"Man nennt mich den jungen Pablo"

Künstler und Kunstfälscher Edgar Mrugalla 2007 bei einer Ausstellung seiner Bilder;. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Interview mit Kunstfälscher Edgar Mrugalla

"Man nennt mich den jungen Pablo"

Der Fälschungsskandal um die dubiose Jägers-Sammlung schockierte die Kunstwelt. Die Strippenzieher flogen auf. Zu Recht, sagt Edgar Mrugalla, der "König der Kunstfälscher". Im ARD.de-Interview erklärt der routinierte Picasso-Fälscher, wie es auf dem Fälschermarkt zugeht, wie er einst selbst aufflog und in welchem Museum vielleicht eine Fälschung von ihm hängt.

ARD.de: Herr Mrugalla, welches Meisterwerk haben Sie zuletzt gefälscht?

Edgar Mrugalla: Das war Picasso, "Das karge Mahl".

Wann war das?

Als ich aufgeflogen bin, das ist 23 Jahre her. 1987. Danach habe ich es für die damalige Sonderkommission gefälscht. Ich habe der Kripo zugearbeitet, um die Kunsthändler, die damals Fälschungen auf den Markt gebracht haben, dingfest zu machen.

Haben Sie einen Lieblingskünstler, den Sie besonders gerne gefälscht haben?

Ja, an sich hab' ich immer gerne Picasso gemacht.

Liegt das daran, dass Ihnen der Maler besonders lag oder war die Nachfrage danach besonders hoch?

Edgar Mrugalla 2003 vor einer Fälschung des Gemäldes "Le Moulinde la Galette" von Pierre-Auguste Renoir. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Edgar Mrugalla 2003 vor einer Fälschung des Gemäldes "Le Moulinde la Galette" von Pierre-Auguste Renoir

Ja, die Nachfrage war hoch und ich habe vor Picasso auch wirklich Hochachtung. Man nennt mich ja auch schon den jungen Pablo.

Was hat Sie angetrieben, Kunst zu fälschen? War das eher das Geld oder gab es auch den Kick, nicht erwischt zu werden?

Also die Nummer war ja die gewesen: Ich musste meine Familie ernähren. Ich habe ja nie Gewinnsucht gehabt.

Wie sind Sie selbst denn zur Malerei gekommen?

Damals, Anfang, Mitte der 1960er-Jahre, in meiner Trödelladen-Zeit, hat mir ein Kunsthändler, einer von diesen Unterwelt-Menschen, einen echten Kaspar David Friedrich, "Greifswald bei Sonnenaufgang", eins der teuersten Bilder, abgeluchst. Für 150 Mark. Später ist das Bild dann versteigert worden.


Edgar Mrugalla wurde 1938 in Berlin geboren. Nach 1952 arbeitete er in mehr als dreißig Berufen wie z.B. Heizer, Preisboxer, Kohle-, Öl- und Zeitungsfahrer. 1968 gründete er eine Entrümplungsfirma und eröffnete einen Trödelladen. 1969 begann er, sich mit Malerei und Restaurierung zu beschäftigen. Dreizehn Jahre lang, bis er 1987 aufflog, fertigte er im Auftrag von diversen Kunsthändlern tausende Fälschungen an. Etwa 1.500 davon sind noch immer im Umlauf. Heute schafft er seine eigenen Werke, etwa das Alte Testament im Stil von Chagall. Er lebt bei seiner Tochter in Düsseldorf.

Für wie viel?

Ich bin nie dahinter gekommen. Aber weit über eine Million.

Hat Sie das so geärgert, dass Sie angefangen haben, zu fälschen?

Nicht gleich. Ich habe erstmal gelernt, Maltechniken zu fälschen und mir überlegt, in welches Jahrhundert könnte dieses oder jenes reinpassen. Das kam ganz gut. Und da waren Leute bei mir, die alle möglichen Geschäfte gemacht haben. Die haben gesagt, du kannst für uns arbeiten und denn auch ein ordentliches Geld haben. Das hat sich aber ganz anders entwickelt.

Erich Heckel: "Stehendes Kind" (Fränzi stehend). Holzschnitt in Schwarz, Grün und Rot, um 1911 (37,5 x 27,8 cm). | Bildquelle: picture-alliance/dpa/akg-images

Erich Heckel: "Stehendes Kind" (Fränzi stehend). Holzschnitt in Schwarz, Grün und Rot, um 1911

Erzählen Sie mir, wie es sich entwickelt hat?

Die Händler haben mir immer wieder gesagt, dass ich Geld für meine Arbeiten bekommen würde. Das war aber oft nicht so. Zum Beispiel das Geld für "Fränzi liegend" und "Fränzi stehend" (Anm. d. Red: zwei Bilder von Erich Heckel), das ist mir unterschlagen worden. Das war so üblich gewesen. Die Herrschaften, die Händler, die haben nach allen Seiten betrogen. Immer den Anlieferer und immer den Käufer.

Also waren nicht Sie es, der die Käufer übers Ohr gehauen hat, sondern die Händler.

Ja, die Händler, an die ich verkauft habe, die wussten, was sie da kriegen. Ich hab das alles so billig verkauft, dass es jeder wissen konnte, dass es Fälschungen waren.

Und seit wann haben Sie dann systematisch gefälscht?

Seit 1975, 1976.

Sie selbst nennen sich König der Kunstfälscher. Sind Sie stolz darauf, als Fälscher in die Annalen der Kunstgeschichte einzugehen?

Ja, ich bin ja schon ewig in die Kunstgeschichte eingegangen. Im Louvre steht eine Tafel und da steht mein Name drauf.

Hatten Sie nie Angst aufzufliegen?

Doch. Aber die Händler haben mir enormen Druck gemacht. Ich hatte keine Wahl.

Hatten Sie kein schlechtes Gewissen?

Nee. Ich hab' ja auch Knast gekriegt. Das wurde dann auf Bewährung ausgesetzt. Beihilfe zum Betrug, das ist ja auch schon 'ne strafbare Handlung.

Wissen Sie, was aus den Bildern geworden ist?

Nee.

Rembrandt: "Ansicht Amsterdam von Nordwesten", Radierung / Mrugalla-Fälschung: "Ansicht Amsterdam von Nordwesten" (Größe: 11,2 x 15 cm).. | Bildquelle: picture-alliance/dpa/akg-images / Kerstin Daras. Kombo: ARD.de

Rembrandt: "Ansicht Amsterdam von Nordwesten", Radierung / Mrugalla-Fälschung: "Ansicht Amsterdam von Nordwesten"

Was gehört zu einer guten Fälschung dazu?

Eine hohe Qualität und die Originalmaterialien.

Wie haben Sie das denn geschafft? Die gibt es ja nicht mehr, die Originalmaterialien. Oder?

Doch. Für teures Geld in einem Laden in München. Der hat auch die Farben, die man braucht. Zum Beispiel ein Kilo Azurit, das alte Blau. Das hat vor fünfzehn Jahren 68.000 Mark gekostet. Die Materialien wurden aber alle geliefert, von den Händlern, die das gewünscht haben.

Alles, was Sie brauchten?

So isses. Die feinste Bibliothek, die man dazu braucht. Die ganzen Nachlassstempel zum Beispiel werden im "Lugt"-Verzeichnis aufgeführt (Anm. d. Red: Nachschlagewerk des gleichnamigen niederländischen Kunsthistorikers). Auch 'ne alte Druckerpresse für Radierungen und so weiter. Die kostete 16.000 Mark. Bis hin zu Pinseln und Farben. Kostet ja auch Geld. Die Händler haben geliefert, um Ware zu kriegen. Und die haben auch nicht Kunst gesagt, sondern Ware.

Gab es Händler, die auf Fälschungen spezialisiert waren oder ist so was in jeder Galerie theoretisch denkbar?

Es gibt furchtbar viele Galerien und viele sind nicht koscher.

Und warum meinen Sie, fliegen Fälscher auf? Arbeiten sie nicht gut genug?

Ja. Der letzte, der aufgeflogen ist, mit dieser Sammlung Jägers, der hat Titanweiß genommen. Und Titanweiß gab es erst seit den 1960er-, fast 1970er-Jahren. Man hätte Bleiweiß verwenden müssen. Und altes Zinkweiß, was 150, 200 Jahre alt ist. Vor allem die Pigmente stimmten nicht, die Aufkleber stimmten nicht. Dann nehme ich mir doch den "Lugt" und gehe in die Kunsthalle, um eine Ablichtung davon zu machen und dann kann ich mir in Ruhe raussuchen, was ich brauche. Also von der Warte her wurde sehr geschlampert. Die wollten nur das schnelle Geld machen und abhauen. Aber das ist ja nicht gelungen.

Finden Sie es richtig, dass die Sache um die Sammlung Jägers aufgeflogen ist?

Ja.

Warum?

Weil die abgestraft gehören. Nicht bloß die Händler, auch die Macher. Denn das ist Schlamperei, was die da abgedreht haben.

Mrugalla-Fälschung nach Otto Mueller, "Am Ufer sitzendes Mädchen".. | Bildquelle: Kerstin Daras

Mrugalla-Fälschung nach Otto Mueller, "Am Ufer sitzendes Mädchen".

Wie viele Ihrer Fälschungen sind heute noch im Handel?

Ich schätze, so 1.500 Teile müssten das sein.

Kann es auch passieren, dass man in einem Museum glaubt, vor einem Original zu stehen, und in Wirklichkeit ist es von Ihnen?

Die Möglichkeit besteht. Ich weiß von zwei Bildern in einem Museum in Leipzig. Die hat ein ehemaliger Stasi-Offizier dahin gebracht, der mit Kunst gehandelt hat. Der hat die Museen im Osten beklaut und dann eine Kopie hingehängt. Und hat die Originale im Westen verscheuert, für viel Geld.

Und es bleibt offen, welche Bilder das sind?

Ja, da kann ich Ihnen nichts sagen.

Wird es irgendwann auffliegen?

Ja, allemal.

Wie kommt es, dass die Kunstexperten schon gar nicht mehr erkennen, was eine Fälschung ist und was ein Original?

Die Nummer ist ja die: Sie können den Kunsthistorikern keine Schuld geben, denn wenn manche so gut gemacht sind, dass sie nicht mehr erkennbar sind, dann haben sie keine Chance.

Das Interview führte Rachel Schröder.

Stand: Tue Nov 16 09:54:00 CET 2010 Uhr

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