Wachsgöttin aus der Gosse | Porträt über Marie Tussaud

Honecker-Wachsfigur, Geri Halliwell steht neben ihrer Wachsfigur, Wachsfigur von Michael Jackson. | Bildquelle: picture-alliance/dpa, Kombo: ARD.de

250 Jahre Marie Tussaud

Wachsgöttin aus der Gosse

Georg Wendt

Marie Tussauds Kabinette sind weltbekannt. Wer aber war jene Madame hinter den Wachsfiguren? Eine Spurensuche über den Aufstieg einer verachteten Halbwaise zur gefeierten Künstlerin, um die sich zahlreiche Legenden ranken.

In einer Welt, in der die Herkunft alles bedeutete, war sie ein Nichts. Ihre Mutter arbeitete als Dienstmädchen, ihr Vater starb früh und und stammte noch dazu vermutlich aus einer Familie des wenig respektierten Scharfrichterstandes. Am 7. Dezember 1761 wurde sie in Straßburg auf den Namen Anna Maria Grosholtz getauft. Das Mädchen hatte nicht viel von ihrem Leben zu erwarten.

Kurz nach Maries Geburt nahm ihre Mutter eine Anstellung bei dem Arzt Philippe Curtius in Bern an. Der Arzt genoss einen zweifelhaften Ruf: Seine anatomisch korrekt gefertigten Wachsfiguren dienten weniger der medizinischen Lehre als vielmehr der Befriedigung pornografischer Gelüste. Besonders im genusssüchtigen Paris, in das Curtius 1763 zog. Und wohin Curtius fünf Jahre später Marie und deren Mutter nachkommen ließ.

Der schöne Schein im hellen Wachs

Paris in jenen Jahren war süchtig: Nach dem Schönen, dem Teuren und dem Neuen. Die ständig wechselnden Moden des Hochadels befeuerten eine ungeheure Konsumlust. Besonders das wohlhabende aber politisch bedeutungslose Bürgertum imitierte die "Haute Couture" des gesellschaftlich dominierenden Adels. Und ganz gleich ob absurd hohe Perücke oder bunte Schnupftabakdose: In Curtius Kabinett auf dem Boulevard du Temple konnten die zahlenden Besucher die neuesten Moden an der wächsernen Haut der Königsfamilie bewundern. Die immer wieder neu formbare Wachskunst passte besser zum Zeitgeist steten Wandels als die altehrwürdige und statische Bildhauerei.

Die inzwischen jugendliche und wenig attraktive Marie Grosholtz passte kaum in diese Welt des schönen Scheins. Curtius aber förderte das junge Mädchen. Vielleicht aus väterlichen Gefühlen. Vielleicht, so spekulieren Biografen, weil er gar der uneheliche Vater war. In seiner Werkstatt führte Curtius Marie in die Kunst des Wachsmodellierens ein (siehe "Das Wachsmodellieren"). Und sie begriff rasch, dass es mehr als lebensechter Wachsfiguren bedurfte, um die Aufmerksamkeit des zahlenden Publikums zu erregen.

Revolutionsterror und der Sprung an die Themse


Das Wachsmodellieren

Zunächst fertigt der Wachskünstler eine detaillierte Zeichnung des Originals an, die er dann in einem Tonporträt räumlich rekonstruiert. Von dieser tönernen Basis nimmt er dann eine Gipsform, in die er anschließend heißes Wachs eingießt, um nach dem Erhärten die Gipsform wieder zu entfernen. In dieses Wachsmodell setzt der Künstler durch lokales Erwärmen Zähne, Augen und Haare ein und sorgt für eine lebensechte "Hautfarbe". Schließlich kann dem Modell die Kleidung der neuesten Mode angelegt werden.

Die gekonnte Inszenierung von Bewerbung und Vermarktung der Ausstellungen wurde zu Maries Spezialität. Sie hatte ein feines Gespür dafür, in welche Richtung sich die Meinung der Massen bewegte. Und reagierte darauf blitzschnell. Überlebenswichtig wurde das zu Beginn der Französischen Revolution im Jahr 1789. Marie verwandelte gemeinsam mit Curtius die seichten Wachsfigurenausstellungen in ein politisches Kabinett. Statt die aktuellen Moden an royalen Trendsettern zu bewundern, informierten sich die Besucher nun über die neuesten politischen Helden der Revolution. Und erschauderten mit Wonne bei dem Anblick der ermordeten Königsfamilie, von deren Köpfen Curtius und Marie Wachsmodelle angefertigt hatten.

So überlebten Marie Grosholtz und ihr Wachskabinett, das sie 1794 von Curtius geerbt hatte, die Jahre des Großen Terrors, in denen viele Bürger als "Konterrevolutionäre" den Tod fanden. Doch das Aus in Paris für Madame Tussaud, wie sie nach ihrer Heirat mit dem Ingenieur François Tussaud hieß, folgte trotzdem schon wenige Jahre später. Das junge und vergnügungssüchtige Bürgertum, das nach der Terrorherrschaft als "Jeunesse dorée" in Paris den Takt angab, interessierte sich nicht mehr für Tussauds Wachsfiguren. In arger finanzieller Bedrängnis wagte Marie Tussaud 1802 den Sprung nach England.

Legendenweben in London

Hinrichtung Ludwigs XVI.. | Bildquelle: wikimedia

In London und bei Tourneen in ganz Britannien präsentierte Tussaud im Gefolge von Schaustellern und Illusionisten ihre "lebensechten" Figuren von Ludwig XVI., Marie Antoinette und Maximilien de Robespierre dem staunenden Publikum. In den Jahren der Napoleonischen Kriege war das Interesse für französische Themen besonders groß. Vielleicht vermarktete Tussaud deswegen ihre Kabinette auch mit der Behauptung, sie wäre persönlich bekannt mit den historischen Vorbildern ihrer Wachsfiguren gewesen: Verehrt von Voltaire und Benjamin Franklin, eng befreundet mit der Schwester des Königs. Und sie würzte ihre Erzählungen mit den prominentesten Gräueltaten der Französischen Revolution, deren Zeugin sie angeblich gewesen war.

Die vermeintliche Authentizität der Zeitzeugin Tussaud trug dazu bei, ihrem Wachsfigurenkabinett in Britannien zum Durchbruch zu verhelfen. Im Spätsommer 1835 eröffnete das erfolgreiche Familienunternehmen "Madame Tussaud und Söhne" die nobel ausgestatteten Ausstellungsräume in der Baker Street. Ganz nahe dem Ort, wo noch heute ihr Kabinett zu finden ist. Heute besitzt der Unterhaltungskonzern "Tussauds Group" elf Wachsfigurenkabinette in Städten wie New York, Shanghai oder Berlin und betreibt auch das weltgrößte Riesenrad London Eye. Und beruft sich noch immer auf das Erbe einer Frau, die – vor 250 Jahren als Anna Maria Grosholtz geboren – herzlich wenig von ihrem Leben zu erwarten hatte.

Stand: Tue Dec 06 14:05:00 CET 2011 Uhr

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