Heidi Heimat

Gewinner des Online Award 2013

"Heidi Heimat" gewinnt den Publikumspreis

Von Robert Schoen

Mit dem Stück von Robert Schoen "Heidi Heimat" gewinnt ein Stück über Menschen, die Asyl suchen, weil sie ihre Heimat verloren haben. Ein Thema, das den Nerv der Zeit trifft. Der Publikumspreis ARD Online Award ist mit 2.500 Euro dotiert.

Die Heidialp bei Maienfeld. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Anhand einer Heidi-Verfilmung ließ Robert Schoen zahlreiche Asylbewerber und Asylanten die Geschichte von Johanna Spyri nacherzählen. Ein Stück über Heimweh und Heimat.

Johanna Spyris weltberühmter Roman Heidis Lehr- und Wanderjahre erschien erstmals 1880 und wurde im darauffolgenden Jahr fortgesetzt mit dem Band Heidi kann brauchen, was es gelernt hat. Der Roman wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und im 20. Jahrhundert durch zahlreiche Verfilmungen zusätzlich popularisiert.

Wie sehr die Figur der Heidi und ihr Heimweh auch im 21. Jahrhundert zum Drama taugt, macht Robert Schoens Versuchsanordnung deutlich, die seinem Hörspiel zugrunde liegt: Anhand einer Heidi-Verfilmung ließ er zahlreiche Asylbewerber und Asylanten Heidis Geschichte nacherzählen. In dieser "oralen Nachschrift" spiegeln sich zugleich die Wünsche und Sehnsüchte der Asylanten selbst und verdeutlichen einen schmerzhaften Heimatverlust. Es entsteht ein präzis orchestriertes Stimmenspiel, das ein mit vielerlei fremden Akzenten durchsetztes Deutsch als einen nicht ganz hoffnungslosen Sprachraum einer multiethnischen Gesellschaft aufscheinen läßt.

"So erinnert sich Mariam aus Somalia daran, wie sie kichern musste, als sie zum ersten Mal die deutsche Sprache hörte. Clement aus dem Kongo kann Heidi gut verstehen, wenn sie hinter Fräulein Rottenmeiers Rücken heimlich Brötchen für die Menschen zu Hause stibitzt, und Irina aus Usbekistan ist ganz empört, weil der Arzt im Hause Sesemann nicht früher erkennt, dass Heidi vor lauter Heimweh langsam krank wird. Heimweh, Heimat – Nino, die nicht zurück nach Georgien darf, sagt: "Eine Wolke hängt an der Spitze des Berges, mein Herz hängt an ihr." Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, aus Iran, Somalia, Kongo, Togo, Angola, Usbekistan, Palästina, Georgien und Guinea, sehen den Film mit anderen Augen und lassen uns daran teilhaben. Ein akustischer Versuch über das Fremde im scheinbar Vertrauten." [Robert Schoen]

Zur Ursendung lobte die SZ Heidi Heimat als ein "originelles, sinnliches Hörspiel" und die Funkkorrespondenz schrieb: "Die Stärke des Stücks ist die Inszenierung des doppelten Blicks. Des Blicks auf den "Heidi"-Film, auf den manche mit unmittelbarer Rührung, andere mit kritischer Distanz reagieren, und des Blicks durch den Film hindurch auf die eigene Geschichte und die Gesellschaft, in der man sich befindet. Die Ambivalenz gegenüber der ursprünglichen Heimat der Nacherzähler, die zwar ein Sehnsuchtsort bleibt, an den man aber nicht zurückkehren kann oder will, wird kontrastiert mit der ambivalenten Gefühlslage die man dem gegenwärtigen Aufenthaltsort entgegenbringt."

In epd medien hieß es: "Die Reaktionen und Reminiszenzen, die "Heidi" hier auslöst, sind weitreichend und vielsagend. […] Aus vielerlei Äußerungen entwickelt Schoen ein lebhaftes, meist klug gegliedertes Stimmenspiel. In transparenter Montage bündeln sich um zentrale "Heidi"-Motive wesentliche Emotionen der Beteiligten. […] Trotz bekannter Schwierigkeiten ist in diesem Dokumentarspiel oft von guten Erfahrungen in Deutschland die Rede. Die positive Gesamtbilanz dieser Migranten wird verstärkt durch die Gesprächsatmosphäre: Bei der Zusammenarbeit mit Schoen erleben sie offenbar das Glück, daß hier gleich zwei Bezugspersonen ihren Heimatverlust ernst nehmen und die Momente des Verkanntseins verstehen - die Schweizer Schriftstellerin von einst und der deutsche Autor von heute."

 

Regie: Robert Schoen

Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann

Länge: 48'44

Mitwirkende: Ghada Mortazavi, Irina Shin, Khadijeh Azarhooshang, Malta Erulu, Midia Mamo, Nino Gamreklidse-Tatischwili, Robin Langdon, Credo, Mabwab Clement Matweta, Mariam aus Somalia, einem Schüler aus der Republik Guinea, einer Frau aus dem Iran und 2 jungen Männern aus Angola

Produktion: hr/ Film- und Medienstiftung NRW 2013

Stand: Sun Apr 14 00:00:00 CEST 2013 Uhr

Der Autor

Robert Schoen. | Bildquelle: Matthias Scheuer

Robert Schoen, geboren 1966 in Berlin. Studium Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Radioarbeiten seit Mitte der 90er. Hörspielpreis der Kriegsblinden 2011 für "Schicksal. Hauptsache Schicksal".

Stand: Sun Apr 14 00:00:00 CEST 2013 Uhr

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