Rappen für die Freiheit | HipHop in der DDR | Artikel

Besucher des Rap-Contests in der Tonhalle in Radebeul. | Bildquelle: Here we come

HipHop in der DDR

Rappen für die Freiheit

Rachel Schröder

Sie trugen selbstgenähte Trainingsanzüge, bauten sich Gettoblaster aus Monorecordern und bewegten sich wie Roboter: mit der aus dem Westen importierten HipHop-Subkultur träumten DDR-Breakdancer von der Freiheit - während die Stasi bestimmte, wer auftreten durfte.

Anfang der 80er Jahre, lange, bevor es HipHop-Songs mit deutschen Texten gab, strahlen das Erste und das ZDF erstmals Sendungen aus, in denen junge Leute in Trainingsanzügen komische Verrenkungen machen: US-amerikanischen Breakdance, importiert aus den Schwarzengettos von New York. In westlichen Jugendclubs eine Modewelle, ist es für junge Leute in der DDR eine Offenbarung, ein Hauch von Freiheit, von Anderssein und Rebellion.


"Der Höhepunkt war mein aus dem Stand gesprungener Wurmschwung, von dem aus ich auf dem Bauch quer durch den Raum schnellte. Als ich sprang und mich mit den Händen abstützen wollte, rutschte ich wegen der glatten OP-Handschuhe weg und flog auf die Nase."(Jochen Schmidt in der "tageszeitung")

In Leipzig, Berlin und Dessau, Städten, die sich nach und nach als HipHop-Hochburgen der DDR hervortaten, gründen sich Bands wie B-Side the Norm, Hahny's Break Crew, Dynamics, Big City Breakers und Stretch Breakers ("Strech", weil niemand wusste, wie man "Scratch" schreibt).

Man übt roboterartige Bewegungen vor dem Spiegel und heimlich auf der Straße, kauft ausrangierte Plattenspieler aus Tschechien, übt sich im Scratchen auf alten Märchen- und Pionierliederplatten und bastelt Getto-Blaster aus Monokassettenrecordern. Trainingsanzüge und selbstgemachte bunte Schnürsenkel werden mit Adidas- und Puma-Logos bedruckt. Turnschuhe sind Mangelware. Wenige Glückliche bekommen sie in Westpaketen zugeschickt.

"Dekadente, imperialistische Subkultur"

Automatic Freaszy Crew.. | Bildquelle: Here we come

Die Funktionäre des DDR-Kulturbetriebs stehen der neuen Welle aus dem Westen mit Skepsis gegenüber. Man ist überzeugt: die Kultur des HipHop kann nicht verboten, deren Verbreitung über Radio und TV schließlich nicht verhindert werden. "Der eiserne Vorhang war schon seit den 50er Jahren durchlässig", sagt der Historiker Leonard Schmieding gegenüber ARD.de. Also versucht das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi), sich mit den "Auswüchsen" westlicher Kulturimporte zu arrangieren.

Was als "negativ dekadente", "feindlich imperialistische" Subkultur beginnt, wird bald als "akrobatischer Showtanz" eines "Volkskunstkollektivs" vom SED-Regime instrumentalisiert. Breakdancer, die öffentlich tanzen oder rappen wollen, sagt Schmieding, müssen sich um eine so genannte Einstufung bewerben und vortanzen: Wer vom Komitee für Unterhaltungskunst nicht als "langweilig" eingestuft wird, sondern eher mit "beeindruckenden akrobatischen Leistungen" brilliert, kann mit Breakdance sogar offiziell Geld verdienen, wahlweise in freiberuflicher oder hauptberuflicher Tätigkeit.

Gezahlt werden zum Beispiel zwischen 70 und 130 Mark für einen Auftritt, allerdings nur bei öffentlichen FDJ-Veranstaltungen. Hier kommt es dann schon mal vor, dass hohe Tiere des Politbüros im Publikum sitzen. Wer verbotenerweise öffentlich tanzt, wird vertrieben und von der Polizei belehrt.

Breakdance als kollektiver Volkssport

Auftritt der Big City Breakers. | Bildquelle: Here we come

Mit der Bürokratisierung bereitet das DDR-Regime einer Jugendkultur den Boden, ohne ihre Ideale von Freiheit und Selbstinszenierung zu durchschauen. Das beginnt schon bei den durchweg englischen Texten, die kaum jemand versteht. Die Stasi lässt sich darum regelmäßig die kryptischen Chiffren der Jugendkultur "übersetzen".

Bis zum Wendejahr 1989 versucht das Regime, IMs (inoffizielle Mitarbeiter) zu werben und gezielt in die Szene einzuschleusen. Meist mit mäßigem Erfolg. Breakdance war für die Jugend in der DDR nicht nur Ausdruck von Rebellion, sondern Selbstinszenierung pur, ein Weg, sich von der gleichgeschalteten "Masse" abzuheben. Breakdance als kollektiver Volkssport, so Schmieding, war die beste Tarnung für die im Sozialismus verpönte Erhöhung des Individuums.


Leonard Schmieding ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Leipzig und Mitveranstalter der Ausstellung "The Early Days – Die Geschichte der HipHop-Kultur in der DDR". Er promoviert derzeit über das Thema "Hip-Hop in der DDR" an der Universität Leipzig.


Nico Raschicks Dokumentarfilm "Here We Come" erzählt die Geschichte der Breakdance- und HipHop-Kultur in der DDR und vermittelt, so der Filmemacher, "ein sehr persönliches Gefühl für den ganz normalen Alltag", jenseits der verklärenden Ostalgiewelle.

Alle in diesem Beitrag verwendeten Bilder waren bis zum 15.07.2007 in der Ausstellung "The Early Days" in der Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) Leipzig zu sehen. Die Ausstellung wurde mit Mitteln der Stiftung Aufarbeitung gefördert und war ein Gemeinschaftsprojekt vom Steinhaus e.V. Bautzen und der Lehreinheit Geschichtsdidaktik an der Universität Leipzig.

Stand: Thu Jul 03 15:51:00 CEST 2008 Uhr

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