Multiresistente Keime in Kliniken

Eine Klinikangestellte desinfiziert ihre Hände. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Multiresistente Keime in Kliniken

Hygiene-Albtraum Krankenhaus?

Etwa 400.000 bis 600.000 Menschen infizieren sich jährlich in deutschen Kliniken mit Keimen. Einem Krankenhausaufenthalt sehen deshalb viele Patienten mit gemischten Gefühlen entgegen. ARD.de sprach mit dem Krankenhaushygieniker Michael Borg über aktuelle Gefahren, die Verantwortung des klinischen Personals und die Möglichkeiten, sich selbst zu schützen.

ARD.de: Woran liegt es, dass sich so viele Patienten in deutschen Kliniken mit Keimen anstecken?

Michael Borg: Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil der Infektionen nicht verhindert werden kann, da der Patient sich "an sich selbst" ansteckt. Das passiert z.B. wenn die eigenen Darmkeime über die Harnröhre in die Blase gelangen. So kann es zur Blasenentzündung kommen. Dieses Risiko lässt sich durch geeignete Hygienemaßnahmen reduzieren, aber nicht immer verhindern. Immungeschwächte, ältere und mehrfach vorerkrankte Menschen sind hier besonders gefährdet. Aber auch Hygienemängel - und hier insbesondere die nicht durchgeführte Händedesinfektion des Klinikpersonals - können Gründe sein. Die Kliniken sind dafür verantwortlich, dass die notwendigen Maßnahmen zur Vermeidung dieser Art von Infektionen getroffen und vor allem auch umgesetzt werden.

Michael Borg. | Bildquelle: Michael Borg

Michael Borg, leitender Arzt Krankenhaushygiene, HELIOS Region Nord-West, Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin, Rettungsmedizin

Es ist also völlig natürlich, dass wir mit Keimen besiedelt sind?

Der Mensch trägt viele verschiedene Bakterienarten auf seiner Haut, im Mund-Nasen-Rachenbereich, im Verdauungstrakt usw. Dies ist für unsere Gesundheit auch zwingend erforderlich. Problematisch wird es, wenn diese Keime von der Haut beispielsweise in den Knochen oder eben vom Darm in die Blase gelangen. Auch die Bakterien von anderen Personen können, insbesondere bei einer Abwehrschwäche, gefährlich werden.

Wie groß ist die Gefahr für einen gesunden Menschen, sich im Krankenhaus mit einem  multiresistenten Keim zu infizieren?

Wenn die notwendigen Hygienemaßnahmen beachtet werden, ist die Gefahr für einen gesunden Menschen sehr gering. Allerdings gibt es immer ein Restrisiko. Daher erfolgt z.B. vor einer Operation eine entsprechende Aufklärung über Nebenwirkungen und Risiken, wie sie eine postoperative Wundinfektion darstellt. Dies ist jedoch unabhängig davon, ob ein spezieller Erreger "multiresistent" ist, also unempfindlich gegenüber mehreren Antibiotika, oder nicht. Die Pathogenität, also die Fähigkeit eine Krankheit auszulösen, bleibt gleich. Bei einem multiresistenten Erreger sind jedoch die Therapiemöglichkeiten eingeschränkt, also die Auswahl der zur Verfügung stehenden Antibiotika. Aber auch ein gesunder Mensch kann Träger eines multiresistenten Keimes sein, ohne dass er sich dessen bewusst ist und ohne dass er an diesem Erreger erkrankt. 

In welchen Krankenhausbereichen ist man am meisten gefährdet?

In den sogenannten Risikobereichen, also im Operationssaal, auf der Intensivstation, in der Neugeborenenabteilung oder auf Stationen, in denen Patienten mit geschwächtem Immunsystem liegen. Die Patienten in diesen Bereichen sind durch ihre Erkrankungen bzw. durch die durchzuführenden Prozeduren gefährdet. Daher gelten hier besonders hohe Anforderungen an die Hygiene und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen.

Was tun deutsche Krankenhäuser konkret, um Patienten vor diesen Keimen zu schützen?

Durch das Infektionsschutzgesetz aus dem Jahr 2000 mit den Änderungen aus 2011 und 2013 sowie den nachfolgenden Hygieneverordnungen auf Länderebene wurden den Kliniken vom Gesetzgeber Auflagen gemacht, um Patienten vor Keimen zu schützen. Die Auflagen umfassen beispielsweise die Dokumentation von im Krankenhaus erworbener Infektionen oder das Vorkommen von bestimmten, auch multiresistenten, Erregern.

Außerdem ist jede Klinik verpflichtet, pflegerisches und ärztliches Personal vorzuhalten, das hauptberuflich auf Krankenhaushygiene spezialisiert ist. In dem Hygieneplan einer Klinik muss zudem u.a. hinterlegt sein, wie der Umgang mit multiresistenten Erregern in der Einrichtung erfolgt - insbesondere unter Berücksichtigung des Patientenschutzes.

Die wesentliche Maßnahme zum Schutz vor gefährlichen Erregern ist und bleibt die sogenannte Basishygiene. Diese umfasst neben der Händedesinfektion den korrekten Umgang mit Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Handschuhen, Schürzen oder Kitteln, sowie die Anwendung von Desinfektionsmitteln.

Ein weiterer Punkt ist die Kontrolle der Antibiotika-Anwendung. Auch hier sind die Kliniken verpflichtet, die Verbräuche zu messen, um festzustellen, welche Antibiotika wie häufig in der Klinik angewandt werden.

Warum werden in Deutschland nur Risikopatienten auf multiresistente Erreger getestet?

In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass bei bestimmten Gruppen von Menschen multiresistente Erreger häufiger vorkommen. Menschen mit vielen Krankenhausaufenthalten, mit mehrfacher Antibiotikabehandlung, sowie Patienten mit chronischen Wunden oder andauernder Pflegebedürftigkeit haben ein erhöhtes Risiko mit multiresistenten Erregern besiedelt zu sein.

Ebenso gibt es regionale Unterschiede im Vorkommen dieser Erreger. So ist z.B. eine große Klinik in einem Einzugsbereich mit mehreren Pflegeheimen viel häufiger mit der Problematik konfrontiert, als eine Rehaklinik für Sportverletzungen. Jede Klinik sollte mit Hilfe ihres Krankenhaushygienikers festlegen, bei welchen ihrer Patientengruppen ein Test auf multiresistente Erreger sinnvoll ist.

In den Niederlanden werden Patienten mit MRSA auch saniert, das heißt, von den Keimen befreit und erst dann behandelt. Warum ist das in Deutschland nicht möglich?

Das ist in Deutschland durchaus möglich und wird auch so umgesetzt. Gerade vor planbaren Operationen sollte geprüft werden, ob und wie diese Sanierung durchgeführt werden kann. Die Sanierung kann mittlerweile auch bei einem entsprechend zertifizierten niedergelassenen Arzt durchgeführt werden. Diese Angebote müssen aber noch flächendeckender erfolgen.

Ein relativ neuer Ansatz ist es, vor Eingriffen mit erhöhtem Infektionsrisiko oder bei Behandlung auf der Intensivstation durch bestimmte Maßnahmen die Zahl der Erreger zu reduzieren, z.B. die auf der Haut des Patienten. Hierbei ist es unerheblich, ob der Erreger multiresistent ist oder nicht, da diese Maßnahmen bei allen Erregern wirken.

Wer überwacht die Krankenhäuser in Bezug auf die Hygiene?

Dies ist Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes, also der Gesundheitsämter vor Ort.

Können die Gesundheitsämter eine solche Überwachung überhaupt leisten?

Wenn der Gesetzgeber es einfordert, müssen die Länder und Kommunen auch in die Lage versetzt werden, dies umzusetzen. Hierzu gehört neben der ausreichenden personellen Ausstattung auch die entsprechende Qualifikation. Wir wünschen uns bezüglich der Krankenhaushygiene in den Gesundheitsämtern kompetente Ansprechpartner, die uns in unseren Bemühungen partnerschaftlich unterstützen.

Stand: Mon Jan 16 00:00:00 CET 2017 Uhr

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