Interview mit Jan Georg Schütte

Interview

"Extreme Abneigung gegen aufgesagten Text"

Gisela Krone im Gespräch mit dem Autor Jan Georg Schütte

Improvisation ist für den Autor Jan Georg Schütte das Mittel der Wahl. Egal ob er seine lebensnahen und bisweilen grotesken Stücke für Kino, Theater, Fernsehen oder Hörspiel inszeniert. Ein Interview über seinen wachsenden Erfolg und sein neues Stück "Mutter und Sohn", das bei den ARD Hörspieltagen uraufgeführt wird.

Jan Georg Schütte. | Bildquelle: privat

Jan Georg Schütte

Mit Ihrem Hörspiel "Altersglühen", einem Stück über Rentner beim Speed Dating, haben Sie 2011 den Deutschen Hörspielpreis der ARD gewonnen. Das Stück basiert auf ad hoc improvisierten Dialogen von Schauspielern, die nur ein Profil ihrer Rolle kennen, aber keinen Text. Woher kommt Ihre Vorliebe für Improvistation?

Ich finde es einfach wunderbar, Schauspieler in einer solchen Freiheit agieren zu sehen und habe ehrlich gesagt auch eine extreme Abneigung gegen aufgesagten Text – wie ich ihn leider sehr sehr häufig in deutschen TV und Filmproduktionen erlebe.

Das Fernsehen wurde ja kurze Zeit nach Ihrer Auszeichnung auf Sie aufmerksam und kaufte "Altersglühen" ein. Mit dabei sind Mario Adorf, Senta Berger, Michael Gwisdek, Matthias Habich, Christine Schorn, Angela Winkler und andere. Die Ausstrahlung ist für den 12. November, 20.15 Uhr, Primetime im Ersten angekündigt. Offenbar setzten die Sender große Hoffnung in dieses neue Format. Ist es das Thema, die Machart oder die Starbesetzung, die Ihnen als Autor diesen Erfolg beschert?

Ich denke, es ist die bestechende Kombination von Thema und Machart, womit ich zunächst die Sender und dann diese Riege von Schauspielern gewinnen konnte. Was, wenn nicht ein Speed Dating, eignet sich so perfekt für eine Improvisation?!

Bei der TV-Produktion wird viel Material aufgezeichnet und erst im Schneideraum entschieden, was hineinkommt und was nicht. Wie viel Arbeit findet im Schnitt statt?

Nur soviel: Wir schneiden seit einem Jahr und sind bei der 70. Fassung angekommen...

Auf den ARD Hörspieltagen wird es eine neue Produktion von Ihnen geben. Das Livehörspiel "Mutter und Sohn" steht auf dem Programm. Worum geht es da?

Eine 70-jährige Mutter, gespielt von Hildegard Schmahl, ist von ihrem Ende 40-jährigen Sohn, der von mir gespielt wird, zum Abendessen eingeladen. Die beiden hatten bisher nicht das beste Verhältnis. Jetzt gibt es neue Umstände, die beide dazu zwingen, wieder aufeinander zuzugehen.

Das klingt nach Spannung. Wie soll man sich eine improvisierte Inszenierung eigentlich vorstellen? Gibt es ein Szenenbild, Kostüme oder Requisiten?

Wir haben natürlich Bob Wilson (Anm. der Red.: gemeint ist Regisseur Robert Wilson) als Bühnenbildner eingeladen, und der Etat wird gerade verhandelt. ... Nein, Scherz beiseite, es ist ja ein Hörspiel - bei dem man eben zugucken kann. Also so wenig Ausstattung wie möglich.

Schnitte, wie sie in der Hörspiel- oder Fernsehfassung von "Speed Dating" gemacht werden, sind live natürlich nicht möglich. Erwartet den Zuschauer dennoch eine spannende Geschichte zwischen Mutter und Sohn?

Ja, gute Frage. Ich habe diese live Performances nach meinem ersten Film "Swinger Club" auch im Hamburger Thalia Theater gemacht. Wir haben praktisch den Film weitererzählt. Die Veranstaltungen waren immer schon Monate vorher ausverkauft. Vielleicht ist es das enorme Risiko, dem sich die Schauspieler hier aussetzen, was die Faszination für das Publikum ausmacht. Was, wenn die sich nix zu sagen haben? Was, wenn die sich komplett zerstreiten? Was, wenn das ausgedachte Setting gar nicht zündet? Was, wenn sie nach 30 Minuten alle Fragen geklärt haben?

Ein Bündel Fragen, die mir jetzt schon schlaflose Nächte verursachen. Aber: no risk no fun. Oder um es weniger salopp zu sagen: Gerade das Risiko, das Spielen ohne Netz und noch dazu vor Publikum, birgt ja auch eine große Chance, sich wirklich überraschen zu lassen. Und wenn es uns Schauspieler überrascht, wird es auch für das Publikum hoffentlich nie langweilig.

Stand: Sun Feb 01 02:13:34 CET 2015 Uhr

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