Hörspielpreis der ARD 2016, nominierte Hörspiele, Statuten

Begründung der Jury

"Von  zwölf Hörspielen der ARD Hörspieltage standen am Schluss für die Jury drei Hörspiele zur Wahl: das gewaltige, surreal-düstere, seltsam aktuelle Gesellschaftstableau „Dshan“ von Lothar Trolle (eine Produktion des SWR), das vielleicht aktuellste Hörspiel  der Hörspieltage, das Hörspiel „Screener“ des jungen Belgiers  Lucas Derycke (eine Produktion des WDR), das uns zeigt, in welcher Hilflosigkeit wir leben, da wir unser eigenes Elend selbst produzieren; und als drittes Hörspiel „Tower of Babel“ von Robert Wilson (eine Produktion des Hessischen Rudfunks mit BBC, NDR, rbb und SWR). In einer Abstimmung zwischen „Sceener“ und „Tower of Babel“ wählte die Jury mit 3:2 Stimmen das Hörspiel von Robert Wilson zum Hörspiel des Jahres.

Unsere Begründung:

Sprachen, Stimmen, Töne und Geräusche – ein Menschenbild als Klangbild. Wilson zertrümmert es mit alttestamentarischen Wucht in seine kleinsten, semantischen Einheiten. Sie stehen zunächst so einzeln, bloßgestellt und unerlöst im Hörraum, dass ein einigendes Motiv oder auch nur der kleinste gemeinsame Nenner eine Gnade wäre. Wilson, so scheint es, löst die zehn Zeilen des Alten Testaments ein und illustriert sie: eins wird das andere nicht mehr verstehen, nie wieder. Mit Blick auf unsere soziale, politische Gegenwart wäre das sogar berechtigt, aber „Tower of Babel“ wird nicht Schockbild eines Trümmerfeldes, sondern zu einer akustischen Spektralanalyse. Die Teile seiner Collage verhalten sich zum Ganzen nicht kalt summarisch, sondern wie die Organe zu einem Organismus. So besonders und beunruhigend sie im Einzelnen auch sind, sie fügen sich als Facette in die Vielfalt eines Großen und Ganzen. Mit nahezu allen Mitteln, die das moderne Hörspiel bietet, widerspricht Wilson dem biblischen Verdikt. Der Mensch der Gegenwart wird nicht mehr Mensch als Gleicher im Gleichen, sondern als je Besonderer unter Besonderen.Das ist es, was uns eint; in dieser Dialektik finden wir zueinander und verstehen uns. Präzise und meisterlich ausgeführt im Detail, ohne jeden Behelf durch Meta-Ebene und didaktischen Kommentar – Robert Wilson schuf in nur siebzig Minuten einen monumentalen Beweis menschlichen Seins in all seinen Ausdrucksformen. Wir hören die Möglichkeiten des Menschen, präzise im Detail und in großer Form, archetypisch und zeitgenössisch. Ein Werk zur rechten Zeit: Es ruft unser Selbstbewusstsein wieder auf, ohne ideologisch zu appellieren. Es beruhigt, so paradox dies erscheinen mag,  unsere Zweifel, indem es eindringlich  die Gefahren zeigt, denen wir ausgesetzt sind, und es schenkt uns das zurück, was wir dieser Tage wohl am meisten benötigen: Mut. Ein großes Ganzes gelingt, weil Robert Wilson mit seinem Co-Regisseur Tilman Hecker sich mit großartigen Schauspielern, Musikern und Mitstreitern dazu verbindet."

Stand: Sun Nov 13 13:25:00 CET 2016 Uhr

Die Stücke im Wettbewerb sind bis zum 14.11. verfügbar

Von David Lindemann | dkultur

Pan Familia

Nach Gotthold Ephraim Lessing | orf

Die Juden

Von Lothar Trolle | swr

Dshan

Von Lucas Derycke | wdr

Gewinner: Screener

Nach Atiha Sen Gupta | ndr

Fatima

Von Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert | sr

Unter W@sser

Von Robert Wilson | hr

Gewinner: Tower of Babel

Von John von Düffel | rb

Wasserspiele

Die Jury

Hermann Beil. | Bildquelle: Reinhard Werner

Hermann Beil

Hermann Beil (Juryvorsitz), geboren 1941 in Wien, ist seit 1963 am Theater: Er arbeitete als Dramaturg in Frankfurt/Main, Basel, Stuttgart und Bochum. Ab 1986 war er am Burgtheater Wien, seit 1999 am Berliner Ensemble, außerdem am Zimmertheater Tübingen und bei den Salzburger Festspielen. Er ist Mitglied des Merlin Ensembles Wien. Er wurde ausgezeichnet mit dem Berliner Theaterpreis und dem Deutschen Kritikerpreis. Seit Oktober 2009 ist er Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Als Rezitator, Schauspieler und auch als Regisseur gastiert Hermann Beil im In- und Ausland.

Hermann Beil. | Bildquelle: Reinhard Werner

Hermann Beil

Elisabeth Schweeger. | Bildquelle: Philip Henze

Elisabeth Schweeger

Elena Zieser. | Bildquelle: privat

Elena Zieser

Oliver Bukowski. | Bildquelle: Karoline Bofinger

Oliver Bukowski

Wolfgang Engler. | Bildquelle: Wolfgang Schmidt

Wolfgang Engler

Darstellung: