"Muammar, hau ab!" | Rap-Musik und der arabische Frühling

Demonstration gegen Gaddafi / Ausschnitt aus einem Musikvideo von 17 Feb Revolution/Rap;. | Bildquelle: 17 Feb Revolution/Rap

Rap und Revolution

"Muammar, hau ab!"

Meike Büchner

Was hat die jungen Menschen in Libyen, Ägypten und Tunesien dazu gebracht, plötzlich gegen ihre Despoten auf die Straßen zu gehen und Gaddafi, Mubarak und Ben Ali aus ihren Ämtern jagen zu wollen? Sicherlich Wut, Frustration und Freiheitsliebe - aber auch ein weiterer wichtiger Faktor: Rap-Musik.

Wer in diesen Tagen (Beitrag vom 13. Mai 2011) durch die libysche Rebellenhochburg Bengasi geht, der wundert sich: Aus Autoradios wummert Gangster-Rap, und Handys "klingeln" mit arabischem, von schweren HipHop-Bässe unterlegtem Sprechgesang.

Die Aufstände in Libyen haben nicht nur die Städte im Osten des Landes der Kontrolle Gaddafis entzogen, sondern auch die Musik, hat ARD-Korrespondentin Esther Saoub beobachtet.

Vom Verkehrslärm einmal abgesehen, war es vor der Revolution still auf den Straßen, aus Angst vor Repressalien waren die Menschen leise und zurückhaltend, berichtet Saoub. Es gab zwar Rapper, aber sie probten hinter verschlossenen Türen oder in Kellern. An öffentliche Konzerte etwa war nicht zu denken, erzählt der Lehrer und Musiker Mahmud Buschaala: "Unsere Musik war verborgen. Ich selbst wollte nicht auftreten, solange Gaddafi an der Macht war. Er hat die Kunst begraben."

Worte als Munition

Das Victory-Zeichen und die rot-schwarz-grüne Flagge stehen für die libysche Revolution.. | Bildquelle: ARD / Esther Saoub

Doch mit der Revolution sind die oft noch jugendlichen Rapper aus ihrem Schattendasein herausgetreten. Sie klagen in ihren Songs die Herrschenden um den Gaddafi-Clan an, sie verleihen der Wut, der Frustration und der Sehnsucht nach Freiheit Ausdruck. Rap ist der Sound der Umwälzungen.

Die Journalistin Leela Jacinto hat für die Webseite des französischen Auslandsfernsehens France 24 drei Mitglieder der Gruppe "Revolution Beat" in einem kleinen Musikstudio in Bengasi getroffen. Im Hintergrund prangt die rot-schwarz-grüne Fahne der Aufständischen, aus den Boxen dröhnt Rap. Mutaz, 23, Islam, 21, und Youssef, 24, bewegen sich zum Rhythmus der Musik und spreizen Zeige- und Mittelfinger zum Victoryzeichen. Als der Refrain einsetzt, sprechen sie lauthals mit: "Das ist die Revolution! Der Höhepunkt des Sieges! Freiheit für das freie Volk!"

Ihre Musik ist eine Waffe, ihre Worte sind Munition. Rap hat von Anfang an eine bedeutende Rolle beim Volksaufstand gespielt. Auf YouTube ruft ein Sänger seinen Landsleuten zu, sie sollten der Welt zeigen, dass auch die Libyer demonstrieren können wie zuvor die Menschen in Tunesien und Ägypten. Der Song verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter Libyens Jugend, selbst vom Regime veranlasste Internetsperren konnten ihn nicht aufhalten, er ging über USB-Sticks von Hand zu Hand und über MMS-Nachrichten von Handy zu Handy.

Rapper riefen zum Aufstand auf

An einer Hauswand in Bengasi prangen Graffiti mit Kampfparolen.. | Bildquelle: AP-Foto / Bengasi

In Ägypten und Tunesien war es zuvor ähnlich: Noch bevor die Aufstände losbrachen, riefen dort Rapper über YouTube und Facebook öffentlich zum Kampf für Demokratie und gegen Unterdrückung auf. Eine zentrale Rolle fiel dabei dem tunesischen Pharmaziestudent Hamada Ben Amor alias El Général zu, dessen Texte hierzulande - wäre er hier bekannt - vor allem deshalb auf Ablehnung stoßen würden, da sie bisweilen antisemitische Ressentiments enthalten.

Bei der tunesischen Jugend hat er es jedoch zu Popularität gebracht. Tausende Nutzer luden sich seinen Song "Rais lebled" – "Der Chef meines Landes" – herunter, nachdem er diesen im vergangenen Herbst ins Netz gestellt hatte, und verbreiteten ihn im ganzen Land. Journalist Jonathan Fischer hat in der Maiausgabe des Magazins "Musikexpress" berichtet, dass Zitate aus diesem Song plötzlich an Hauswänden prangten.

"Herr Präsident, Menschen verhungern"

Der Rap wiegelte die jugendlichen Hörer auf, er trug dazu bei, die Spannung zu steigern, bis ein Funke das Pulverfass zum Explodieren brachte. El Général klagte Armut, Polizeigewalt und den damaligen tunesischen Präsidenten Ben Ali an und sprach somit offen aus, was viele zuvor nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagten:

"Herr Präsident, Menschen verhungern, sie wollen arbeiten, aber niemand hört sie, gehen Sie auf die Straße und sehen Sie selbst, dass die Menschen zu Tieren geworden sind, sehen Sie die Polizisten mit ihren Schlagstöcken, takatak, sie scheren sich einen Dreck, weil es niemanden gibt, der sie stoppt, nicht einmal die Verfassung, jeden Tag höre ich von Gerichtsverfahren, in denen die Armen betrogen werden."

Stromsperre

Tunesische Jugendliche erzwangen im Januar 2011 den Rücktritt Ben Alis.. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die Jugend bildet in den nordafrikanischen Ländern die Mehrheit der Bevölkerung, fast 60 Prozent sind unter 30 Jahren. Diese Altersgruppe ist offen für die in Raps transportierten Botschaften, insbesondere dann, wenn in ihnen offene Gesellschaftskritik geübt wird. Kein Wunder also, dass die Machthaber die Musiker fürchteten.

So berichtet Musikjournalist Jonathan Fischer im Magazin "Musikexpress", dass die Polizei dem 29-jährigen ägyptischen Rap-Musiker Raqib bei einem Konzert den Strom abdrehte und den Saal räumte, nur weil er einen Vers auf das Wort Korruption gereimt hatte. Das geschah allerdings, als Mubarak noch Staatspräsident war.

Heute träumt Raqib von einem Leben als Rap-Star, dickes Auto und eine prall gefüllte Geldbörse inbegriffen – eben genau so, wie er es in US-amerikanischen Musikvideos kennengelernt hat. Und das alles natürlich in einem freien, demokratischen Ägypten. In seinem Song "7kayet seyassa" beschwört Raqip seine Landsleute, sich nicht von Politikern spalten zu lassen, sondern als ein Volk zusammenzustehen.

"Muammar, hau ab!"

Das Video zum Song ist professionell produziert und auf YouTube großspurig mit "Official Revolution Video" untertitelt - doch mehr als ein paar Tausend Klicks verzeichnet der Clip bislang trotzdem nicht. Das könnte daran liegen, dass es in Ägypten mittlerweile kaum mehr einen Popstar gibt, der nicht seine eigene "Hymne" auf den 25. Januar, den "Tag des Zorns", verfasst hat. Und den meisten Ägyptern sind die schweren Gangsta-Rap inspirierten Beats wohl auch zu heftig: So wichtig Rap für den Aufstand gegen das Mubarak-Regime auch war, die Mehrheit der jungen Ägypter steht immer noch auf arabischen Pop.

Die Rapper in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi dagegen bestreiten vehement, an Geld und Karriere zu denken. "Wir machen das für unser Volk", sagt Mutaz. Mit seiner Musik will er die Menschen ermutigen, durchzuhalten. Menschen wie den Rebellen Jaad Jumaa Hashmi, den Sebastian Abbot von der Nachrichtenagentur AP im Norden Libyens getroffen hat.

Im Radio läuft gerade der Rapsong "Jugend der Revolution" der Rapgruppe "Music Masters". Der 27-Jährige dreht das Radio in seinem Pickup auf volle Lautstärke: "Muammar, hau ab! Verschwinde! Das Spiel ist aus! Ich bin ein großer, großer Soldat!" Jaad Jumaa Hashmi ist auf dem Weg an die Front. "Die Texte drücken unsere Suche nach Freiheit aus und motivieren uns", sagt er.

"Die Revolution wird niemals sterben"

Rapper posieren in Bengasi vor einem al-Mukthar-Banner. | Bildquelle: AP-Foto / Ben Curtis

Im Kampf gegen Muammar al-Gaddafi sind bereits Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen gestorben. In Videos auf YouTube zeigen die Musiker Bilder von getöteten Demonstranten, singen von Märtyrern, deren Blut nicht umsonst geflossen sein dürfe. Auch den Leitspruch der libyschen Revolution deklamieren sie in ihren Texten: "Wir siegen oder sterben!"

Diese Parole stammt vom Widerstandskämpfer Omar al-Mukthar aus Bengasi, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts einen Guerillakrieg gegen die italienischen Kolonialherren führte und von diesen 1931 exekutiert wurde. Vor allem im Osten Libyens, wo die Aufständischen die Kontrolle übernommen haben, wird al-Mukthar bis heute als Nationalheld verehrt, er gilt als Vorbild im Kampf gegen den Unterdrücker Gaddafi. Das spiegelt sich auch in Mutaz' gerappten Worten wider: "Ich habe keine Angst. Das Volk stirbt vielleicht, ich sterbe vielleicht, aber die Revolution wird niemals sterben."

Stand: Fri May 13 16:20:00 CEST 2011 Uhr

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