Bärbel Höhn im Interview

Mutterschwein in einem Käfig, umgeben von Ferkeln, die nach oben schauen. | Bildquelle: colourbox.de

Interview mit Grünen-Politikerin Bärbel Höhn

"Die Regierung will die Massentierhaltung"

Die Massentierhaltung gilt als eine der Ursachen für die Ausbreitung tödlicher Keime. Warum ein Verbot der industriellen Tierhaltung nicht sinnvoll ist und was die Politik dringend tun müsste, darüber sprach ARD.de mit der Umweltpolitikerin Bärbel Höhn.

ARD.de: Frau Höhn, eine der Ursachen für die Zunahme multiresistenter Keime ist die Massentierhaltung mit ihrem teils exzessiven Antibiotika-Einsatz. Was kann von politischer Seite getan werden, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Bärbel Höhn: Wichtig ist, dass in der Massentierhaltung keine Reserve-Antibiotika mehr eingesetzt werden dürfen. Das sind die Wirkstoff-Gruppen, die man eigentlich als Reserve in der Hinterhand haben will, wenn die älteren Antibiotika-Gruppen auf Grund von Resistenzen zunehmend wirkungslos werden. Sie werden aber immer häufiger auch in Tiermastställen eingesetzt, und das darf nicht sein. Denn anders als in der Humanmedizin werden sie oftmals falsch nur für einen kurzen Zeitraum gegeben. Und das bedeutet, dass die Bakterien resistent werden. Der zweite Punkt ist: Es kann nicht sein, dass Tierärzte Mengenrabatte erhalten. Dadurch haben sie ein eigenes Interesse, große Mengen zu verschreiben und zu verkaufen.

"Familienbetriebe sollten eine Chance haben"

Der Bundeslandwirtschaftsminister will sich für weniger Antibiotika in der Nutztierhaltung einsetzen. Aber irgendwie hat man den Eindruck, dass in Deutschland relativ wenig passiert, um dieses Problem zu bewältigen. Täuscht der Eindruck?

Nein, der Eindruck täuscht überhaupt nicht. Wir haben ja durchaus in anderen EU-Ländern große Vieh-Bestände. Trotzdem wird da anders umgegangen mit Medikamenten. Zum Beispiel die Niederlande sind uns da voraus oder auch die Dänen. Die gehen mit der Gefährlichkeit dieser multiresistenten Keime anders um. Diese Entwicklung ist hier ein Stück weit verschlafen worden. Wir müssen uns endlich kümmern. Und zwar mehr als bisher. Aber solange die Regierung die Massentierhaltung weiter politisch will und sie sogar noch ausbauen will, ist auch die Ursache dieses Problems nicht beseitigt. Und deshalb müssen wir auch darüber sprechen, wie man eine andere Landwirtschaft betreiben kann, so dass bäuerliche Familienbetriebe, die es anders machen wollen, überhaupt eine Chance auf dem Markt haben.

Wenn Länder wie Dänemark und die Niederlande es schaffen, etwas zu ändern, warum ist das hierzulande so schwierig? Ist die Lobby zu stark? Das Problem besteht ja nicht erst seit gestern.

2005 hat der damalige neue Landwirtschaftsminister Seehofer gesagt, diese grüne Landwirtschaftspolitik, muss beendet werden. Auch mein Nachfolger in Nordrhein-Westfalen, Umweltminister Uhlenberg (Eckhard Uhlenberg, CDU, Anm. d. Red.), hat in seiner Amtszeit von 2005 bis 2010 aktiv den Schweinebestandes im Münsterland um 50 % erhöht. Das heißt, die haben ganz klar gesagt, wir setzen auf eine Exportstrategie. Wir produzieren mehr Fleisch als wir hier brauchen, den Überschuss verkaufen wir in die Welt. Das ist die Strategie einer neuen Landwirtschaftspolitik, die von CDU und CSU nach vorne getrieben wird. Und deshalb wollen sie das System erhalten und gehen nicht an den massiven Einsatz von Medikamenten heran. Es ist auch kein politischer Wille da, etwas zu tun.

Geht es da vor allem um Profit oder ist das auch der EU-Gesetzgebung geschuldet?

Nein, das ist nicht unbedingt der EU-Gesetzgebung geschuldet. Man könnte das auch anders machen. Vor allem hätte man ja bei der Agrarreform dafür sorgen können, dass stärker als bisher bäuerliche Familienbetriebe gestützt werden, wie es der damalige EU-Agrar-Kommissar Dacian Cioloș gefordert hat. Stattdessen wurden die Weichen so gestellt, dass nur fünf Prozent der Betriebe 42 Prozent der EU-Direktzahlungsansprüche bekommen. Das sind 2,4 Milliarden Euro. Und das führt zu einer noch stärkeren Konzentration. Hier gibt es auch ein politisches Interesse. Die CDU/CSU hat sich sehr klar für die großen Strukturen entschieden. Obwohl sie in Bayern das Gegenteil vertritt, das ist auch verrückt. Aber sie macht eine klare Politik für den Export, für noch mehr Fleischproduktion und damit für die ganzen negativen Folgen, die wir hier zu bezahlen haben.

"Wir brauchen eine Kennzeichnung wie bei Eiern"

Was halten Sie von der "Initiative Tierwohl", dem Bonussystem von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel. Seit dem 1. Januar 2015 wollen Supermarktketten vier Cent pro Kilo Fleisch oder Wurst in einen Fonds einzahlen. Daraus erhalten dann die Betriebe einen Zuschuss, die etwas für das "Tierwohl" tun. Kritikern reicht das nicht, weil das System auf freiwilliger Basis funktioniert.

Ja, ich finde auch, es wäre viel besser, wenn wir eine ganz einfache Kennzeichnung hätten. Ähnlich wie bei den Eiern. Wenn da eine 3 vorne draufsteht, dann ist das ein Käfig-Ei. Da haben wir erreicht, dass die Käfig-Eier aus den Regalen verschwunden sind. Die wollte keiner mehr kaufen. In den verarbeitenden Produkten sind sie noch drin, weil es da diese Kennzeichnung nicht gibt. Wenn wir die Kennzeichnung auch beim Fleisch hätten, würde das, glaube ich, sofort dazu führen, dass die Leute sagen, das will ich dann doch lieber nicht kaufen. Die Käfighaltung bei den Legehennen haben wir damit zu einem Auslaufmodell gemacht.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat sich lobend über die "Initiative Tierwohl" geäußert. Reine Lobbypolitik also?

De facto ist das "Tierwohl" eine Stabilisierung des jetzigen Systems. Es wird ein bisschen was zugestanden, aber das System wird noch weiter industrialisiert und noch weiter intensiviert, das ist ja das Ziel in der Zukunft. An dem Grundübel wird nichts geändert.

Es gibt eine neue Lebensmittelverordnung, nach der auf der Verpackung Mast- und Schlachtort angegeben werden sollen. Woher soll der Verbraucher wissen, welche Bedingungen in den Betrieben jeweils herrschen?

Ja genau, seit der BSE-Krise galt die Kennzeichnungspflicht für Rinder, und die ist jetzt auf weitere Tiere ausgedehnt worden. Die viel wichtigeren Frage, nämlich “wie ist ein Tier gehalten worden, unter welchen Bedingungen?“ wird komplett ausgeklammert.

Stand: Mon Jan 16 00:00:00 CET 2017 Uhr

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Antibiotika-Resistenzen

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