Lässig, slawisch, hip | Jazz in Polen

Krzysztof Komeda am Piano. | Bildquelle: Hans Kumpf

Jazz in Polen

Lässig, slawisch, hip

André Prager

In den letzten Jahren belebt eine Generation junger Musiker den polnischen Jazz aufs Neue. Die Szene zählt nach wie vor zu den aktivsten in Europa. Ein Blick in die Jazzgeschichte Polens, das vom 2. bis 6. November Gastland beim JazzFest Berlin ist.

Wenn sich Martin Weinert an den 3. Juni 2006 erinnert, gerät er schnell ins Schwärmen. An diesem Tag spielte der Bassist zusammen mit seiner Frau, der bekannten Jazz-Komponistin Susan Weinert und dem polnischen Starpianisten Leszek Możdżer auf einem Floß unterhalb der Swiętokrzyski-Brücke in Warschau. Mit dem Auftritt erinnerten die Musiker an den Warschauer Aufstand im Jahr 1944, als sich die polnische Heimatarmee in einem blutigen Kampf gegen die deutschen Besatzer erhob. Mehrere tausend Menschen versammelten sich auf der Brücke, um den Klängen der Jazz-Größen zu lauschen. "Das war ergreifend", sagt der Saarländer. "In anderen Ländern würden die Leute bei einem solchen Ereignis mit Popmusik unterhalten werden, in Polen gibt es Jazz".

"Krakau - ein einziges Dauerfestival"

Martin und Susan Weinert kennen und schätzen die polnische Jazz-Szene.. | Bildquelle: Uwe Bellhäuser/dasBilderwerk

Jazz ist beliebt in Polen – und zwar insbesondere bei Jüngeren. Die Liste der Jazzfestivals scheint schier endlos und reicht von kleineren Veranstaltungen im ganzen Land bis zu international beachteten Festivals, wie dem Warschauer Jazz-Jamboree. Hinzu kommen unzählige Clubs in allen größeren Städten. "Krakau ist die lebendigste Jazzstadt Europas. Mit seinen vielen Kellerkneipen und Clubs ist die Stadt im Grunde ein einziges Dauerfestival", meint der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, Wolfram Knauer.

Jazz-Experte Knauer legt aber Wert auf die Feststellung, dass sich die Begeisterungsfähigkeit der Jazzfans nicht nur auf populäre Stilrichtungen beschränkt. Vielmehr seien sie hungrig auf musikalisch anspruchsvolle Kost. Bereits seit 20 Jahren bricht Bassist Martin Weinert in verschiedenen Formationen nach Polen auf. Er ist sicher, dass die Begeisterungsfähigkeit für die aus den USA stammende Musik auch mit der Mentalität zu tun hat. "Die gehen mit viel Herz an die Musik", sagt er. Zudem führe das Schulsystem im Nachbarland junge Menschen intensiver an Klassik und Jazz-Musik heran als in Deutschland.

"Katabomben-Jazz" als Ausdruck der Freiheit

Für den Musiker ist aber auch klar: Die heutige Popularität ist eng mit der Geschichte des Landes verwoben. Als Volksrepublik in den Ostblock eingebunden, war Jazzmusik ein "Ventil für den Freiheitsdrang der Polen" sagt Weinert. Übereinstimmend schreiben Historiker und Musikexperten vom Jazz als "Fenster in die Freiheit". Zwar kam die Musik bereits in den 1920er-Jahren als Ausdruck eines modernen, weltoffenen Lebensstils in Polen an. Doch der Krieg und die Besatzung des Landes bereiteten der Szene ein jähes Ende.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges blühte Jazz in Polen aber wieder auf. In den Lokalen der YMCA (englisch für: Christlicher Verein junger Menschen) schwangen die Menschen das Tanzbein. "In den frühen Jazz-Clubs trug man eine andere Kleidung, sprach, benahm sich anders und pflegte einen anderen Lebensstil als den offiziell propagierten", schreibt die Historikerin Gertrud Pickhan. Improvisation und Rhythmen des Jazz wurden für die Nachkriegsjugend zum Ausdruck von Freiheit. Das war den kommunistischen Machthabern ein Dorn im Auge. 1949 wurden die YMCA-Clubs in Warschau, Lodz und Krakau dicht gemacht. Die Bewegung ging in den Untergrund und wurde fortan als "Katakomben-Jazz" populär.

1954 - "Polski Jazz" wird geboren

Jazz war Ausdruck des Freiheitsdrangs junger Leute. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Nach Stalins Tod trauten sich viele Musiker wieder in die Öffentlichkeit. Mit dem ersten halboffiziellen Jazzfestival im Jahr 1954, dem Krakauer Allerseelenfestival (Krakowskie Zaduszkie Jazzowe), wurde die eigenständige polnische Jazztradition geboren. Elemente des polnischen Klaviervirtuosen Chopin und volkstümlichen Arrangements wurden zum Kennzeichen des "Polski Jazz", der sich damit ein Stück weit vom amerikanischen Ursprung absetzte. Zwei Jahre später kamen 25.000 Menschen zum ersten internationalen Jazzfest nach Sopot an der polnischen Ostseeküste. Das Zentralkomitee der polnischen Arbeiterpartei beschrieb die Atmosphäre des Festivals als "Zwischending zwischen Chopin-Wettbewerb und Fußballspiel." In Sopot feierte auch der legendäre Pianist Krzysztof Komeda sein Debüt vor großem Publikum.

Krzysztof Komeda trägt die Musik bis nach Hollywood

In den 1960er-Jahren überragte Komeda dann als Jazz- und Filmmusik-Komponist das Geschehen. Bis zu seinem frühen Tod 1969 komponierte er für zahlreiche Roman Polański-Streifen, etwa "Tanz der Vampire" oder "Rosemaries Baby". Sein Album "Astigmatic" - eingespielt 1965 unter anderem mit Tomasz Stańko - gilt als die einflussreichste Jazzplatte in Polen und beeinflusst bis heute junge Musiker.

Adam Makowicz, Tomasz Stańko, Michal Urbaniak, und Jan "Ptaszyn" Wroblewski - so hießen die Stars der 1970er-Jahre. Mit ihrem virtuosen Spiel begeisterten sie die Jazzfans in Ost und West gleichermaßen und genießen bis heute Kultstatus. Das 1981 verhängte Kriegsrecht zwang dann eine Reihe von Musikern ins Exil. So auch Janusz Stefański, der sich zu dieser Zeit für Aufnahmen in Frankfurt befand und dort blieb. Später gründete er mit dem ebenfalls emigrierten Leszek Zadlo das "Polski Jazz Ensemble". Trotz der angespannten Situation konnte Jazz-Legende Miles Davis 1983 im Warschauer Kulturpalast auftreten. Überhaupt war die Szene trotz Eisernen Vorhangs gut vernetzt. Martin Weinert erinnert sich, dass Ende der 1980er-Jahre in der "Gießkanne", einem Saarbrücker Jazzclub, etliche polnische Musiker auftraten. Dadurch kam ein reger musikalischer Austausch zustande. "1991, kurz nach der Wende haben wir dann gleich die erste kleine Tour durch Polen gemacht", sagt er. Die Kontakte und Freundschaften bestehen bis heute.

Slawische Melancholie trifft auf Chopin

In den letzten Jahren belebt eine Generation junger Musiker den polnischen Jazz aufs Neue. Die Szene zählt nach wie vor zu den aktivsten in Europa. Sie besticht durch eine bunte Mischung der musikalischen Legenden, den vielen Talenten und ehemaligen Exilmusikern, die Erfahrungen anderer Länder in die polnische Musiklandschaft einfließen lassen. Für Jazz-Experte Wolfram Knauer zeichnet sich der "Polski Jazz" durch "slawische Melancholie" und den Einfluss Chopins aus. "Die polnische Szene reicht an ihren Maximalpolen von Stimmungsorientierung bis zur klassischen Virtuosität", meint Knauer. Polnische Musiker seien dabei stilistisch sehr offen, sagt Martin Weinert, der immer wieder gern in das östliche Nachbarland fährt um an Konzerten und Workshops teilzunehmen.

Der nächste Termin steht für ihn schon im Kalender: Zusammen mit seiner Frau wird Weinert am 29. Oktober beim Krakauer Allerseelenfestival auftreten. Jener Veranstaltung, die vor über 50 Jahren den Startschuss für eine muntere Jazzszene gab. Bis heute geht das Fest jedes Jahr kurz vor Allerheiligen über die Bühne.

2003 war der US-Pianist Keith Jarrett in Warschau - damals prognostizierte die Zeitschrift Tygodnik Powszechny für Polen: "Vielleicht liegt die Zukunft dieser amerikanischen Musik in Europa." Heute steht fest: Rock und Pop sind auf dem Vormarsch; doch Jazz ist nach wie vor fester Bestandteil polnischer Kultur.

Stand: Fri Oct 28 10:57:00 CEST 2011 Uhr

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