Mit Perlen gegen Säue | Der Sinti-Künstler Alfred Ullrich | Porträt

Porträtfoto des Dachauer Künstlers Alfred Ullrich;. | Bildquelle: Sebastian Keuth

Kunst der Sinti und Roma

Mit Perlen gegen Säue

Sebastian Keuth

Sein Bruder und seine Großeltern starben ebenso in einem KZ wie viele andere seiner Familienmitglieder, die von den Nazis als "Zigeuner" verfolgt wurden. Als Aktions- und Installations-Künstler hat der Dachauer Sinto Alfred Ullrich nicht nur seine traumatische Familiengeschichte aufgearbeitet, sondern er kämpft mit seinen Werken auch gegen hartnäckige Vorurteile an.

Er setzt ein paar Mal an, den Traktor zu überholen. Dann lässt er es lieber. Sein alter 3er-BMW zieht nicht mehr so richtig. Knapp 400.000 hat er auf dem Tacho. So klimpern die winzigen Glaspepperoni, die an einer Kette vom Rückspiegel baumeln, weiter in ruhigem Takt. "Schönes Zigeunerklischee, nicht wahr?" sagt Alfred Ullrich in breitem Wienerisch. Die Metallzinken des Heuwenders vor ihm durchkämmen Dachauer Landluft.

Auf der Beifahrerseite ziehen Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers vorbei: Stacheldraht, Wachtürme, Baracken und SS-Villen. Ullrich kennt die Region, hat sich durch Akten des Dachauer Stadtarchivs gelesen.

Zwanzig Minuten später knirschen die Reifen auf dem Schotter seiner Hofeinfahrt, dann die Handbremse. Stille, durch die die ersten Schwalben sirren. Seit 30 Jahren lebt Ullrich auf einem Bauernhof bei Dachau im Münchner Umland. Mittlerweile ist er hier beinah verwurzelt. Der 63-Jährige ist Mitglied der "Künstlervereinigung Dachau", vor Jahren engagierte er sich hier für die Errichtung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte.

Unterwegs ist Ullrich diesen Sommer dennoch viel: In Utrecht, Wien, Prag und Venedig präsentiert er seine Arbeiten. Im Rahmen der Wiener Festwochen und der von Suzana Milevska kuratierten Ausstellung "Roma Protocol" im Presseraum des österreichischen Parlamentes etwa. Im Juni wird er seine Werke - als erster Künstler aus dem Landkreis Dachau - auf der Biennale in Venedig ausstellen. Der eigene Pavillon, mit dem Roma-Künstler seit 2007 vertreten sind, geht in die zweite Runde. "Call the Witness" wird das Roma-Projekt im Unesco-Gebäude Palazzo Zorzi heißen.

Kindheit im Planwagen

Im Erdgeschoss eines alten Bauernhauses hat der Künstler eine kleine Druckwerkstatt eingerichtet. Feuchtigkeit kriecht aus den alten Gemäuern. Auf einem Pult warten Tiefdruckfarbreste darauf, in die Druckplatten gerieben zu werden. Manchmal stellt Ullrich seine Farbe sogar selbst her: aus Pigmenten, Leinöl und Schmierseife. Tiefes Himmelblau verwendet er viel. Die Walzen nehmen Papier und Druckplatte in die Mangel und pressen die Farbe tief in die aufgeweichten Fasern. In Form eines mit groben Strichen gezeichneten Wohnwagens etwa, den eine von Ullrichs Kupferdrucken zeigt.

"Bis zu meinem neunten Lebensjahr habe ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern an der Peripherie Wiens in so einem 'Plachenwagen' gelebt", sagt er. Dann bekam die Mutter eine Sozialwohnung mitten im Stadtzentrum von Wien. Da habe die Begegnung mit dem Bildungsbürgertum natürlich nicht so sehr im Vordergrund gestanden - dafür die mit der Bohème. "Ich hab aber nicht gewusst, dass die anderen, die da in den Cafés saßen, nebenbei noch studiert haben. Damals habe ich gemeint, das Leben besteht aus Caféhausgehen, Partys und Demonstrieren."

Ullrich steigt die Treppe hinauf in einen lichtdurchfluteten Raum im Obergeschoss. In den Schubladen mehrerer Planschränke schlummern seine gesammelten Druckgrafiken.

Leben in einer vom Schmerz geprägten Geschichte

Nach kaufmännischer Berufsschule und Jahren des Tramperdaseins zog Alfred Ullrich Anfang der 1970er-Jahre nach München. Ein neuer Reisepass war fällig, und den gab es nur mit einem festen Wohnsitz. Er fand Arbeit als Bühnenarbeiter an Münchner Theatern. Bei einem befreundeten Künstler konnte er wohnen und in der "Werkstatt für manuelle Druckverfahren" Kenntnisse erwerben. "Mit der Zeit führte das zu einer eigenständigen künstlerischen Tätigkeit," erzählt er, während seine vom rauen Metall und Lösungsmitteln zerfurchten Hände ein neues Blatt aus dem Stapel ziehen.

"So habe ich damals angefangen, eher mit spielerischen, lyrischen Sachen. Das hab ich jetzt durchgespielt, es gibt genügend andere, die sich mit ästhetischen Fragen auseinandersetzen. Jetzt geht meine Tendenz eigentlich wieder ins Gröbere." Das sind Kupferplatten, in die Ullrich tiefe Furchen kratzt - gitterförmig.

Seine Kunst lebt in diesem Spannungsfeld zwischen Idylle und Grobheit. Durch das Schicksal seiner Mutter lebt er auch in einer Geschichte, die von Schmerz geprägt ist: Sie verlor in verschiedenen Konzentrationslagern ihre Eltern, einen Sohn und zwölf ihrer sechzehn Geschwister. "Das Trauma meiner Mutter hat sich uns von Kindesbeinen an so mitgeteilt, dass das ein Teil meiner Lebensstruktur wurde." Die Mutter spricht im Alter kein Deutsch mehr - nur noch die Sprache der Sinti.

Nach 20 Jahren Künstlerdasein im Dachauer Umland stellt Alfred Ullrich fest: Mit den Mitteln der Druckgrafik allein kann er seine persönliche familiäre Geschichte nicht aufarbeiten. Also beginnt er mit Aktionskunst, fotografiert oder arbeitet mit der Videokamera. In das abstrakte Spiel mit Strukturen drängen sich immer mehr gesellschaftliche Inhalte.

Stand: Fri May 27 15:53:00 CEST 2011 Uhr

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