Hörspiel im Wettbewerb: Die verlorenen Söhne

28.04.1915, Wünsdorf bei Berlin, Gefangenenlager für Araber . | Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 146-1995-051-33 / CC-BY-SA 3.0 Audio Audio

Hörspiel im Wettbewerb

Die verlorenen Söhne

von Robert Schoen

Vor fast hundert Jahren beginnt Robert Schoens neues Hörspiel "Die verlorenen Söhne". Am 9. März 1918 zählt der aus Tizi Ouzu in Algerien stammende Buhamad Azau ben Ali plötzlich bis zehn. Das Dokument dieses Ereignisses – eine Schellackplatte mit der Archivnummer PK 1229 – wird heute im Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin aufbewahrt. Ort der Aufnahme: das so genannte Halbmondlager bei Wünsdorf in der brandenburgischen Heide südlich Berlins.

Versprengte Söhne Mohammeds aus aller Welt sollten hier einer Gehirnwäsche unterzogen werden, um als dschihadistische Agenten einer deutsch-türkischen Waffenbruderschaft den 1. Weltkrieg doch noch zu Gunsten des Deutschen Reiches zu entscheiden.

An den Reglern: Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen, der sich nicht um Sultane und Schicksale kümmert, den der Kriegskaiser nur als Finanzier seiner Vision interessiert: Den Stimmen der Welt im märkischen Sand nachzulauschen, und sie für die Nachwelt auf Walzen zu ritzen und auf Platten zu pressen.

Am 9. März 2015 sitzt der 37-jährige gebürtige Braunschweiger Etzel Mauss visionsermattet in seiner 20 qm-Wohnung im 11. Pariser Bezirk und schreibt einen Brief:

"Vati! Lieber Vati, ich hoffe, Dir geht es gut. Es tut mir sehr leid, was damals passiert ist. Ich habe einen großen Fehler gemacht ..."

Wenn Herr Mauss den Entwurf seines Briefes vorliest, dann in sogenannter Knarrstimme und unter Verwendung regelmäßiger Hesitations-Vokalisationen. Ohnehin ist die Stimme etwas verbraucht, findet Prof. Dr. Bernd Pompino-Marschall beim Abhören der Aufnahmen aus Paris. Der emeritierte Sprachwissenschaftler weiß in seiner geräumigen Berliner Professorenwohnung auch nicht, ob der Brief an den Vater jemals abgeschickt wird – interessiert ihn auch gar nicht. Was hingegen fasziniert, sind die wilden Interjektionen von Etzel Mauss, interessanterweise ingressiv. Aber auch der Mund- und Rachenraum des Wissenschaftlers selbst eignet sich nicht schlecht für speläologische Spekulationen.

Robert Schoen dichtet zu seinem Stück:

das hörspiel lauscht dem kratzen und schmatzen

von platten und söhnen

dem platzen, knarren und schnarren

verschütteter Seelen

gelegentlich sinkende stimmen auf

mittleren höhen

- ohne schleifen!

hochliegend, obwohl der sinn keine hervorhebung

zu rechtfertigen scheint.

Laute und leise, zerfasert

– montiert, plötzlich, in einem.

Mit: Lorenz Eberle, Robert Schoen und Bernd Pompino-Marschall 

O-Töne: Wilhelm Doegen, Herr Lachiman aus Nepal, Max Myron, Karl Heinrich, Paul Bousquet, Bernard Bilhès, Louis Serrier, Kurt Williger, August Brockmann 

Konzeption und Regie: Robert Schoen 

Produktion: hr 2016 

Länge: 51’55

  • Öffentliche Vorführung: Freitag, 10. November, 16 Uhr, ZKM_Kubus, in Karlsruhe
  • Nach der anschließenden Jurydiskussion findet das Frageforum statt
  • Diskussion und Frageforum können Sie auch im Videolivestream verfolgen

Der Autor

Geb. 1966 in Berlin, dort lebhaft. Wege und Umwege: Erst Kaufmann, dann Studium Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, später Hörspielregie-Volontariat beim Südwestrundfunk, Baden-Baden. Zur Zeit tätig als Hörspielmacher; Auftragsarbeiten und Auslotungen in hörspielerischen Grenzbereichen.

Stand: Fri Sep 22 00:00:00 CEST 2017 Uhr

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