ "Was bin ich für ein Geschlecht?" legitim.

Abschließend gefragt: Welchen Stellenwert hat heute der Seitenwechsel?

Es ist nur eine von drei Bewegungen an der Geschlechtergrenze, die zwischen den Verhaltensweisen und Tätigkeiten gezogen wurde. Es ist der zunehmende kleine Grenzverkehr, der neben dem Seitenwechsel inzwischen auch die Ansiedlung im schmalen Niemandsland zwischen den Geschlechtern einschließt. Die zweite, gesellschaftlich wichtigere Bewegung ist aber die Verschiebung der Grenze selbst: was sie jeweils als männlich oder weiblich festlegt. In dieser Grenzverschiebung hat sich der Raum für Frauen übrigens schneller vergrößert als der für Männer. Außerdem gibt es eine Abflachung der Grenzzäune, so dass sich die Grenze viel leichter überspringen lässt. Dadurch gibt es viel mehr Seitenwechsel. Es ist eine massenhafte, undramatische  Bewegung von Frauen in Männerberufe und dominantes Verhalten, von Männern in neue Gefühlsregionen und Ästhetisierungen.

Das Interview führte Ina Mersch

Stand: 26.09.2016, 14.47 Uhr

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